Gesundheit : Edelgard Bulmahn im Gespräch: Auf der Suche nach dem BSE-freien Gen-Steak

Das erste an BSE erkrankte Rind in Deutschland

Edelgard Bulmahn (SPD) ist seit 1998 Bundesbildungs- und forschungsministerin im Kabinett Schröder. In der Opposition war sie bereits Vorsitzende des Bundestags-Bildungsausschusses, dann bildungspolitische Sprecherin der SPD-Bundestagsfraktion.



Das erste an BSE erkrankte Rind in Deutschland und die steigende Zahl von Menschen mit der Creutzfeldt-Jakob-Erkrankung beunruhigen viele Verbraucher. Kann die Gentechnik aus der Falle BSE heraus helfen?

Voraussetzung für jeden Fortschritt im Kampf gegen BSE und die Creutzfeldt-Jakob-Krankheit sind mehr Kenntnisse über ihre Entstehung und die Übertragungswege. Dafür ist die Gentechnik eine entscheidende Methode, ebenso zur Entwicklung von Früherkennungstests und neuer Therapien. Forschungsprojekte im Gesundheitsbereich unterstützt die Bundesregierung in den nächsten vier Jahren mit 1,6 Milliarden Mark. Um die Forschung zur Creutzfeldt-Jakob-Krankheit zu bündeln und ihre Möglichkeiten auszuloten, wollen wir in der kommenden Woche Wissenschaftler unter anderem aus der deutschen Prionenforschung zu einem Workshop einladen. Deutschland ist europaweit in dieser Forschung sehr stark und in den europäischen Forschungsprogrammen zur Prionenforschung führend (Prion ist ein verändertes Eiweiß, das als Auslöser von BSE gilt). Die nächsten Forschungsaufgaben liegen darin, bessere und frühere BSE-Testmethoden beim Rind zu entwickeln. Aus einem von uns geförderten Forschungsprogramm ist kürzlich ein neuer Test hervorgegangen, mit dem man die Creutzfeldt-Jakob-Krankheit beim lebenden Menschen schon im frühen Stadium erkennen kann.

Der Wunsch von Feinschmeckern, die nicht auf Fleisch verzichten möchten, richten sich nun auch auf die Gentechnik. Mit Hilfe der Genforschung ein BSE-freies Steak zu bekommen - ist das nur Science-Fiction oder tatsächlich erreichbar?

Theoretisch liegt das im Bereich des Möglichen. Wir wissen bereits, dass bei Testmäusen ohne Prionen die Krankheit nicht auftritt, auch wenn sie infiziert werden. Also ist das grundsätzlich auch bei anderen Tieren denkbar. Doch noch ist das Grundlagenwissen darüber sehr gering, welche Funktionen Prionen haben. Aber nur mit sehr viel Glück bei der Forschung kann diese Frage in den nächsten Jahren beantwortet werden.

Sie sind jetzt seit zwei Jahren Ministerin und schon sehr viel länger in der Forschungs- und Bildungspolitik engagiert. Können Sie denn heute als Ministerin etwas von dem umsetzen, was Sie sich damals als Oppositionspolitikerin gewünscht haben?

Das kann ich und das tue ich auch. Bildung und Forschung haben endlich wieder Priorität in der Bundespolitik - auch bei den Finanzen. Mein Haushalt wächst allein im nächsten Jahr um 9,5 Prozent gegenüber dem jetzigen. Damit erhöhen wir zum dritten Mal in Folge diese Haushaltsansätze. Davon können wir Zukunftsinvestitionen in Bildung und Forschung realisieren. Kürzungen in diesem Bereich haben langfristig negative Auswirkungen auf Zukunfts- und Berufsaussichten der Jugendlichen und auf die wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit.

Für welche Vorhaben schlägt Ihr Herz besonders?

Ich will erreichen, dass wir jedem Menschen in unserem Land die bestmögliche Ausbildung anbieten. Das können nur Bund und Länder gemeinsam. Der Bund kann mit der Bafög-Reform eine ganz wesentliche Grundlage für mehr Chancengleichheit legen. Damit wollen wir sicher stellen, dass auch die jungen Leute, die keine goldene Kreditkarte in die Wiege gelegt bekommen, ein Studium nach ihren Leistungen und ihrer Wahl aufnehmen können. Zu meinen Herzensanliegen gehört auch die wissenschaftliche Nachwuchsförderung, die ich schon massiv verbessert habe. Künftig können junge Wissenschaftler beispielsweise selbst einen Forschungsantrag stellen. Bisher ging das nur über einen Professor. Die Folge war eine große Abhängigkeit - Grund für gute Nachwuchswissenschaftler in die USA zu gehen. In der Forschung habe ich deutliche Schwerpunkte bei den Lebenswissenschaften gesetzt, die eine Schlüsseltechnologie des 21. Jahrhunderts sind. Sie erschließen das Grundlagenwissen für weitere Entwicklungen. Der zweite wichtige Forschungsschwerpunkt ist die Informationstechnologie und ich nehme die Nanotechnik dazu. Damit schaffen wir die Voraussetzungen dafür, dass die Hochschulen und die außeruniversitären Forschungseinrichtungen gemeinsam mit Unternehmen forschen können und damit die Grundlagen für neue Produkte, neue Verfahren und neue Dienstleistungen schaffen. Das ist das A und O für unsere wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit und damit für neue Arbeitsplätze.

Bauen Sie an einem Hightech-Standort mit grünem Anstrich?

An einem Hightech-Wissenschaftsstandort mit rotem und grünem Anstrich - der rote Anstrich ist die Chancengleichheit, aber auch, dass wir Wissenschaft und Forschung zum Nutzen des Menschen einsetzen. Das gilt für die Lebenswissenschaften und für die Informationstechniken, weil sie uns das Alltagsleben erheblich erleichtern.

Haben Sie in Ihrem politischen Handeln Vorbilder?

Es gibt wenige Frauen in der Politik, auf die ich mich beziehen kann. Aber einige gibt es doch, an denen mich beeindruckt hat, wie sie durch gezieltes und konsequentes Handeln ihre politischen Ziele erreicht haben. In den letzten Jahren habe ich besonders die Stärke von Lea Rabin bewundert. Unsere politischen Nachfolgerinnen werden es wohl leichter haben, Vorbilder zu finden.

Spätestens seit der Green Card-Debatte stellt sich wieder stärker die Frage nach der Bildungsbeteiligung in Deutschland. Ist die Bildungsexpansion in Deutschland auf halbem Wege stehen geblieben?

Die Bildungsexpansion ist in den neunziger Jahren ins Stocken geraten. Um sie wieder in Gang zu bringen, müssen wir dringend unsere Bildungsreformen realisieren. Dazu will ich gemeinsam mit den Ländern Vorschläge erarbeiten, wie wir schon vor der Berufsausbildung mehr Kinder so gut ausbilden, dass sie höhere Bildungsabschlüsse erreichen. Wir haben im Vergleich zu anderen Industriestaaten erheblich weniger Abiturienten pro Jahr. Die TIMS-Studie hat zu Recht darauf hingewiesen, dass wir klare Schwächen und Defizite in der Breitenförderung haben. Die ist aber Voraussetzung dafür, dass man eine größere Zahl von Spitzenbegabungen erkennt und entsprechend fördern kann. Außerdem will ich die Ausbildungsmöglichkeiten an den Hochschulen wie auch in der beruflichen Bildung verbessern. Dazu gehört die Bafög-Reform, das Angebot neuer Studiengänge wie auch die neuen gestuften Studienabschlüsse Bachelor- und Master. Sie sollen den Jugendlichen die Entscheidung erleichtern, ob sie sich stärker beruflich oder wissenschaftlich orientieren wollen. Dazu gehört aber auch die Frauenförderung, denn es wäre einfach dumm, wenn wir die Hälfte des Potenzials in unserem Land brach liegen ließen.

Auch die Dienstrechtsreform habe ich begonnen, um an den Hochschulen Lehre und Forschung zu verbessern. Ich bin optimistisch, dass sie noch in dieser Legislaturperiode beschlossen wird. Das ist dann nach dem langen Zaudern der früheren CDU/CSU/FDP-Koalition ein großer Schritt vorwärts bei der Modernisierung der Hochschulen. Die jungen Wissenschaftler sollen damit deutlich früher selbständig arbeiten können. Außerdem wollen wir von unserem sehr starren Besoldungssystem wegkommen, das stark auf das Alter abhebt, hin zu mehr Leistungsorientierung. Ein junger Wissenschaftler verdient heute, auch wenn er sehr gut ist, sehr viel weniger als ein älterer. Das ist nicht gerechtfertigt. Der Systemwechsel an sich kostet nichts, da die bisher 15 Dienstaltersstufen der Professoren zu Leistungszuschlägen umgewandelt werden. Dabei bedeutet die 15. Dienstaltersstufe ungefähr doppelt soviel Geld wie die erste. Kritiker machen geltend, dass die Umstellungsphase nicht kostenneutral gestaltet werden kann. Deshalb habe ich im Entwurf der Bundesregierung vorgesehen, dass das Besoldungsbudget um zwei Prozent überschritten werden kann. Das sind rund 80 Millionen Mark pro Jahr. Wenn die Länder eine höhere Summe befürworten, bin ich einverstanden. Jeder Wissenschaftler hat mit dieser Reform die Chance, mehr Geld zu verdienen, unabhängig von seinem Alter.

Worauf können sich die Studenten einstellen? Kommt die Strukturreform des Bafög noch und welche Regelung wird es zum Studiengebührenverbot geben?

Zum 1.4.2001 tritt die große Bafög-Reform in Kraft, mit der wieder mehr junge Menschen aus ärmeren Familien Förderung bekommen. Die frühere Bundesregierung hatte das Bafög katastrophal herunter gewirtschaftet, so dass es vielen gar nicht mehr bekannt ist. Unser Gesetzentwurf sieht vor, dass künftig eine Familie mit einem mittleren Bruttoeinkommen von 7550 Mark monatlich bei zwei Kindern im Studium noch einen Bafög-Anspruch von 700 Mark für jedes Kind hat. Das ist eine spürbare Hilfe für die Familien, die dazu beitragen soll, dass wir alle Begabungen ausschöpfen können. Wir brauchen dringend mehr Studenten besonders in Naturwissenschaft und Technik. Traditionell kommen davon viele aus ärmeren Familien. Für ein Studiengebührenverbot möchte ich einen Staatsvertrag der Länder. Wenn das nicht geht, wie in letzter Zeit aus der CDU zu hören, bleibt nur eine Änderung des Hochschulrahmengesetzes. Ich lehne Studiengebühren im Erststudium ab. Wir dürfen junge Menschen nicht vom Studium abschrecken.

Die Abiturientenquote soll steigen. Mehr Qualifikation ist gefragt. Wie kann man junge Leute dazu verlocken, sich für eine qualifizierte Ausbildung zu engagieren?

Man muss die Neugier und das Interesse von Kindern wach halten. Da sind zunächst einmal die Eltern gefragt, denn Kinder sind von sich aus ungeheuer wissbegierig und wollen auch alles begreifen, was sie sehen. Später ist das dann die Aufgabe von Schulen. Die Tims-Studie hat gezeigt, dass besonders der Naturwissenschafts-Unterricht interessanter werden muss - stärker auf das eigenständige Denken der Kinder ausgerichtet. Außerdem bin ich davon überzeugt, dass wichtige Entscheidungsträger aus Wirtschaft und Politik Schluss machen müssen mit dem Gerede der 90er-Jahre, wir hätten zu viele Abiturienten und Akademiker in diesem Land. Das Gegenteil ist richtig. Sie müssen vielmehr Jugendliche dafür werben, dass sie sich für den manchmal etwas mühseligen Weg zum Abitur und durch ein Studium entscheiden. In Finnland beispielsweise studieren 58 Prozent eines Jahrgangs. In Deutschland sind das nur 28 Prozent. Insgesamt fordert uns allen die technische und gesellschaftliche Entwicklung mehr Wissen und Weiterlernen ab.

Wie soll die Freude am Lernen geweckt werden?

Wir haben dazu beispielsweise die Initiative "Wissenschaft im Dialog" gestartet. Das Jahr der Physik haben wir fast abgeschlossen. Physik ist eine unheimlich interessante Wissenschaft, die zu selten plastisch dargestellt wird. Das nächste Jahr gilt den Lebenswissenschaften. Ich möchte, dass Wissenschaftler aus ihrem Elfenbeinturm kommen und allen Menschen, verständlich erklären, woran sie forschen. Dafür organisieren wir große Veranstaltungen, wo natürlich auch kontrovers diskutiert werden soll. Das wird im nächsten Jahr beim "Jahr der Lebenswissenschaften" sicher der Fall sein. Der Funke soll überspringen, so dass Laien und Experten sich miteinander verständigen können.

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