Gesundheit : "Durch Europa": Blick auf Berlin als gepflegte Schlampe

Richard Rabensaat

Mit dem Trans Europa Express nach Berlin. Zuerst schallt das Lied der Gruppe Kraftwerk dem Besucher im märkischen Museum entgegen, dann erzählen gesammelte Fahrkarten, Fotos des vorbeirauschenden ICE und Schrifttafeln von den ersten Eindrücken der in Berlin ankommenden Reisenden. "Berlin ist irgendwie chaotisch und hat kein richtiges Gesicht, alles ist so durcheinander", schildert Anja aus Russland ihre Ankunft in der Hauptstadt. Den Eingangsbereich hat Kari Anne Flaa gestaltet. Sie ist eine der Studentinnen des Instituts für europäische Ethnologie der Humboldt-Universität, die zusammen mit Postgraduierten des "Institutes für Kunst im Kontext" der Hochschule der Künste (HdK) die Ausstellung "Durch Europa. In Berlin" konzipiert haben.

Norweger, Türken, Russen

"Wir wollten, dass Europäer aus vielen Nationen ihr eigenes Bild von Berlin hier in der Stadt beschreiben", erklärt Rolf Lindner, Professor für europäische Ethnologie. Die versammelten Exponate bieten einen vielfältigen Einblick in die Lebenswelten der Norweger, Türken, Russen und anderer Nationen, die gemeinsam das Bild der Stadt prägen. Ausgangspunkt des Projektes war bereits vor zwei Jahren eine Studie der Humboldt-Universität. Mit dieser untersuchte die Hochschule die Vielfältigkeit der Motive, die Europäer des ganzen Kontinents veranlassen, nach Berlin zu kommen. "Wir wollten die Arbeitsimmigranten ebenso erfassen wie diejenigen, die nach dem Zusammenbruch des sozialistischen Systems nach gekommen sind, wie auch diejenigen, die aus Milieu- und Lebensstil Gründen kommen", sagt Lindner. "Die Aktualität der Ausstellung durch die neonazistischen Ausschreitungen in jüngster Zeit haben wir uns allerdings nicht gewünscht."

Ebenso unterschiedlich wie die Anlässe nach Berlin zu ziehen sind auch die Bilder, welche die Studenten mit ihren Exponaten zeichnen. "Ich habe Interviews in ganz Berlin gemacht. Mit einem Kopfhörer können die Besucher hier in der Ausstellung meine Wanderung verfolgen", sagt Tanja Jennerjahn, Studentin. Der Kopfhörer liegt auf dem Tisch im ersten Ausstellungsraum, auf dem auch Karten in allen europäischen Sprachen ausgebreitet sind. Bilder und Fotos zeigen dazu den Himmel über Berlin. Die Interviews finden sich auch in dem Buch, mit dem die Humboldt-Universität das Ergebnis der Untersuchung dokumentiert und wissenschaftlich aufarbeitet. Da eine Bucherscheinung aber kein sonderlich spektakuläres Medienereignis ist, suchte Lindner nach einer neuen Präsentationsmöglichkeit. So kam die Zusammenarbeit mit dem "Institut für Kunst im Kontext" der HdK zustande. "Wir Künstler mussten natürlich aufpassen, dass wir nicht nur die Design Knechte für die Wissenschaftler sind", beschreibt Wolfgang Knapp, Institut für Kunst im Kontext, die Schwierigkeiten bei der Ausstellungskonzeption. "Die Zusammenarbeit lief echt prima, wir hatten überhaupt keine Auseinandersetzungen", stellt hierzu Jennerjahn fest.

Eine Schautafel legt die Ergebnisse einer Befragung zur Befindlichkeit in der Stadt dar. Demnach ist Berlin eher hektisch als gelassen, eher offen als verschlossen, genau so schlampig wie gepflegt, dafür aber sehr bunt. Recht unterschiedlich sind auch die Bilder der Europäer voneinander. "Wenn ich die Gauloise-Werbung anschaue, muss ich immer lachen. Wir sind gar nicht so entspannt, wie die Leute auf den Plakaten", sagt Miche¡le aus Frankreich.

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