Gesundheit : Ein Berliner Haus für Lateinamerika

Hans von Seggern

„Das gesamte große Gebiet der ibero-amerikanischen Kultur“ solle „von Gelehrten von Ruf bearbeitet werden“, skizziert Otto Boelitz im Gründungsjahr 1930 die Aufgaben des Berliner Ibero-Amerikanischen Instituts (IAI), dessen erster Direktor er wird. Die Einweihung im Marstall fällt auf den 12. Oktober, den Jahrestag der „Entdeckung“ Amerikas durch Kolumbus. Kern der Bestände ist eine Bibliothek mit 82000 Bänden, die der argentinische Soziologe Ernesto Quesada 1928 dem Preußischen Staat vermacht. Die Bedingung: Ein Institut zu schaffen, das die geistigen Beziehungen zwischen dem Deutschen Reich und Lateinamerika fördert.

In schwerer Zeit gegründet, ist das Forschungszentrum immer wieder in seiner Eigenständigkeit bedroht: Zunächst nutzen es die Nazis als Instrument außenpolitischer Propagandastrategien. Nach dem Krieg soll es nach dem Willen der Alliierten zerschlagen werden. Nur das Herz, die Bibliothek, bleibt durch das Engagement der Mitarbeiter bis zur Neugründung im Jahr 1962 bestehen.

Zuletzt ernsthaft gefährdet war das IAI Ende der 90er-Jahre durch die Empfehlung des Bundesrechnungshofes, den Forschungszweig aufzugeben und die Bibliothek den Beständen der Staatsbibliothek einzugliedern. Heute gilt das IAI – auch verstärkt durch einen Freundeskreis – mit einem Team von 77 Mitarbeitern als gesichert. Für die Ethnologin Barbara Göbel, die am 14. September als neue Direktorin ins Amt eingeführt wird, ist die Kombination aus Information, wissenschaftlicher Forschung und Kulturaustausch das „Alleinstellungsmerkmal“ des Ibero-Amerikanischen Instituts.

Das Institut, das seit 1977 in einem Anbau der Staatsbibliothek in der Potsdamer Straße (Tiergarten) untergebracht ist, hat die mit rund 800000 Bänden drittgrößte einschlägige Spezialbibliothek der Welt. Neben einer Filmothek existiert seit 1965 zudem eine bedeutende Phonothek, zu der die erste Tangoplatte „El Choclo“ („Der Maiskolben“) von 1906 gehört.

Die Erforschung der ökonomischen, politischen und kulturellen Effekte der Globalisierung für Lateinamerika und die Karibik gehöre zu den Aufgaben zukünftiger Forschung, sagt Göbel. „Gerade in Ländern mit einem hohen Maß an ökonomischer und politischer Instabilität ist die Kontinuität von Institutionen wichtig.“ In dieser Hinsicht besteht eine Parallele der Institutsarbeit zum Begründer der modernen Lateinamerikaforschung, Alexander von Humboldt: „Das IAI ist in Lateinamerika bekannter als in Deutschland“, so Göbel. Was sich mit der Eröffnung einer Ausstellung zur Institutsgeschichte am 14. September, dem Geburtstag Alexander von Humboldts, ändern soll.

Informationen zum Festprogramm:

www.iai.spk berlin.de/aniversario.htm

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