Gesundheit : Edle Einfalt aus der Asche

Vor 300 Jahren wurde die verschüttete Stadt Herculaneum entdeckt – zu Goethes Zeit ein Hit

Michael Zick

Um die Mittagszeit wird der Tag zur Nacht. Heftige Gewitter, Myriaden von Bimssteinpartikeln und Ascheregen gehen nieder. Über dem Vulkan steht eine 30 Kilometer hohe Asche-Gas-Wolke. Nach 900 Jahren Ruhe speit der Vesuv sein Innerstes heraus.

Am 24. August 79 nach Christus gegen vier Uhr beginnt die größte Naturkatastrophe der Antike. Sie vernichtet die gesamte Vesuv-Region und begräbt die Städte Herculaneum und Pompeji. Gas-Asche-Lawinen fegen mit Sturmgeschwindigkeit die Berghänge hinab – 100 Kilometer in der Stunde schnell und 500 Grad Celsius heiß.

Von diesen „pyroklastischen Strömen“ ist besonders Herculaneum betroffen. Die Glutwolke lässt den Flüchtenden keine Chance: Im Bruchteil einer Sekunde wird der Luft der Sauerstoff entzogen, Blut und Weichteile verdampfen, das Gehirn verkocht, die Knochen werden verkohlt. Die Skelette zeigen weder reflexartige Schutzreaktionen noch Gesten von Panik. Um 17 Uhr gibt es kein Leben mehr in Herculaneum.

Die blitzschnelle Verkohlung konservierte in Herculaneum Kinderwiegen und Prozessakten, Fischernetze und Brote, Treppen, Kichererbsen und Hufschoner für Pferde. Schlamm-Steinchen-Ströme flossen durch alle Öffnungen in die Häuser und füllten die Hohlräume. Dann erst wurden die Bauten von den Tuff-Asche-Massen des anhaltend speienden Vesuvs luftdicht versiegelt: Der größte Teil der antiken Provinzstadt liegt auch heute noch unter 30 Metern Ablagerungen verborgen. In Herculaneum blieb deshalb vieles erhalten, was in Pompeji unter Asche und Bimsstein zermalmt wurde oder verbrannte.

Einige der spektakulärsten Zeugnisse der römischen Antike stammen denn auch aus Herculaneum und nicht aus der berühmteren Schwesterstadt. Die schönsten und spannendsten Stücke werden im Pergamonmuseum in einer auserlesenen Schau unter dem Titel „Die letzten Stunden von Herculaneum“ gezeigt. Die ausdrucksstarken Bronzestatuen der Läufer und zwei Papyrusrollen der ältesten erhaltenen Bibliothek traten dafür erstmals eine Reise ins Ausland an. Die Ausstellung und das ausgezeichnete Begleitbuch sind eine Rehabilitierung der über dem Pompeji-Rummel zu Unrecht vergessenen kampanischen Sommerresidenz, in der schon römische Nobilitäten den Sonnenuntergang über Capri bewunderten.

Über der verschütteten Stadt wuchs Gras und Getreide, das Vergessen war vollständig. 1710 landete ein neuzeitlicher Bauer beim Bohren eines Brunnens auf dem Proscenium des Theaters von Herculaneum. Die Entdeckung der antiken Stadt wurde zum europäischen Megakulturevent, denn schon die ersten Grabungen brachten Erstaunliches zutage: Die aus dem Theater stammenden, heute in Dresden stationierten Statuen der beiden „kleinen Herculanerinnen“ und ihrer „großen“ Schwester setzten die Maßstäbe für die revolutionäre neue Ästhetik des europäischen Klassizismus. An diesen drei Grazien entwickelte Johann Winckelmann seine These von der „edlen Einfalt und stillen Größe“ der klassisch-antiken Kunst. Es wurde europaweit Mode, sich „herculanisch“ einzurichten und zu bauen. Ein früher Kulturtourismus schleuste neben Engländern auch Goethe nach Herculaneum. Raubdrucke der limitierten Folianten mit Texten und Bildern aus Herculaneum waren ein gutes Geschäft.

Die ersten archäologischen Arbeiten verliefen abenteuerlich – und bleiben es bis heute: Da über der antiken Stätte eine neuzeitliche Siedlung entstand, wurde das Theater in Bergwerksmanier „ausgegraben“: Es liegt weiterhin unter 30 Metern eisenharter Erdmelange und ist nur über Stollen zu erreichen – und das auch nur für Wissenschaftler.

Noch aufwendiger war die archäologische Erkundung der „Villa dei Papiri“. Dieses pompöse Herrenhaus etwas außerhalb der Stadt wurde 1750 ebenfalls beim Brunnenbau entdeckt und vom Schweizer Karl Weber minutiös dokumentiert – unterirdisch. Der Ingenieur im Dienste des neapolitanischen Königs grub sich durch den antiken Untergrund. Von einem senkrechten Schacht aus trieb er waagerechte Stollen ins Dunkel, bis er auf eine Mauer stieß. An der buddelte er parallel weiter, durch Tore, um Ecken und entlang von Abzweigungen, streckenweise 400 Meter.

So konnte Weber nicht nur einen Maulwurfsgrundriss der Villa zeichnen, sondern auch den herrschaftlichen Swimmingpool und die Standorte von mindestens 80 Bronze- und Marmor-Statuen lokalisieren. Zwei davon, die beiden Läufer, sind in der Ausstellung zu bewundern. Nach 15 Jahren musste der Untergrund-Archäologe seine Arbeiten einstellen, Giftgase verboten jede Weiterarbeit, die Schächte sind bis heute versiegelt.

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