Dr. Fegelers Sorgenkinder : Was jetzt Not tut

Was brauchen Kinder und Jugendliche jetzt in der Flüchtlingskrise? Mit wichtigen Ratschlägen verabschiedet sich unser Kolumnist, der Berliner Kinderarzt Ulrich Fegeler, von seinen Lesern.

Ulrich Fegeler
Ulrich Fegeler
Ulrich FegelerFoto: Privat

Die UN-Kinderrechtskonvention, die unter anderem von der Bundesrepublik Deutschland unterzeichnet wurde, ist unser Maßstab: Alle Kinder und Jugendlichen haben Anspruch auf die in unserem Land bestmögliche gesundheitliche Versorgung. Die Hilfsbereitschaft in der Bevölkerung ist riesig, auch unter den Ärzten. Dringend notwendig sind die Überprüfung des Impfstatus der Kinder und gegebenenfalls Nach- beziehungsweise Auffrisch-Impfungen. Hierzu hat die ständige Impfkommission (StIKo) eine sehr hilfreiche Empfehlung herausgegeben. Besonders wichtig ist ein ausreichender Schutz gegen Masern, aber auch gegen Keuchhusten und Windpocken, da diese Erkrankungen sich besonders rasch verbreiten. Wie ich gehört habe, gelingt es in manchen Bezirken allerdings nicht, ausreichend Impfstoff bereitzustellen, da die Haushaltsmittel gesperrt sind. Auch der Versicherungsschutz der impfenden Ärzte ist nicht überall klar geregelt.
Empfehlenswert für Erwachsene wie Kinder ist auch eine generelle Impfung gegen die echte Grippe, die sogenannte Influenza. Kinder zwischen 2 und 6 Jahren können einen Impfstoff erhalten, der in die Nase eingetropft wird. Die Frage ist, ob genügend Impfstoff produziert wurde. Werden jetzt ausreichende Mengen organisiert, dann kann in den kommenden Wochen losgelegt werden.

Seelisch traumatisierte Kinder sollten therapeuthisch behandelt werden

Neben der Erstbehandlung der frisch eingetroffenen Flüchtlinge geht es auch um die Dauerbehandlung der chronisch kranken Kinder und Jugendlichen. Diese sind häufig nicht nur auf bestimmte Medikamente, sondern auch auf Hilfsmittel wie Rollstühle und Prothesen angewiesen. Hier sollte auf bürokratische Hemmnisse verzichtet werden, Leitgedanke ist die Behandlung nach den Bestimmungen des Sozialgesetzbuches. Außerdem müssen wir uns selbstverständlich darum kümmern, dass die häufig seelisch traumatisierten Kinder und Jugendlichen therapeutisch behandelt werden.

Mir ist bewusst, dass die Berliner Verwaltung sehr viel leistet, um den Menschen das Ankommen zu erleichtern. Ein Problem und bürokratisches Ärgernis ist die Art und Weise der Ausstellung des sogenannten grünen Versicherungsscheines, der zur Inanspruchnahme von medizinischen Leistungen berechtigt. Dieser Schein muss gegenwärtig gesondert beantragt werden. Das erfordert erneute Fahrten quer durch Berlin und Wartezeit vor dem LaGeSo. Zudem wird er nur nach der Erfassung ausgestellt. Sehr viele Flüchtlinge sind aber nicht erfasst und warten hierauf seit Wochen, haben aber teilweise dringenden medizinischen Behandlungsbedarf. Ein erster Schritt wäre, bereits im Rahmen der Registrierung auch gleich eine Versicherungschipkarte auszustellen, wie es bereits in einigen Bundesländern praktiziert wird. Nach Angaben der Senatsgesundheitsverwaltung soll die Versichertenkarte noch in diesem Jahr eingeführt werden. Wir sollten generell eher pragmatisch als bürokratisch vorgehen, damit eine schnelle und gute medizinische Versorgung gelingen kann.

Besonders mit Minderjährigen muss man sensibel umgehen

Ein besonders sensibles Eingehen brauchen auch die unbegleiteten Minderjährigen, die bei Zweifeln an ihrem Alter unter Umständen geröntgt und teilweise mit einer für ihren kulturellen Hintergrund entwürdigenden Untersuchung (Genitalienuntersuchung) konfrontiert werden. Ganz anders geht man mit den jungen Menschen zum Beispiel in Schweden um: Dort gehen die Behörden erst einmal davon aus, dass der Antragsteller bezüglich seines Alters die Wahrheit sagt. Dann werden in einem sogenannten „holistischen“ Ansatz die Schulentwicklung beziehungsweise den Ausbildungsstand beurteilt, um die jungen Menschen rasch in eine Ausbildung oder einen Beruf zu bringen. Dies bedeutet nachweislich eine bessere Integrationschance als das monatelange Verweilen in Massenunterkünften.

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