Gesundheit : Drei Bausteine auf dem Weg zum Nachbarn

DOROTHEE NOLTE

An der Freien Universität werden künftig Frankreichwissenschaftler ausgebildet / ModellversuchVON DOROTHEE NOLTEAn den Berliner Universitäten hat Frankreich Konjunktur.Gleich zwei Hochschulen warten im kommenden Semester mit frankreichbezogenenen Neuerungen auf: Die Technische Universität eröffnet ihr "Frankreich-Zentrum", das einen Aufbaustudiengang anbieten wird (Bericht folgt); die Freie Universität führt einen neuen Diplomstudiengang "Frankreichstudien" ein.Auf beiden Seiten beteuert man, die zwei Angebote verstünden sich "nicht als Konkurrenz, sondern als Ergänzung", und man setze auf Kooperation. Wie sieht eine diplomierte Frankreichwissenschaftlerin aus? Sie kennt sich nicht nur in französischer Literatur und Sprache aus, sondern hat auch Kurse und Prüfungen in Jura, Volkswirtschaft und Theaterwissenschaft absolviert; praktische Erfahrungen mit dem Nachbarn hat sie in mindestens einem Auslandssemester und einem Praktikum gesammelt.Genau neun Semester hat sie gebraucht, um sich anschließend selbstbewußt und interkulturell kompetent auf dem Arbeitsmarkt zu tummeln, zwischen internationalen Organisationen, Behörden, Verlagen und Unternehmen.Ah oui! In knapp fünf Jahren wird man die ersten solchen Wesen aus einem Berliner Stall begrüßen dürfen.Genau zwanzig Studierende werden im Wintersemester den neuen Diplomstudiengang "Frankreichwissenschaften" an der FU beginnen und - als Teilnehmer an einem Modellversuch - ein privilegiertes Häufchen innerhalb der rund 2300 Romanistik-Studenten bilden. "Diese Studenten werden besser beraten und betreut werden als die anderen", sagt Klaus W.Hempfer, Professor für französische und italienische Literatur und Initiator des Studiengangs.Wo gibt es das schon, daß zwanzig Studienanfänger zu Semesterbeginn einen ganzen Tag mit ungefähr 13 Professoren im Clubhaus der FU verbringen dürfen, um sich von ihnen ins Studium einführen zu lassen? Jedenfalls nicht im Massenfach Romanistik mit seiner durchschnittlichen Studiendauer von 14 Semester."Wenn man das Studium reformieren will, muß man in kleinen Teilbereichen beginnen", rechtfertigt Hempfer die Ungleichbehandlung."Wir hoffen, daß die Erfahrungen mit dem neuen Studiengang dann auch Rückwirkungen auf die anderen Studiengänge haben werden.Und langfristig wollen wir sowieso mehr als nur zwanzig Studierende zulassen." Die Erprobungsphase läuft zunächst bis zum Jahr 2000. Ein Bedarf an neuartigen Studienangeboten im Bereich der Sprach- und Literaturwissenschaften besteht."Es gibt immer mehr Studenten, die nicht eine traditionelle, historisch ausgerichtete Philologie studieren wollen", sagt Hempfer.Ihnen möchte man an der FU die Möglichkeit geben, sich gegenwarts- und praxisbezogen mit dem Nachbarland zu beschäftigen.Neue Lehrveranstaltungen werden dafür nicht eingerichtet - abgesehen von einer Ringvorlesung in jedem Wintersemester und Sprachkursen.Aber die Teilnehmer dürfen die an der FU ohnehin vorhandenen Lehrangebote anders nutzen.Es wird einen Kernbereich geben, bestehend aus Literatur, Sprachwissenschaft und Sprachpraxis, der in seinen Anforderungen denen eines Magisterhauptfachs Französisch entspricht.Zusätzlich können die Studenten drei "Baustein"-Fächer aus den Bereichen "Geschichte und Gesellschaft", "Wirtschaft und Recht" sowie "Kunst und Medien" belegen.In den nicht-romanistischen Fachbereichen können sich die Studenten an Vertrauensdozenten wenden.Die Kooperation mit den anderen Fächern verlaufe "glänzend", betont Hempfer. Eine Studentin, die sich zum Beispiel für Rechtswissenschaft als eines ihrer drei Baustein-Fächer entscheidet, würde im Grundstudium zwei Vorlesungen über Privatrecht und öffentliches Recht, im Hauptstudium Vorlesungen zum Europa- und internationalen Recht besuchen."Die Kurse in den Baustein-Fächern sollten möglichst einen Frankreichbezug haben", erläutert Hempfer."In manchen Fächern ist das leicht möglich, weil ohnehin jedes Semester Lehrveranstaltungen zu Frankreich stattfinden.In anderen Fächern ist der Bezug nicht so direkt, es geht dann vielleicht um ganz Europa." Die Diplomarbeiten der zukünftigen Frankreichwissenschaftler jedenfalls werden von einem Philologen und einem Vertreter der "Bausteinfächer" begutachtet werden; man erhofft sich davon interdisziplinäre Ansätze. Das neue Angebot kostet die Universität so gut wie nichts, denn es wird keine einzige neue Stelle dafür eingerichtet: Die Koordination übernimmt Ulrike Schneider, Hempfers Assistentin, die zuvor in Saarbrücken an einem ähnlichen Studiengang mitgewirkt hat.Über die Aufnahme der Kandidaten wird eine Kombination aus Abiturnote und der Note in einem Sprachtest entscheiden."Es ist uns wichtig, daß die Studierenden von vornherein über gute Sprachkenntnisse verfügen", erklärt Ulrike Schneider."Sie werden dann auch besondere Sprachkurse erhalten, für die unsere Lektoren neue Konzepte entwickelt haben: Simulation von Verhandlungsführung gehört dazu, geübt wird auch die französische Zusammenfassung von deutschen oder englischen Texten." Der Versuch könnte Schule machen: Für die Italianisten wird bereits ein ähnlicher Studiengang geplant. Informationen unter der Telefonnummer 838 20 43, Bewerbungen bis zum 15.Juli an das Zulassungsamt der FU.

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