Gesundheit : Drei Tage Zoogeschäft, zwei Tage Unterricht

Elke Hetscher

Das Murmeln im Raum schwillt an zu heiterem Plaudern als Regina Danielmeier, Lehrerin, verkündet: "Bei uns werden keine Arbeiten geschrieben und es gibt keine Hausaufgaben." Wie jeden Mittwoch um sechzehn Uhr hat sich auch heute eine Schar Jugendlicher zur Informationsveranstaltung im "weißen Raum" der Stadt-als-Schule in Kreuzberg versammelt. Dicht gedrängt sitzen sie um die U-förmig angeordneten Tische. Während Danielmeier vom Schulalltag erzählt, werden hin und wieder verstohlene Blicke gewechselt. Ist man hier im Schul-Schlaraffenland? Eine Antwort auf die schwebende Frage folgt prompt: "An unserer Schule ist es anders - aber", ernüchternd schließt sie, "es ist eben auch Schule".

Die Stadt-als-Schule in Berlin-Kreuzberg arbeitet nach einem ungewöhnlichen didaktischen Konzept. Statt straff organisierten Unterricht, portioniert durch regelmäßiges Klingeln, bietet sie Schülern der neunten und zehnten Klasse individuelles Lernen weit hinaus über die Grenzen ihres Gemäuers. Die Grundidee ist, Bildung durch Tätigkeit zu entwickeln. Denn, so Hartmut Glänzel, Lehrer und Mitbegründer der Schule, "das sture Aneignen enzyklopädischen Wissens in den Klassenzimmern geht in vielen Fällen am realen Leben der Schüler vorbei". Durch die Ergebnisse der Pisa-Studie, die den deutschen Schülern eine unterdurchschnittliche Fähigkeit bescheinigt, Probleme zu lösen, fühlt er sich bestätigt: "Bei uns wird genau das geübt, was sonst oft fehlt: das Lösen von Problemen im Zusammenhang von Theorie und Praxis."

Praktikum in der Apotheke

In der Stadt-als-Schule lernen rund 130 Jugendliche - zum größten Teil gescheiterte Hauptschüler - drei Tage der Woche an einem außerschulischen Praxisplatz. Die Auswahl, die von der Apotheke über das Heimatmuseum bis zum Zoogeschäft reicht, treffen die Schüler selbst. Allerdings müssten die Lehrer dafür Sorge tragen, so Glänzel, dass die Beschäftigung am Praxisplatz zum Fragen und Ausprobieren anrege und so über das praktische Tun hinausgehe. An den übrigen zwei Tagen der Woche finden sich die Schüler in Lernbereichs- und Kommunikationsgruppen zusammen. Was man am Praxisplatz erarbeitet hat, fließt nun in die Schule zurück und wird dort strukturiert und in Bildung umgemünzt. "Hier ist es besser als vorher an der anderen Schule", sagt Marko, Schüler der neunten Klasse, "man wird nicht so gezwungen. Man kann hier mehr das machen, was einen wirklich interessiert".

Aber selbst in der Stadt-als-Schule muss man hin und wieder in saure Äpfel beißen: Es ist Freitag, acht Uhr dreißig. Mathematik. Sechs Schüler der neunten Klasse sitzen an den Tischen im "blauen Raum". Matthias Weiss, Mathematiklehrer, zeichnet einen Kegel an die Tafel. Der Satz des Pythagoras gehöre irgendwie hierher, verrät er. Die Schüler klappern munter auf ihren Taschenrechnern. Gewöhnlicher Unterricht. Und das ist so, wie Glänzel erklärt, weil Mathematik sich, ebenso wie Englisch, durch Praxisprojekte nur unzureichend abdecken lässt. Die Lerngruppen seien mit höchstens zwölf Schülern jedoch klein genug, um auf die unterschiedlichen Bedürfnisse der Schüler Rücksicht nehmen zu können.

Vom Versuch zur Dauereinrichtung

Stadt-als-Schule ist ein Bildungsmodell, das 1975 in New York als "City-as-School" entwickelt worden ist. Berliner Lehrer modifizierten das Konzept in den 80er Jahren und erprobten es an nicht mehr schulpflichtigen Jugendlichen. Im August 1992 begann die Stadt-als-Schule als öffentlicher Berliner Schulversuch ihre Arbeit. In der ersten Phase von vier Jahren durften laut Genehmigungsverfügung der Senatsverwaltung nur Schüler aufgenommen werden, die in der klassischen Schulform gescheitert waren. In der zweiten, fünfjährigen Phase wurde die Zielgruppe um Schüler erweitert, denen schulischer Misserfolg drohte. Der Bildungsansatz habe sich bewährt, erklärt Moritz Felgner von der Pressestelle des Senats. Die Stadt-als-Schule soll daher als Dauereinrichtung fortgeführt werden. Immerhin verlassen knapp zwei Drittel der Schüler die Stadt-als-Schule mit einem erweiterten Hauptschulabschluss. Gelegentlich werden sogar Realschulabschlüsse vergeben.

"Wir haben etwa doppelt so viele Anmeldungen wie wir aufnehmen können", erklärt Glänzel. Ein Aufnahmeverfahren entscheidet darüber, wer aufgenommen wird: "Wenn jemand gar keine Lust auf Schule hat und auch kein Interesse für eine praktische Tätigkeit zeigt, dann ist er bei uns nicht am richtigen Platz."

Die Computer laufen auf Hochtouren. Vor jedem Bildschirm glüht ein Gesicht. In der Stadt-als-Schule wird fieberhaft an den Dokumentationen gearbeitet: Die Schüler berichten über ihre Praktika sowohl schriftlich als auch in einer anderen, selbstständig gewählten Form, sei es in einem Plakat oder einem Modell. "Heute habe ich Ware ausgepreist und in die Regale einsortiert", schreibt Julia über ihren ersten Tag im Naturkostladen. "Dann hat mein Kollege mir erklärt, wie Allergien entstehen, zum Beispiel durch gefärbte Textilien und falsche Ernährung." Im zweiten Teil der Mappe bearbeitet sie ihre Erkundungsaufgaben, sie beschreibt die Stoffwechselprozesse des menschlichen Körpers und die Grundlagen einer ausgewogenen Ernährung.

Wie alle Leistungen an der Stadt-als-Schule werden auch die Praxismappen nicht mit Noten, sondern nach einem Punktesystem von Null bis Zwei bewertet. Klar, dass sich dann auch die Zeugnisse von denen an anderen Schulen unterscheiden. Bildungsberichte sind es hier, die die Schüler zwei Mal jährlich bekommen. Sie entscheiden, wie Karsten erklärt, "zu guter Letzt darüber, ob es mit einer Lehrstelle klappt oder nicht".

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