Dr. Dollas Diagnose (54) : Schweinsteiger und die Geduldsfrage

Bastian Schweinsteiger musste nach seinem Außenbandriss wochenlang pausieren. Auch gegen Marseille wird er wohl noch fehlen. Sportmediziner Dr. Thorsten Dolla erklärt in seiner neuen Kolumne, warum so viel Geduld gefragt ist.

Dr. Thorsten Dolla
Das rechte Fußgelenk bereitet Bastian Schweinsteiger seit Wochen Sorgen.
Das rechte Fußgelenk bereitet Bastian Schweinsteiger seit Wochen Sorgen.Foto: dapd

Ein Einsatz in der Champions League am Mittwoch bei Olympique Marseille kommt für Bayern Münchens Mittelfeldspieler Bastian Schweinsteiger wohl noch zu früh. Der 27-Jährige hatte Anfang Februar einen Außenbandriss erlitten. Immer wieder brach er wegen anhaltender Schmerzen im Fußgelenk Reha-Einheiten ab. Wieso ist die Verletzung so hartnäckig? Sind Fußballprofis nicht schneller fit und spielen oft schon nach wenigen Tagen wieder?

Die Verletzung des vorderen Außenbandes ist eine der häufigsten Sportverletzungen überhaupt. Besonders in Sportarten mit vielen dynamischen Richtungsänderungen und damit auch vielen Drehbewegungen im Fuß (Fußball, Basketball, Handball, Tennis, Badminton) kann es zu einem so genannten Supinationstrauma kommen. Dabei wird das Sprungbein bezogen auf die Unterschenkelachse nach innen gedreht (supiniert). Der Fuß knickt über das normale Bewegungsmaß nach innen weg und es kommt zur massiven Überdehnung, zu einem Teileinriss oder zur kompletten Ruptur des an der Außenseite liegenden Halteapparates. Dabei kann es auch zu einer Instabilität des Sprunggelenkes kommen.

Die Untersuchung des Fußes zeigt eine Schwellung, die durch Zerreißung von Blutgefäßen entsteht, und einen Druckschmerz vor dem Außenknöchel. Häufig liegt auch eine Bewegungseinschränkung des oberen Sprunggelenkes vor. Das Gangbild ist humpelnd. Nach wenigen Stunden kann ein Bluterguss unterhalb des Knöchels entstehen. Auch ein Bluterguss zwischen den Zehen ist nicht ungewöhnlich. Nach der Erstversorgung mit einem Kompressionsverband oder einer Aircastschiene sowie Hochlagerung des Fußes, kann zum Ausschluss einer Fraktur eine Röntgenaufnahme durchgeführt werden. Ein MRT (Magnetresonanztomographie) stellt die Bandstrukturen und auch den Gelenkknorpel deutlich dar.

Sportmediziner Dr. Thorsten Dolla.
Sportmediziner Dr. Thorsten Dolla.Foto: promo

Durch die Komplexität der Verletzungen im Sprunggelenk muss bei Beurteilung der Krankheitsdauer die exakte Verletzung bekannt sein. Nur so ist zu erklären, dass bei nicht genauer Bekanntgabe der Diagnose ein Fußballer nach einer Woche wieder spielen kann, ein anderer aber erst nach sechs Wochen. Ist es beim Unfall auch zu einer Verletzung des Gelenkknorpels gekommen, ist ein längeres Aussetzen der sportlichen Belastung oft unumgänglich. Beim Umknicken des Sprunggelenkes kann es auch zu einem Knochenbruch im Sprunggelenk kommen. Dabei unterscheidet man einen Abriss an der Spitze des Außenknöchels von der sehr viel komplexeren Sprunggelenksluxationsfraktur. Diese muss operativ versorgt werden.

Auch wenn im Hochleistungssport der Sportler selbst möglichst rasch wieder in den Wettkampf einsteigen möchte, ist aus medizinischer Sicht eine längere Pause für die verletzten Strukturen notwendig. Auf längere Sicht erweist sich aber eine größere Geduld aber auch für den Sportler und dessen Verein oft genug als richtig. Schließlich haben die Bayern und Schweinsteiger in dieser Saison noch große Ziele.

Der Berliner Orthopäde Dr. Thorsten Dolla, 48, ist seit vielen Jahren in der Sportmedizin tätig. Er war Mannschaftsarzt bei Hertha BSC, beim 1. FC Union und dem Footballteam Berlin Thunder. Beim ISTAF war er bis 2009 leitender Arzt und ist heute Ringarzt beim Boxen. Für Tagesspiegel.de schreibt er regelmäßig über Sportverletzungen und ihre Folgen.

Aufgezeichnet von Michael Rosentritt

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben