Gesundheit : Ein Aspirin für alle Fälle

Das Schmerzmittel hat Karriere gemacht. Jetzt fragen sich Ärzte: Könnte es auch vor Brustkrebs schützen?

Adelheid Müller–Lissner

„Dann hab ich schnell ein Aspirin genommen, und der Schmerz war weg.“ Der Markenname ist seit 100 Jahren ein Begriff. Er gehört einem der erfolgreichsten Medikamente überhaupt. Der Wirkstoff, der uns den Schmerz nimmt, nennt sich Acetylsalicylsäure, kurz ASS. Die Tabletten, von denen in den USA täglich 80 Millionen Stück eingenommen werden, sind aber nicht nur als Schmerzmittel bekannt. ASS kann auch Fieber senken und Entzündungen hemmen, das Blutt dünnflüssiger machen und das Risiko von Darmtumoren senken.

Jetzt haben Epidemiologen aus New York festgestellt, dass es auch vor Brustkrebs schützen könnte. Sie verglichen dafür rückblickend in einer Fall-Kontroll-Studie die Daten von Patientinnen mit denen gesunder Frauen. Es stellte sich heraus: Unter den Gesunden waren deutlich mehr Frauen, die mehr als ein halbes Jahr lang mindestens einmal in der Woche eine ASS-Tablette genommen hatten. Das Schmerzmittel schützt dieser Untersuchung zufolge nur vor der Form von Brustkrebs, die mit der Einwirkung des weiblichen Geschlechtshormons Östrogen in Zusammenhang steht. Und der Schutz ist stärker bei Frauen, deren Monatsblutungen schon ausgesetzt haben.

Wie ist das zu erklären? ASS hemmt die Bildung von Prostaglandinen. Das ist eine Gruppe hormonähnlicher Substanzen, die in vielen Organen vorkommen und mit Entzündungsprozessen und Schmerzverarbeitung zu tun haben. Prostaglandine spielen aber auch bei der Synthese von Östrogen eine wichtige Rolle: Sie stimulieren ihrerseits das Enzym Aromatase. Und das sorgt dafür, dass auch nach Ende der fruchtbaren Jahre im Körper der Frau Östrogen gebildet wird.

Indem ASS in den Mechanismus der Hormonproduktion eingreift, scheint es also eine gewisse Schutzwirkung gegen den hormonabhängigen Brustkrebs zu bieten. Für welche Frauen es in Zukunft günstig sein könnte, zur Vorbeugung Aspirin zu nehmen, und welche Dosis das sein müsste, ist aber noch völlig unklar. „Der mögliche Nutzen muss gegen die möglichen schädlichen Effekte der Langzeiteinnahme abgewogen werden“, schreiben Mary Beth Terry und ihre Kollegen im Fachblatt „Jama“. Damit sind Schädigungen der Magenschleimhaut, Blutungen und Magengeschwüre gemeint. Solche schweren Nebenwirkungen kommen vor allem dann vor, wenn ASS wegen chronischer Schmerzen und Entzündungen regelmäßig in hoher Dosierung genommen wird, etwa bei rheumatischen Erkrankungen. Zur Behandlung von Rheumaschmerzen wurde inzwischen eine magenfreundliche Alternative mit etwas verändertem Wirkprinzip entwickelt. Auch diese Mittel hemmen die Bildung der Prostaglandine und halten so Entzündungen in Schach. Allerdings bremsen sie dafür im Unterschied zu ASS nur eine Unterform des Enzyms Cyclooxigenase, kurz: COX, das die Bildung der Prostaglandine fördert, nämlich das COX-2. COX-1, das die Magenschleimhaut schützt, bleibt weitgehend unbeeinflusst. Die COX-2-Hemmer sind ausgesprochen teuer. ASS dagegen wirkt vor allem als COX-1-Hemmer.

Zur Vorbeugung nehmen bereits viele Menschen ASS, die schon einen Herzinfarkt oder Schlaganfall erlitten haben und einem weiteren Verschluss wichtiger Blutgefäße vorbeugen wollen. Seit Ende der 80er Jahre die American Heart Association herausgefunden hat, dass ASS das Risiko für einen erneuten Infarkt fast halbiert, wird das Mittel nämlich weltweit im großen Maßstab zur Blutverdünnung eingesetzt.

Diese Wirkung entfaltet es, weil es ein zweites Endprodukt der Cyclooxygenase hemmt, die Thromboxane, die die Blutplättchen miteinander verkleben. Auf diesem Feld ist ASS den COX-2-Hemmern überlegen. Während gegen Kopfschmerzen meist eine Tablette mit 500 Milligramm ASS genommen wird, reicht zur Verhinderung des Verklebens der Blutplättchen – meist in Kombination mit anderen Medikamenten – schon die bescheidene und magenschonende Dosis von rund 100 Milligramm. Auch bei Dickdarmkrebs könnte das vielseitige Medikament Karriere machen, über das in jedem Jahr 3500 neue wissenschaftliche Arbeiten erscheinen. Denn ASS kann das Wachstum von Darmpolypen hemmen, die eine Vorstufe von Krebs darstellen.

Patienten, die nach einer Krebsoperation mit dem Mittel behandelt wurden, hatten bei einer späteren Kontrolluntersuchung deutlich weniger neue Polypen als Unbehandelte. Auch bei Patienten, die noch keinen Darmkrebs hatten, bei denen aber während einer Darmspiegelung Polypen entfernt wurden, wirkte danach diese Art der Vorbeugung.

Herz-Kreislauf-Leiden und Krebs sind die häufigsten Todesursachen. Jeder ist bedroht. Sollte also heute jeder ab einem bestimmten Alter sicherheitshalber ASS in niedriger Dosis zur Vorbeugung von Krankheiten einnehmen?

Das klingt zwar einleuchtend. Doch die Daten, die wir heute haben, sind dafür längst nicht aussagekräftig genug, meint der Pharmakologe Georg Kojda von der Uni Düsseldorf. „Zum Beispiel ist nicht klar, ob ASS nicht erst in höherer Dosierung einen gewissen Schutz gegen Brustkrebs verspricht.“ Wenn es darum geht, Medikamente gesunden Menschen zur Vorbeugung zu verordnen, müssen Ärzte aber grundsätzlich besonders vorsichtig sein. Als Beispiel für voreilige Begeisterung steht dem Pharmakologen die Hormontherapie für Frauen in den Wechseljahren vor Augen, von der man sich einen Schutz gegen Herzinfarkt und Schlaganfall erhoffte – bis eine große Studie Ernüchterung brachte.

Einstweilen sind Nachrichten über weitere mögliche Schutzwirkungen von ASS also eher für die erfreulich, die das Mittel ohnehin schon regelmäßig nehmen: „Frauen, die für Herz und Gefäße täglich Aspirin einnehmen, könnten davon zusätzlichen Nutzen im Hinblick auf die Verminderung ihres Risikos haben, an bestimmten Krebsformen zu erkranken“, ist im Kommentar zur aktuellen Brustkrebs-Studie zu lesen.

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