Gesundheit : Ehrlichkeit

Von Christoph Markschies, Präsident der Humboldt-Universität

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Zu den unvergesslichen Erinnerungen des einstigen Westberliner Schülers, der gerade diese Zeilen verfasst, gehört ein persischer Teppichhändler – oder präziser: das Bild eines persischen Teppichhändlers aus dem Fernsehen. Das Bild schloss einen kleinen Film, der im damals noch existierenden SFB nach der Abendschau für den Kauf von Orientteppichen warb, mit dem einprägsamen Satz: „Und – ährlische Preise!“

Nun hatte der Schüler kurz vor dem Abitur natürlich keine eigenen Erfahrungen beim Kauf von Orientteppichen, aber er ahnte bereits aufgrund der Intensität, mit der hier jemand Abend für Abend seine eigene Ehrlichkeit betonte, dass im rauen Geschäftsleben das Ideal des ehrlichen Kaufmanns offenbar nicht flächendeckend verbreitet war. Um gerade deswegen dem um ehrliche Preise bemühten und sympathisch wirkenden iranischen Kaufmann einen Teppich abzukaufen, reichte freilich das Taschengeld nicht.

Außerdem wusste schon der Schüler, dass man mit strikter Ehrlichkeit in allen Momenten des Lebens auch nicht gerade einfach durch dasselbe kommt. Das war ihm an einem Professor der Freien Universität aufgefallen, der gern während des Mittagessens von Studierenden angerufen wurde, obwohl er doch seinen Kindern eingeschärft hatte, zwischen ein und vier Uhr niemandem am Telefon zu stören. Eines Tages klingelte es wieder kurz nach eins, alle hielten leicht verärgert beim Essen inne, die Frau des Professors eilte in das Wohnzimmer, hob den Hörer ab – und aus dem Hintergrund ertönte die Stimme des Hausherrn: „Sag, ich bin nicht da.“ Pflichtschuldig wurde geantwortet: „Sie hören ja, mein Mann ist nicht da.“ War das Ehrlichkeit? Oder der klassische Fall einer Notlüge, den schon die strengen mittelalterlichen Theologen unter bestimmten Bedingungen erlauben?

Sicher ist, dass es bei der Ehrlichkeit sehr auf die Situation ankommt: „Schatz, wie sehe ich aus?“ Hier kann allzu große Ehrlichkeit viel zerstören. Dagegen ist es arglistige Täuschung der Bevölkerung, vor Wahlen zu verschweigen, wie es um die Finanzen eines Landes steht und was man schon längst zu kürzen plant. Da beendet dann auch eine in vulgärstem Ungarisch vorgetragene Entschuldigung den Volkszorn nicht.

Der Autor ist Kirchenhistoriker und schreibt an dieser Stelle jeden zweiten Montag über Werte, Wörter und was uns wichtig sein sollte.

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