Gesundheit : Ebbe im schwäbischen Meer

Wenn das Wetter verrückt spielt: Die Pegel am Bodensee sinken auf Rekordtiefen

Roland Knauer

„Zu diesem Inselchen konnte man noch nie zu Fuß hinüber gehen!“ Die junge Frau deutet vom Schweizer Ufer des Bodensees zu einem kleinen Stückchen Land vor der Halbinsel Mettnau im Osten des deutschen Städtchens Radolfzell. Wo sonst die grauen Wasser des Bodensees in der trüben Wintersonne ans Ufer plätschern, können die Menschen Ende Dezember 2005 bequem zu Fuß über eine braungraue Schlammfläche zur Insel hinüberlaufen. Im schwäbischen Meer, wie der See in Deutschland gern genannt wird, fallen die Pegel in diesem Winter auf rekordverdächtige Tiefen, bestätigen die Behörden in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Einen halben Meter unter den normalen Dezemberwasserständen steht der Bodensee an den Weihnachtsfeiertagen 2005.

Wer den Ursachen für die fallenden Pegel auf den Grund gehen will, der sollte einmal bei Stephan Bader in Zürich anklopfen. Der Meteorologe beobachtet bei Meteo Schweiz, dem Schweizer Bundesamt für Meteorologie und Klimatologie, das Klima. Schon der Frühling und auch die Sommermonate Juni und Juli fielen in der Schweiz recht trocken aus, berichtet der Wissenschaftler.

Da der Bodensee sein Wasser aber vor allem aus der Schweiz bezieht, machte sich der Regenmangel prompt beim Pegel bemerkbar: Neunzig Zentimeter tiefer als sonst im Sommer lagen die Wasserstände, berichtet Christian Koch, der im Bundesamt für Wasser und Geologie in Bern die Schweizer Pegelstände beobachtet.

Klimaforscher überrascht die Trockenheit nicht allzu sehr. Schon lange prophezeien ihre Computer abnehmende Niederschläge in der warmen Jahreszeit, wenn die Durchschnittstemperaturen auf dem Globus durch den Treibhauseffekt steigen. Wenn es aber im Sommer doch einmal regnet, dann überaus heftig, wie im August 2005 in der Schweiz. Ein so genanntes Genua-Tief braute sich über dem Mittelmeer zusammen. Riesige, feuchtwarme Luftmassen zogen erst über die österreichischen Alpen, bevor sie von Nordostwinden wieder in Richtung Schweiz zurück gedrängt wurden, berichtet Stephan Bader von Meteo Schweiz. Dort stauten sich die Wolken und brachten zwischen dem 19. und 23. August Dauerniederschläge, die eher an den Monsun in Südasien als an mitteleuropäisches Wetter erinnerten. Mehr als 200 Liter Niederschlag fielen in dieser Zeit vielerorts, schlimmstenfalls alle 300 Jahre sollte ein solcher Monsunregen über die Nordschweiz hereinbrechen, lassen die Statistiken der Klimaforscher vermuten.

Eine ähnliche Wetterlage bescherte im August 2002 dem Einzugsgebiet der Elbe noch erheblich stärkere Niederschläge. Und genau wie das folgende Hochwasser alle Rekorde brach, ließen auch die Flutwellen im August 2005 in der Schweiz die bisherigen Höchstmarken alt aussehen.

Den sommerlichen Unwettern folgte allerdings nicht nur ein goldener Oktober, sondern sogar ein fast komplett goldener Herbst. In Deutschland fielen zwischen September und November 2005 im Durchschnitt mit 140 Litern auf dem Quadratmeter ein Viertel weniger Regen als die sonst üblichen 183 Liter pro Quadratmeter in diesem Zeitraum, sagt Uwe Kirsche vom Deutschen Wetterdienst DWD in Offenbach. In der Schweiz sah die Situation nicht anders aus, bestätigt Stephan Bader mit seinen Statistiken. Strahlende Herbstsonne lockte die Wanderer scharenweise in die Berge und in den Bodensee floss täglich etwas weniger Wasser.

Der Winter wiederum überrascht die Wetterfrösche mit einer Nordwestlage. Praktisch ohne Unterbrechung schaufeln diese Winde abwechselnd kühle und noch etwas kühlere Luftmassen vom Nord-Atlantik nach Mitteleuropa. Über dem Ozean tanken diese Luftmassen reichlich Feuchtigkeit, die sie über Land wieder ablassen. Je nach Temperatur fällt dann in Deutschland Nieselregen oder nasser, pappiger Schnee, der Anfang Dezember in Nordrhein-Westfalen die Strommasten zusammenbrechen ließ. Ähnlich ist die Situation in der Schweiz.

Da es im Dezember kaum einmal wärmer als drei Grad war, blieb der Schnee dort liegen. Als Wasser fließen diese Niederschläge also erst dann in den Rhein und weiter in den Bodensee, wenn die Winde auf Südwest drehen, die Temperaturen steigen und der Schnee schmilzt. Das ist aber im Dezember kein einziges Mal passiert und die Pegel im Bodensee fielen weiter. 2,46 Meter zeigte der Pegel am 22. Dezember zum Beispiel in Konstanz und Bregenz. Das sind fünf Zentimeter weniger als das 1948 registrierte niedrigste Dezember-Monatsmittel von 2,51 Metern.

Probleme bereitet der niedrige Wasserstand bisher kaum. Schließlich ist der Bodensee mit einer Länge von 63 und einer Breite von 14 Kilometern bei einer Tiefe von bis zu 254 Metern groß genug, um auch bei Niedrigwasser den Durst von 4,5 Millionen Menschen zu stillen. Aus einer Tiefe von sechzig Metern pumpen die Betreiber Trinkwasser bis in den Norden Baden-Württembergs, insgesamt 180 Milliarden Liter Trinkwasser werden Jahr für Jahr aus dem schwäbischen Meer geholt.

Dort unten wird auch dann noch genug Wasser sein, wenn die Pegel bis März um weitere dreißig Zentimeter fallen. Das könnte passieren, wenn die restlichen Wintermonate in der Schweiz entweder kalt oder trocken werden, haben die Hochwasserbehörden in Deutschland, Österreich und der Schweiz ausgerechnet. Dann würden die Pegel in Konstanz unter Umständen auf 2,15 Meter fallen, zwanzig Zentimeter weniger als der tiefste seit Beginn der Aufzeichnungen jemals gemessene Seepegel im März 1909.

Die Fähren zwischen Romanshorn am Schweizer Ufer und Friedrichshafen am deutschen Ufer kommen dadurch in Schwierigkeiten. Weil das Wasser im Uferbereich flacher als üblich ist, nehmen sie statt der sonst üblichen sieben schon heute nur noch drei Lastwagen mit, sagt Therese Bürgi vom Bundesamt für Wasser und Geologie in Bern. So bleiben die Schiffe leichter und setzen auch bei dem derzeitigen Niedrigwasser nicht auf dem Grund auf. Sinkt der Pegel weiter, wird das im März nicht mehr reichen. Auch die Rheinschiffer sollten sich dann langsam nach Alternativen umschauen. Bereits heute fließt deutlich weniger Wasser aus dem Bodensee in den Rhein als sonst in dieser Jahreszeit. Zwischen Rheinfelden ganz im deutschen Süden und Emmerich an der holländischen Grenze liegen die Pegelstände des Flusses schon heute überall erheblich unter den normalen Wasserständen, im März könnten die Riesenpötte dann nicht mehr genug Wasser unter dem Kiel haben.

Den Menschen am Rheinufer, die ihr Geld nicht mit der Schifffahrt verdienen, kann das nur recht sein. Schließlich wirkt der Bodensee als Rückhaltebecken für den Rhein. Sind die Wasserstände dort niedrig, füllt ein Hochwasser vom Oberrhein erst einmal den See auf. Rheinabwärts ist von diesem Hochwasser dann wenig zu spüren. Erst ein zweites Hochwasser würde dann bis Köln und nach Holland durchschlagen. Zurzeit aber prognostizieren die Meteorologen keine neuen starken Regenfälle in der Schweiz.

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