Gesundheit : Dschingis Khan – der erste Global Player

Der Mongolen-Kaiser schuf einst das größte Reich aller Zeiten. Jetzt wird er wieder entdeckt

Michael Zick

Die Amerikaner kamen im August 2000 mit leeren Händen zurück. 1,2 Millionen Dollar hatten sie eingesetzt, einen Monat lang mit High Tech und überbordendem Optimismus gesucht – und das Grab von Dschingis Khan dennoch nicht gefunden. Der Kaiser der Mongolen bleibt entrückt.

Das war so gewollt: Die um 1240 entstandene Chronik „Die Geheime Geschichte der Mongolen“ berichtet ausschweifend und blumig über Herkunft, Aufstieg und Heldentaten von Dschingis Khan. Über seinen Tod und seine Beerdigung aber gibt es nur einen Satz: „Im Schweinejahr stieg Dschingis Khan zum Himmel auf.“ Diese offensichtlich bewusste Verschleierung durch seine Chronisten poliert die Aura des Ahnvaters aller Mongolen auf Hochglanz. Nach über 70 Jahren der Fremdbestimmung durch die Sowjetunion kehrt der Nomadenstaat zwischen Russland und China jetzt mit wehender Standarte in seine Geschichte zurück: Dschingis Khan über alles.

Damit erlebt eine der schillerndsten Gestalten der Weltgeschichte nicht nur in der Bevölkerung, sondern auch in der Wissenschaft eine neue Würdigung. Zu Recht, denn Dschingis Khan schuf „Eurasien“ und brachte so zwei Welten erstmals und dauerhaft zusammen. Der kulturelle Austausch – Gebräuche und Sitten, Architektur und Musik, Religionen und Literatur, Waffentechnik und Medizin – befruchtete alle Länder vom Pazifischen Ozean bis zum Mittelmeer. Für knapp zwei Jahrhunderte sicherte die „Pax mongolica“ den Weg von Fernwest nach Fernost – der Fernhandel blühte, er lag dem großen Khan am Herzen. Nach dem Zerfall seines Weltreiches ab 1335 rückten Europa und Asien wieder weit auseinander. Erst die, ebenfalls mit viel Blut geschriebene, Kolonisationsgeschichte der Europäer brachte neue Kontakte.

Ob sie das Grab ihres Übervaters wirklich finden (lassen) wollen oder nicht – darüber sind sich die heutigen Mongolen selbst nicht ganz im Klaren. „Es ist besser, man findet es nicht“, meint Generalsekretär Galbaatar von der Mongolischen Akademie der Wissenschaften. Er befürchtet sonst eine Abnutzung des Mythos. Der hat schließlich auch heute noch eine dringende Aufgabe. Galbataar: „Dschingis Khan ist doch das, was uns zusammenhält.“

Etwas anderes ist da problemfrei: Auf der Suche nach den Wurzeln ihrer Kultur und Geschichte graben die Mongolen gerade zusammen mit deutschen Archäologen ihre mythische Hauptstadt Karakorum aus. Dschingis Khan hatte sie in Auftrag gegeben, aber selbst nicht mehr als Zentrale benutzt. Er residierte, ganz Nomade, auch auf der Höhe seiner Macht in einem prunkvollen Palast-Ger – dem traditionellen Filzzelt der Mongolen. Bis dahin freilich war es für ihn ein weiter Weg – gesäumt von Armut, Frauen, Verrat, Feigheit, Mannestreue, Blut und Krieg.

Wie alle Stammväter der Geschichte war auch Dschingis Khan mythischen Ursprungs. Die „Geheime Geschichte“ berichtet: „Der Urahn Dschingis Khans war ein vom Ewigen Himmel erzeugter, schicksalserkorener grauer Wolf. Seine Gattin war eine weiße Hirschkuh. Sie kamen über den Tenggis-See und an der Quelle des Onan-Flusses beim Berg Burhan Haldun wählten sie ihren Lagerplatz, wo ihnen ein Kind geboren wurde.“

Dschingis Khan hieß zunächst Temüdschin. Seine Familie gehörte der Nomaden-Aristokratie an, die ihr Ansehen aus der Zahl der freiwilligen und unfreiwilligen Gefolgsleute, der Größe der Herden und der Güte der Weidegründe zog. Diese Stammesgesellschaft unterlag in ihrer Zusammensetzung starken Wechseln. So wurde Temüdschin mit seiner Mutter und seinen Brüdern vom Rest der Familie verstoßen, was normalerweise Tod oder Sklaverei bedeutete.

Nicht so beim kommenden Kaiser der Welt: Nach und nach sammelte Temüdschin, offenbar mit Charisma, Mut und Klugheit ausgestattet, so viele Freunde und Gefolgsleute um sich, dass er erfolgreich darangehen konnte, andere Clans gewaltsam anzugliedern. Doch auch die vereinigten Mongolen waren nur ein Volk von vielen in den asiatischen Steppen: Die benachbarten Naiman und Merkit wurden unterworfen, die Tataren mit Hilfe der Chinesen unterjocht. In der „Geheimen Geschichte“ wird vermerkt: „Mit Männerrache haben wir ihren Busen leer gemacht, ihnen ihre Leber zerrissen. Ihr Bett haben wir ihnen leer gemacht, ihre Angehörigen ausgerottet. Die übrig geblieben sind, haben wir geraubt. ... Der Stamm wurde auf die Sieger aufgeteilt, bis keinem einzigen mehr etwas fehlte.“

Im Jahr des Tigers (1206) wählte die Versammlung der Fürsten (Khane), den erfolgreichen Stammesbruder zum Khagan, zum Großkhan – aus Temüdschin wurde Dschingis Khan. Da war er 44 Jahre alt – die Forschung hat sich auf 1162 als Geburtsjahr verständigt.

Es folgten Kriegszüge gegen weitere Steppen-Stämme. Und nach sorgfältiger Vorbereitung gab Dschingis Khan auch der elementaren Verlockung aller asiatischen Nomaden nach: Er griff nach den Schätzen Chinas. In mehreren Anläufen brachte er den Norden des gerade einmal wieder zersplitterten Reiches zeitweilig unter seine Kontrolle, die dauerhafte Eroberung des Riesenreiches gelang erst seinen Nachfolgern.

Nach Meinung heutiger Mongolen-Forscher hatte Dschingis Khan nie einen festen Plan für seine Eroberungen, sondern ließ sich von aktuellen militärischen und politischen Entwicklungen, aber auch von ganz persönlichen Rachegelüsten leiten. Sicher kam auch so etwas wie der Rausch der Macht hinzu. Die Erfolge der mongolischen Reiterscharen basierten auf einer gnadenlos eingeforderten Disziplin, Beweglichkeit und einem offenbar strategischen Geschick Dschingis Khans. Im Vorfeld eines Kriegszuges holte er umfassende Informationen über den Feind ein und betrieb eine Art psychologische Kriegsführung, indem er ethnische oder religiöse Spannungen im Staat seines Feindes schürte.

Mit simplen Erklärungen ist die Persönlichkeit Dschingis Khans nicht zu fassen:

Aus dem Nomaden-Krieger wurde ein Staatsmann, der erkannte, dass man ein solches Riesenreich nicht vom Rücken eines Pferdes aus regieren kann. Er ließ sich von chinesischen Beratern eine Verwaltung aufbauen.

Er strukturierte die instabile Stammesgesellschaft in eine straffe Militär-Aristokratie um, in der jeder aufsteigen konnte.

Er blieb zeitlebens Analphabet, führte jedoch die Schrift der anrainenden turkstämmigen Uiguren ein.

Er hing dem traditionellen mongolischen Schamanismus an, duldete jedoch jede andere Religion.

Seine Neugier mündete in eine Weltoffenheit, die man im damaligen mitteleuropäischen Christentum vermisst.

Derlei Widersprüchlichkeiten charismatischer Persönlichkeiten münden in der Geschichte meist in dem Beinamen „der Große“. Bei Dschingis Khan war dies unnötig – er war einzigartig.

Seine Eroberungen bekamen um 1219 eine neue Stoßrichtung – und in der Folge damit nachhaltige Bedeutung für Europa: Der Asien-Kaiser rückte weit nach Westen vor. Anlass war die Ermordung einer mongolischen Handelsdelegation durch den Sultan von Chorasam, eines Reichs südöstlich des Aralsees (heute etwa Nordiran). Für den Verfechter und Schutzherren des globalisierten Handels eine unerhörte Herausforderung – Dschingis Khan zog mit 150000 Mann (Bundeswehr derzeit 280000) gegen den Sultan zu Felde, vernichtete ihn und verwüstete die blühenden Städte Buchara und Samarkand. Der Großkhan selbst schwenkte nach Afghanistan um und stoppte erst am Indus. Seine Söhne und Feldherren marschierten nach Norden, überquerten den Kaukasus, schlugen bei Kiew die Russen und kehrten ins Stammland zurück. Die ersten „Tatarenmeldungen“ von den barbarischen Mongolen sickerten so um 1223 nach Europa.

Es gab noch eine Schonfrist für die heillos zerstrittenen Mitteleuropäer. Bei einem Vergeltungsfeldzug gegen das aufmüpfige Volk der Tanguten stürzte Dschingis Khan vom Pferd und verletzte sich schwer, vermutlich an den Folgen innerer Blutungen starb der 65-Jährige 1227 und „stieg zum Himmel auf“.

Dschingis Khans Reich hatte Bestand. Seine Söhne und Enkel weiteten es kontinuierlich aus. Auf dem Scheitelpunkt erstreckte sich die mongolische Herrschaft vom Pazifik (Korea, China) über Tibet, Persien, den Vorderen Orient bis nach Ungarn und Polen. 1241 war das deutsch-polnische Ritterheer bei Liegnitz in Schlesien vernichtend geschlagen worden, nur der Tod des Großkhans Ögödei hielt die Reiterheere vom Durchmarsch zum Atlantik ab: Die Dschingis-Erben mussten zur Wahl eines neuen Oberhauptes zurück in die Hauptstadt am anderen Ende Eurasiens.

Zu diesem Zeitpunkt wurden die ersten Risse in der Familie sichtbar. In den folgenden Jahrzehnten zerbröselte das Weltreich in drei Machtzentren, die den Keim des Zerfalls schon in sich trugen:

Die „Goldene Horde“, die Russland und Osteuropa unter ihrer Knute hielt und erst 1503 von den Russen besiegt wurde.

Die Ilkhane in iranischen und indischen Gebieten.

Die mongolische Kaiserdynastie der Yüan in China.

Nach knapp 200 Jahren endete das Dschingis Khan-Reich, das so groß war wie kein Staat davor oder danach, und von dem so viele Menschen und Staaten direkt oder indirekt betroffen waren wie von keinem anderen bis zu den beiden Weltkriegen des letzten Jahrhunderts. So brachten die Mongolen erste Feuerwaffen mit, die später die militärische Überlegenheit der Europäer begründeten.

Zur Dschings-Zeit jedoch herrschte in Mitteleuropa das reine Chaos: In kaum mehr überschaubaren, weil ständig wechselnden Koalitionen bekriegten sich quer über den Kontinent die Fürsten, Könige und Kaiser. 1245 schickte Papst Innocenz IV. den Franziskaner-Mönch Johannes von Plano Carpini zu den „Tartaren“, wie das Abendland die Mongolen nannte. Sein Auftrag: Auskundschaften, wie man sich gegen einen erneuten Vorstoß der wilden Horden wappnen könne, den mythischen christlichen König Johannes ausfindig machen, die Mongolen missionieren und so den Anspruch des Papstes auf die Weltherrschaft festigen.

Der Zerfall des mongolischen Zentralstaates beendete die Spannungen. Die Mongolen hörten auf, ein weltpolitischer Machtfaktor zu sein. Die durchgängigen Landwege nach Fernost, zuvor viel benutzt, fielen unter zahllose zollheischende Staatsräuber. Damit versiegte auch der Austausch der Ideen zwischen Ost und West. Asien und Europa wurden sich wieder fremd. Die erstarkenden Europäer suchten den Seeweg zu den legendären Ländern der exotischen Köstlichkeiten. Schließlich wurde die fixe Idee geboren, Westindien über den Atlantik zu erreichen – Amerika wurde entdeckt.

Von dort kommt nun die Kunde, dass man das Grab Dschingis Khans zwar diesmal nicht gefunden habe, aber im nächsten Jahr erneut suchen werde. Dschingis Khan, der die Welt beherrschte, beschäftigt die Welt weiterhin.

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