Gesundheit : Ein Arbeitssieg

Jürgen Mlynek gewinnt die Präsidentenwahl an der Humboldt-Universität

Anja Kühne,Tilmann Warnecke

Für Jürgen Mlynek 34 Stimmen, für Michael Th. Greven acht – überraschend schnell hat sich die Humboldt-Universität am Dienstag für ihren neuen Präsidenten entschieden. Nach nur einem Wahlgang konnten sich die Professoren des Wahlgremiums am Dienstagmorgen erleichtert von ihren Sitzen erheben, um Mlynek zu applaudieren. Die anderen Statusgruppen folgten dem Beispiel, bis auf die Studierenden, die regungslos auf ihren Plätzen blieben. Jürgen Mlynek, dem der Vorsitzende des Konzils, der Theologe Richard Schröder, einen Blumenstrauß in die Hand drückte, bedankte sich „für das ausgesprochene Vertrauen“. Der Physiker ist der erste Präsident der Nachwendezeit, dem die Humboldt-Universität eine zweite Amtszeit gewährt, wenn auch nicht mit überwältigender Mehrheit: 31 von 60 Stimmen muss ein Kandidat mindestens gewinnen.

Mlyneks Wiederwahl war ungewiss. Während sich abzeichnete, dass die meisten Professoren – mit 30 Sitzen im Konzil die größte Gruppe – ihn unterstützen würden, stand auch fest, dass die Mehrheit der zehn Studierenden des Gremiums ihn nicht wählen würden, genau wie die meisten aus der ebenfalls zehnköpfigen Gruppe der sonstigen Mitarbeiter. So hing manches vom akademischen Mittelbau ab, in dem es gerade unter den unbefristet Beschäftigten Mlynek-Kritiker gibt. Diese Gruppe dürfte die Wahl nun entschieden haben.

„Mlynek hat sich in den letzten Wochen Mühe gegeben, uns wahrzunehmen“, erklärte Christian Dahme von der Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Fakultät II das Wahlverhalten seiner Kollegen. „Diese Bemühung haben wir bei dem Gegenkandidaten nicht ausreichend erkannt.“ Gabriela Lindemann-von Trzebiatowski kennt die Humboldt-Universität seit dem Beginn ihres Studiums im Jahr 1976. Obwohl gerade langgediente Mitarbeiter wie die Informatikerin unter Mlynek Nestwärme vermissen, hat sie jetzt für den Amtsinhaber gestimmt. „Er hat sich der Kritik gestellt“, sagt Lindemann. Mit einigen anderen Mitarbeitern hat sie Mlynek vor der Wahl einen Katalog von Forderungen übergeben, darunter etwa die nach einem Forschungsfreisemester für wissenschaftliche Mitarbeiter. Mlynek habe bereits mit der Prüfung begonnen.

Während sich vor dem wieder gewählten Präsidenten eine lange Schlange von Gratulanten bildet, macht sich unter den Studentinnen und Studenten Enttäuschung breit. „34 Stimmen im ersten Wahlgang – das ist ein ziemlich starkes Mandat für Mlynek“, sagte Gunnar Zerowsky. Der Tonfall und die Miene zeigen, dass er darüber gar nicht glücklich ist und die Deutlichkeit des Ergebnisses für ihn unerwartet kommt. „Typisch Uni. Wenn es darauf ankommt, haben alle Angst vor einem Neuanfang“, schimpft der Student der Sozialwissenschaften.

Was Gunnar Zerowsky an Mlynek stört? „Na, überlegen Sie doch mal, wie es jetzt an der Uni weitergeht“, sagt er: Eine noch stärkere Ökonomisierung des Studiums, eine rein berufsbezogene Ausbildung und „präsidiale Geldsucht“. Seine Aufzählung steigert sich bis zum „McKinsey-Stalinismus“, der jetzt auf die Unis im Allgemeinen und auf die Humboldt-Universität im Speziellen zukomme. Seine studentischen Mitstreiter, die um ihn herumstehen, nicken zustimmend. Man konnte früher nicht mit Mlynek reden, wirft einer ein, und das werde sich jetzt wohl kaum ändern.

Nur ein Student grenzt sich von den Enttäuschten ab. Sebastian Zacherow von dem CDU-nahen „Ring Christlich Demokratischer Studenten“ sitzt auf der anderen Seite des Senatssaals und widerspricht „diesen Linken“, wie er sie nennt. Der Jura-Student hat für Mlynek gestimmt. „Kontinuität“ verspreche der. Und mit Mlynek reden könne man sicher auch, sagt Zacherow: „Man darf nur nicht alle Gesprächsangebote ablehnen.“

Doch die anderen Studierenden wollten auch Mlyneks Gegenkandidaten Greven nicht. Nur einer von ihnen klatscht, als Richard Schröder Greven für seine Kandidatur dankt. Der Politologe ist bei seinen Hamburger Studenten beliebt. Zu den Berlinern ist der Funke aber nicht übergesprungen. Nein, schüttelt die Agrarstudentin Heike Delling den Kopf, der sei keine Alternative gewesen. „Arrogant“ habe er in den Vorstellungsrunden auf sie gewirkt. Um klare Aussagen hätte er sich „rumgewunden“. Der Theologie-Student Jan Bobbe, der neben ihr steht, nennt Greven einen „Wackelpudding“ und Mlynek eine „Betonstele“. Deshalb waren unter den zehn Enthaltungen und acht ungültigen Stimmen viele von Studierenden. Sie hatten gehofft, dass weder Mlynek noch Greven eine Mehrheit bekommt und ein neuer Kandidat ins Rennen geschickt wird.

Der weit abgeschlagene Greven, der dem Publikum zum Abschied wie ein Radsportler mit seinem Blumenstrauß zuwinkte, erklärt sich seine Niederlage mit dem „Wunsch nach Kontinuität“ an der Humboldt-Universität. „Es ist mir nicht gelungen, die Unzufriedenheit in Stimmung für mich umzuwandeln“, sagt er.

Unterdessen wird in Mlyneks Amtszimmer der „Rotkäppchen“-Sekt entkorkt. Die Anhänger des Präsidenten sind „total erleichtert, dass die Humboldt-Universität mit der Tradition gebrochen hat, an der falschen Stelle die Pferde zu wechseln“, sagt der Germanist Hartmut Böhme.

Böhme und die anderen Professoren verstehen nicht, warum Mlyneks Kommunikationsstil von vielen kritisiert wurde. „Er ist ein pflegeleichter Mensch, sehr kollegial, persönlich verlässlich, witzig, gesellig und locker“, lobt Vizepräsident Heinz-Elmar Tenorth ihn. Außerdem habe sein Gegner Greven inhaltlich keine Alternativen aufzeigen können. „Wir gewinnen ein Jahr, weil Mlynek den Laden kennt“, meint auch Richard Schröder. In den Gegenstimmen und den vielen Enthaltungen artikuliere sich gleichwohl Unmut. „Er muss weiter darauf achten, alle mitzunehmen“, sagt Schröder. Mlynek weiß das.

Vor allem aber zeigt das knappe Ergebnis eines: Sollte der Senat wie geplant mit seinem neuen Hochschulgesetz die Viertelparität in den Gremien einführen, wäre die Uni quasi unregierbar, Mlynek und sein Kurs hätten dann keine Chance.

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