Gesundheit : Drei Mütter und ein Baby

Jungferngeburt einer Maus: Japanische Forscher erzeugen erstmals ein Säugetier ohne Vater

Hartmut Wewetzer

Nach der biblischen Überlieferung gebar die Jungfrau Maria den Jesusknaben. Was das Neue Testament berichtet, konnte bislang als Bruch biologischer Naturgesetze gelten. Denn Jungfernzeugung (Parthenogenese) kommt zwar bei vielen Tieren und Pflanzen vor, wurde aber bisher bei Säugetieren nicht beobachtet. Jetzt aber haben japanische Biotechniker das erste Säugetier erzeugt, das ohne Vater auskommt: die Maus „Kaguya“. Das berichten Tomohiro Kono von der Tokyo University of Agriculture und seine Mitarbeiter im Fachblatt „Nature“.

Die erste Jungfernzeugung, wenn auch nur bei der Maus, ist eine kleine Sensation. Bisher galt es als unabdingbar, dass Gene von Mann und Frau zusammenwirken müssen, damit ein lebensfähiger Organismus entsteht. Die Ursache dafür ist ein Prozess namens „Imprinting“. Durch das Imprinting werden die heranreifenden männlichen und weiblichen Keimzellen programmiert.

Während sich Eizellen und Spermien entwickeln, werden in ihnen biochemisch bestimmte Gene an-, andere abgeschaltet. Man kann sich das wie Bleistiftnotizen vorstellen, die zusätzlich zu der eigentlichen Erbinformation in das Genom eingetragen werden. Sie lauten etwa: Dieses Gen nicht benutzen! Oder: Achtung, diese Erbanlage wird gebraucht! Wenn sie ihren Zweck erfüllt haben – zu dem Zeitpunkt, wenn der Embryo zur Hälfte herangewachsen ist –, werden die Notizen wieder gelöscht.

Während der Entwicklung des Embryos haben die angeschalteten „männlichen Gene“ vor allem die Aufgabe, die Versorgung des heranwachsenden Lebens über Eihüllen und Mutterkuchen sicherzustellen. Die „weiblichen“ Erbanlagen kümmern sich eher um die Entwicklung des Embryos selbst. Genetiker haben diese Arbeitsteilung als „Kampf der Geschlechter“ schon im Mutterleib gedeutet. Denn das Interesse des Mannes ist es, einen gut genährten und damit besonders lebensfähigen Nachkommen zu erzeugen. Also sorgen seine Gene für den „Straßenbau“, die Infrastruktur, die Ressourcen von der Schwangeren zum Embryo ableitet. Die Mutter dagegen möchte nicht alle Kraft in die Entwicklung einer einzigen Schwangerschaft investieren, hält maßvoll dagegen und konzentriert sich auf den Embryo selbst.

Die japanischen Wissenschaftler mussten also versuchen, bei der Jungfernzeugung den Vater zu ersetzen. Denn wenn die väterlichen Gene fehlen, entwickelt sich auch der Mutterkuchen nicht und der Embryo stirbt ab. Die Forscher griffen zu zwei Tricks:

In eine entkernte Eizelle wurde das Erbgut aus der reifen Eizelle eines erwachsenen Tieres mit dem Erbgut aus der Eizelle einer neugeborenen Maus kombiniert. Solche „frischen“ Eier neugeborener Tiere tragen noch keine Imprinting-„Notizen“, also noch keine Zeichen mütterlicher oder väterlicher Prägung im Erbgut. Deshalb können sie den väterlichen Part übernehmen.

Zusätzlich war das Erbgut der Eier aus den neugeborenen Tieren genetisch verändert. Ein Schlüsselgen, das normalerweise im weiblichen Erbgut aktiv ist, war entfernt worden. Auf diese Weise wurde das Vorhandensein von väterlichem Erbgut vorgetäuscht.

Mit Hilfe dieser Manipulationen gelang es den Tokioter Wissenschaftlern, aus 457 solcherart „befruchteten“ Eizellen zwei lebende Mäuse zu erzeugen. Die beiden Jungtiere hatten demnach keinen Vater, aber drei Mütter – zwei genetische und eine dritte, die die Schwangerschaft austrug. Die Erfolgsrate war mit 0,6 Prozent allerdings sehr gering. Was dafür spricht, dass die Natur erhebliche Barrieren gegen die Jungfernzeugung bei Säugetieren aufgerichtet hat.

Genau genommen handelt es sich zudem nicht um eine echte Jungfernzeugung, weil das Erbgut der Nachkommen von zwei, wenn auch weiblichen Tieren stammt. Und wie sieht’s beim Menschen aus? „Es ist sehr unwahrscheinlich, dass das klappen könnte“, sagt der Genetiker Jörn Walter von der Universität des Saarlandes in Saarbrücken. „Nicht nur deshalb, weil es technisch aufwändig ist, sondern auch, weil das Imprinting beim Menschen sich von dem bei der Maus deutlich unterscheidet.“

Trotzdem, das gibt auch Walter zu, ist wieder ein Dogma gefallen – wie schon beim Klonen. Ob die Methode abseits der Grundlagenforschung Zukunft hat, ist aber zweifelhaft. Kaguya, das erste Säugetier aus Jungfernzeugung, hat schon wieder Nachwuchs bekommen. Auf ganz herkömmliche Weise.

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