Gesundheit : Dr. Piefke kommt

Medizinstudenten aus Deutschland strömen nach Österreich. Dort reagiert man mit harten Prüfungen und E-Learning

A. Müller-Lissner[Wien/Graz]

Mit der EU hat es Österreich zurzeit nicht leicht: Anfang Juli standen Tausende junger Deutscher vor den Toren der Medizinischen Universität der Hauptstadt. Über 3000 Anwärter für das Medizinstudium meldeten sich auch in der weit kleineren Unistadt Graz. Verstärkt fanden sich auch junge Deutsche mit den Studienzielen Psychologie, Pharmazie, Betriebswirtschaft, Kommunikationswissenschaft, Tier- und Zahnmedizin in den Immatrikulationsbüros der Universitäten der Alpenrepublik ein.

Ein Urteil des Europäischen Gerichtshofes vom 7. Juli hatte den Studierwilligen den Weg gewiesen. Der EuGH – eine Abkürzung, die seit diesem Sommer zum aktiven Sprachschatz der Österreicher gehört – fordert nämlich gleiches Recht für alle EU-Bürger. Und weil es in Österreich ehernes Prinzip ist, dass das Abitur (dort: Matura)-Zeugnis allein allen Inländern den Zugang zum Studium eröffnet, soll das von nun an auch für Abiturienten aus anderen Mitgliedstaaten gelten.

Bisher hatten deutsche Anwärter nachweisen müssen, dass sie im Heimatland einen der begehrten Plätze ergattert hatten. Die durch die gemeinsame Muttersprache begünstigten und zugleich durch die Barriere des Numerus Clausus am Studium in der Heimat gehinderten deutschen Medizin-Aspiranten drohten nach dem EuGH-Urteil durch schiere Masse den Studien-Betrieb lahm zu legen. Und das umso mehr, als reformierte Studiengänge für angehende Ärzte in Österreich inzwischen vorwiegend praxisorientierte Arbeit in Kleingruppen vorsehen. Die Regierung reagierte jedoch umgehend – und erlaubte schon am 8. Juli den Universitäten erstmals, die Aufnahme in den betroffenen Fächern zu begrenzen.

So ist vom verstärkten Ansturm an den drei Medizinischen Hochschulen Wien, Graz und Innsbruck nichts zu bemerken. Selbst in Graz nicht, wo alle 3300 elektronisch vorerfassten Interessenten – die offizielle Einschreibung wird das Büro noch bis Ende November auf Trab halten – das begehrte Studium aufnehmen dürfen. Allerdings sind sie ausdrücklich gebeten, damit zu Hause zu beginnen. Computer statt Hörsaal: Pünktlich zu Semesterbeginn wurde am 1.Oktober um 0Uhr der „Virtuelle Medizinische Campus“ (VMC) für Inhaber einer PIN freigeschaltet, eine „eLearning-Plattform“. In drei Modulen sollen die Studierenden sich dort die Grundlagenfächer Physik, Chemie, Biologie, Anatomie, Physiologie und Histologie (Gewebskunde) aneignen, „jeweils mit Berücksichtigung der medizinisch-klinischen Anwendung“.

Nur 100 der über 3000 Anfänger, die nun im stillen Kämmerchen büffeln, werden einen der begehrten Plätze für das zweite Semester bekommen. Dafür müssen sie nicht nur die Tests zu den diversen „Lernobjekten“ mit einer Trefferquote von jeweils mindestens 85 Prozent bewältigen. Sie müssen auch die abschließenden Prüfungen im Januar bestehen, für die eigens der größte Saal der Stadt in der Stadthalle angemietet wurde. „Wir lassen alle hinein, doch dann folgt eine harte Reihungsprozedur“, so beschreibt Gilbert Reibnegger, Vizerektor für Studium und Lehre die Grazer Linie. Dass auch für dieses äußerst häusliche erste Semester, für das die Studenten nicht einmal ihren Lebensmittelpunkt nach Graz verlegen müssen, Studiengebühren anfallen, findet der Vizerektor gerechtfertigt: „Die Erarbeitung der Studieninhalte war sehr aufwändig, wir haben viel Geld für Hardware und Programme ausgegeben.“ Kontakt mit den Hochschullehrern sollen die Studenten per E-Mail aufnehmen können. Eigens dafür engagierte Studenten höherer Semester sortieren die elektronische Post vor und stellen Antworten auf „häufig gestellte Fragen“ ins Netz.

Im Unterschied zu den Medizinern wollten die Grazer Psychologen und Betriebswirte noch vor Semesterbeginn mit einer Eingangsprüfung klare Verhältnisse schaffen. Doch zum Vortest kamen längst nicht alle Interessenten. So können alle, die an der Prüfung teilnahmen, auch studieren. Und in Betriebswirtschaft bleiben sogar Plätze frei.

Die 1560 Erstsemester-Studienplätze der Medizinischen Universität Wien (MUW) sind dagegen restlos besetzt. Dort kamen die Schnellsten zum Zuge, das hatte die Uni-Leitung gleich entschieden, als die Regierung den Unis nach dem EuGH-Urteil grünes Licht für die Auslese gab. Der Münchner Max Zauleck ist einer von 267 Deutschen, die es geschafft haben. „Im Juli habe ich mehrere Nächte vor der Uni campiert“, erzählt er. „Als das Büro öffnete, war ich unter den ersten, die sich einschreiben konnten.“ In Deutschland hat Zauleck seit 2003 auf einen Studienplatz gewartet. Durch Freunde in Wien wusste er, dass dort eine Lockerung der Bestimmungen zu erwarten war.

Weil die österreichischen Unis sich nach dem EuGH-Urteil an das deutsche NC-Verfahren nicht mehr „anhängen“ dürfen, werden nun, um der Flut deutscher Bewerber EU-konform Herr zu werden, dort auch erstmals „Landeskinder“ zurückgewiesen. In den Medien lösten die neuen Zulassungsbeschränkungen teilweise Empörung aus. In den Hörsälen gebe es aber kein böses Blut, versichert ein deutscher Student: „Die Österreicher, die ich treffe, haben keinen Grund, sauer zu sein: Sie sind ja ebenfalls drin!“ Auch von den Professoren habe er noch keine „Piefke“-kritischen Äußerungen gehört, ergänzt ein anderer.

Wenn die Hochschullehrer schimpfen, dann eher auf die Politik. Das Urteil und der Ansturm seien vorhersehbar gewesen, sagt Rudolf Mallinger, Vizerektor für Lehre an der MUW. „Der Kardinalfehler wurde wahrscheinlich schon 1992 gemacht, weil das Problem des Hochschulzugangs nicht Gegenstand der Beitrittsverhandlungen zur EU war.“ Vor allem aber ist er überzeugt: „Der Zustand war schon vor dem EuGH-Urteil nicht befriedigend.“ Immerhin konnten in Wien in den letzten Jahren jeweils nur 600 von über 1500 Medizinstudenten des ersten Jahres auch im zweiten weitermachen. Die anderen scheiterten an der strengen „Summativen Integrierten Prüfung“ (SIP) am Ende des Studienjahres. „Da finde ich es besser, vor dem Studium eine gute Auswahl zu treffen“, sagt Mallinger.

Beim diesjährigen Wiener – und auch Innsbrucker – Zugangsprinzip „Wer zuerst kommt, mahlt zuerst“ soll es nicht bleiben. Mallinger und sein Innsbrucker Kollege Manfred Dierich haben sich jetzt geeinigt, so bald wie möglich den „Eignungstest für das Medizinstudium in der Schweiz“ (EMS) zu übernehmen. Er wurde von Testpsychologen entwickelt und ist seit acht Jahren in der Schweiz im Einsatz. „Das System ist gerecht, weil die, die im Test gut abschneiden, nachweislich auch die besten Studienerfolge haben“, erklärt Mallinger.

Ein mit mundartlichen Begriffen gespickter Test, wie er in einer Glosse der „Salzburger Nachrichten“ als „Numerus austriacus medicinalis“ zur Abwehr der deutschen Bewerber empfohlen wurde, wird jedenfalls nicht ernsthaft erwogen.

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