Gesundheit : Droht Pisa-Nachtest in Berlin zu scheitern?

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Von Bärbel Schubert

Der Schultest Pisa droht in Berlin jetzt auch im zweiten Anlauf zu scheitern. Der Widerstand kommt keineswegs von test-kritischen Eltern oder Lehrern: Die Kultusministerkonferenz der Länder wird am Donnerstag und Freitag dieser Woche über die geplanten Nachtests der Stadtstaaten Berlin und Hamburg im Herbst befinden. Der Grund: Hinter den Kulissen gibt es Streit um die Qualität und um die urheberrechtliche Verwendung des Test-Instrumentariums. Auf internationaler Ebene haben außerdem die anderen 31 Pisa-Teilnehmerstaaten bis Ende Mai Gelegenheit zum Einspruch.

Die Nacherhebungen sind nötig geworden, weil in Berlin und Hamburg vor zwei Jahren weniger als 80 Prozent der ausgewählten Schüler am regulären nationalen Testdurchlauf teilgenommen hatten. Deshalb konnten sie in der nationalen deutschen Untersuchung nicht berücksichtigt werden. Im internationalen Teil der Untersuchung gibt es solche Probleme nicht. Pisa (Programme for International Student Assessment) ist die weltweit größte Schulleistungsuntersuchung. Im Frühsommer 2000 hatten daran 180 000 Schüler und Schülerinnen im Alter von 15 Jahren teilgenommen, davon 5000 in Deutschland. Die Stichprobe wurde für nationale deutsche Fragen zusätzlich auf über 50 000 Schüler erhöht, um Aussagen über Schulformen- und Ländervergleiche treffen zu können.

„Ich brauche jetzt grünes Licht von der Kultusministerkonferenz, sonst kann ich mit den Untersuchungen nicht starten“, sagte Berlins Schulsenator Klaus Böger (SPD) am 21. Mai dem Tagesspiegel. Das Geld für die Vorbereitungen könne nur freigegeben werden, wenn das weitere Vorgehen gesichert sei. „Ich will genaue Ergebnisse, wo die Berliner Schulen stehen, um darauf Verbesserungen aufzubauen“, begründete Böger die Nacherhebungen.

Streit über die Zuverlässigkeit

Hintergrund des aktuellen Streits sind unterschiedliche Auffassungen darüber, wie wissenschaftlich genau und belastbar die Nachuntersuchung ist. Während der nationale Pisa-Verantwortliche, Max-Planck-Direktor Jürgen Baumert, das Verfahren für zuverlässig und wissenschaftlich korrekt hält, argumentiert beispielsweise der Essener Bildungsforscher Klaus Klemm, die Zeitverschiebung verzerre das Bild. Seit dem ersten Durchgang sind immerhin zwei Jahre vergangen und es werden andere Jugendliche getestet. Auch die Lehrer seien nach der Aufregung über das schlechte Abschneiden der deutschen Schüler wahrscheinlich sensibler im Umgang mit Pisa.

Der internationale Pisa-Chef bei der OECD in Paris, Andreas Schleicher, ist skeptisch: „International würde ich Nachtests nach zwei Jahren nicht zulassen. Aber wir mischen uns natürlich nicht in das deutsche Vorgehen ein.“ International wurde ein anderes Verfahren gewählt: Wenn ein Land 27 Prozent Teilnahme erreicht habe, werde der „beste Fall“ – die 27 sind repräsentativ für alle – und der schlechteste - alle, die nicht teilgenommen haben, hätten die schlechtesten Ergebnisse erreicht, hochgerechnet. Aus beiden Werten werde ein Mittelwert erzielt. Schleicher: „Wir geben dann aber kein exaktes Ergebnis an, sondern eine Bandbreite.“ Die Statistiken würden mit äußerster Sorgfalt erstellt; denn Zweifel an der „Integrität von Pisa“ dürften keinesfalls aufkommen. „Das können wir uns nicht leisten.“ Bedenken müsse man auch, dass etliche Pisa-Aufgaben im Internet stünden.

Böger versucht die aktuellen Irritationen sportlich zu nehmen: „Wenn unsere 15-Jährigen in den letzten zwei Jahren tatsächlich schon deutlich dazu gelernt hätten, wäre das allein den Aufwand schon Wert.“ Dem Argument, die Schüler seien jetzt sensibler für Pisa, widerspricht der Schulsenator: „Die Max-Planck-Wissenschaftler haben ja getestet, dass die Schüler schon den ersten Testdurchlauf ernst genommen haben.“ Und: „Es werden im Herbst nicht dieselben Aufgaben verwendet wie vor zwei Jahren.“ Selbststudium im Internet schaffe also keinen direkten Vorteil.

Warten auf „Pisa E“

Wenn die Kultusminister den Berlinern und Hamburgern für ihre Nachtests den Segen geben sollten, sind beide Länder bei der Feinauswertung der deutschen Ergebnisse im November dabei. Doch jetzt starrt alles wie gebannt auf den 30. Juni, wenn mit „Pisa E“ die ersten internen deutschen Ergebnisse bekannt gegeben werden – inklusive Ländervergleichen. Mit Bremen ist immerhin ein Stadtstaat dabei. Bis dahin überschlagen sich die Gerüchte. In der vergangenen Woche konnte man beispielsweise lesen, dass Hamburg eventuell wegen seiner vorzüglichen Ergebnisse aus der Wertung genommen wurde. Wird man solche Gerüchte auch über Berlin hören?

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