Gesundheit : Dr. Gnadenlos

Inventar der „Euthanasie“-Morde jetzt öffentlich zugänglich

Rosemarie Stein

Fast genau am heutigen Standort der Berliner Philharmonie, in einer Villa in der Tiergartenstraße 4, wurde 1940 die bürokratische Kommandozentrale der „Aktion T 4“ eingerichtet. Mit der „Aktion“ begannen die nationalsozialistischen Massenmorde: Die Heil- und Pflegestätten hatten alle nicht arbeitsfähigen psychisch Kranken und geistig Behinderten schon im Herbst 1939 melden müssen. Seit Januar 1940 wurden sie nach und nach „verlegt“: in Tötungsanstalten, wo freiwillig arbeitende Mediziner ihnen todbringende Spritzen verabreichten oder sie mit Gas ermordeten. Manche der Patienten lieferten sie auch dem Hungertod aus.

Das NS-System versuchte, die Krankenmorde geheim zu halten – vergeblich. Proteste vor allem der Kirchen führten zum offiziellen Ende der zentral gesteuerten „Aktion T 4“ im August 1941. Einer zeitgenössischen Statistik – sie betraf die angeblich durch die Tötungen ersparten Kosten – ist zu entnehmen, dass bis dahin 70 273 Kranke und Behinderte ermordet wurden. Das Töten ging jedoch „dezentral“ weiter. Die Zahl der Opfer bis 1945 ist noch nicht bekannt.

Kulturstaatsministerin Christina Weiss nannte jetzt die Schätzzahl von etwa 200 000 „Euthanasie“-Opfern. Gemeinsam mit dem Bundesarchiv in Berlin-Lichterfelde und der Bundesärztekammer stellte sie in Berlin ein außergewöhnliches Projekt zur Erschließung der bislang unübersichtlichen, weit verstreuten Quellen vor.

Für das öffentlich zugängliche „Inventar der Quellen zur Geschichte der ,Euthanasie’-Verbrechen1939-1945“ erhoben Wissenschaftler in internationaler Zusammenarbeit Informationen aus 296 Archiven mit 740 Archivbeständen in vier Ländern: 614 in Deutschland, 85 in Polen, 31 in Österreich und zehn in Tschechien. Die internationale Kooperation bezeichnete Klaus Oldenhagen, Vizepräsident des Bundesarchivs, als „ausgezeichnet“.

Dieses Erschließungsprojekt, dessen geschichtswissenschaftliche und moralische Dimension alle Beteiligten hervorhoben, verbessert die Grundlagen zur Erforschung der „Euthanasie“-Verbrechen. Auf Dachböden oder in Kellern von Krankenhäusern und Heimen lagern Akten, die bislang nicht zugänglich waren. Die noch bestehenden erheblichen Forschungslücken können jetzt mit Hilfe des Inventars geschlossen werden.

Finanziert wurde die dreijährige Arbeit vor allem von der Deutschen Forschungsgemeinschaft; die Recherchen in Polen von der Robert Bosch Stiftung. Auch die Bundesärztekammer unterstützte das Projekt. Ihr Ehrenpräsident Karsten Vilmar sagte: „Wir müssen uns der Wahrheit stellen.“ Ärzte hätten in der Zeit des Nationalsozialismus Tod und Leiden von Menschen „herbeigeführt, angeordnet oder gnadenlos verwaltet“. Nur wenige kritische Ärzte äußerten ihre Ablehnung. „Die übergroße Mehrheit der Ärzte schwieg oder war einverstanden“, so Vilmar.

Die Datenbank im Internet:

www. Bundesarchiv.de /findbuecher/stab/euth/einfueh.php

Telefonisch: 01888-7770400

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