Gesundheit : Dumpf klingt die Leier von Ur

Worüber Musikarchäologen in Berlins Ethnologischem Museum diskutieren

Helmut Caspar

Chinesische Archäologen in der Provinz Jiahu entdeckten unlängst in einem Grab mehr als 20 aus Tierknochen gefertigte Flöten. Wie die 9000 Jahre alten Instrumente mit sorgsam gebohrten Grifflöchern gebaut waren und wie man auf ihnen spielte, lässt sich gut nachvollziehen. Nur welche Melodien auf ihnen gespielt wurden und wie sich das anhörte, unterliegt Vermutungen. Erst aus der griechischen Antike sind Notationen überliefert. „Angesichts der vielen Funde von Musikinstrumenten interessiert es sehr, wie die Musikkultur der alten Völker beschaffen war und welche Instrumente es bei unseren Vorfahren gab“, sagte die Musikwissenschaftlerin Ellen Hickmann (Hannover) jetzt auf dem Symposium der Internationalen Studiengruppe Musikarchäologie, die bis zum Sonnabend im Ethnologischen Museum in Dahlem tagt. Rund 70 Experten aus 20 Ländern tragen neue Erkenntnisse über den Instrumentenbau und das Musikspiel der alten Völker vor. Mitveranstalter ist das Deutsche Archäologische Institut.

Viel Diskussionsstoff liefert auch die Frage, wie die Nachbauten der historischen Flöten, Klappern, Rasseln, Trompeten, Leiern, Zithern und Schlaginstrumente klingen. Die Originale aus Holz, Knochen oder Metall sind, wie der Schweizer Archäologe Hansjörg Brem am Beispiel einer Buchenholz-Panflöte aus der Römerzeit demonstrierte, viel zu fragil, als dass man spielen könnte.

Die wohl spektakulärste Kopie eines historischen Saiteninstruments wurde von dem britischen Musikenthusiasten Andy Lowings angefertigt. Es handelt sich um ein in einem Königinnengrab im irakischen Ur entdecktes Prunkinstrument aus Zedernholz. Die Leier stammt aus dem Grab der Pu-Abi – offenbar einer großen Musikliebhaberin. Denn es wurden auch weitere, freilich weniger kostbar dekorierte Saiteninstrumente sowie silberne Flöten gefunden.

Die etwa 1,50 Meter hohe Leier wurde 2003 im Irakkrieg im Staatlichen Museum Bagdad bei Plünderungen stark beschädigt. Die mit einem vergoldeten Stierkopf sowie Schmuckplättchen aus Perlmutt und Lapislazuli geschmückte Kopie besitzt wie die Vorlage acht aus Tierdärmen bestehende Saiten, die bei einem Konzert während der Tagung angeschlagen wurden – und recht fremd und dumpf klangen.

Anlässlich der Tagung wurde im Ethnologischen Museum eine auch öffentlich zugängliche Bild- und Klanginstallation eingerichtet. Sie zeigt, wie in Südafrika „aussterbende“ Blas-, Schlag- und Saiteninstrumente aussehen, wie sie gespielt werden und wie sie klingen. Darüber hinaus sind im Berliner Phonogramm-Archiv an der Arnimallee 8, ebenfalls auf dem Dahlemer Museumsgelände, historische Musikinstrumente ausgestellt, darunter Zeugnisse aus der präkolumbianischen Zeit. Die Ausstellung macht auf die auf der Unesco-Liste „Memory of the World“ vermerkte Tonsammlung neugierig, die ab 2007 einen neuen Ausstellungsraum bekommt.

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