Gesundheit : Ein bisschen ist noch im Fluss

Fünf Jahre nach Einführung der Rechtschreibreform ist die Umsetzung in den Alltag weitgehend vollzogen

Bärbel Schubert

„Sitzen bleiben“ oder „sitzenbleiben“, „frisch gebacken“ oder „frischgebacken“, „Schnellauf“ oder „Schnelllauf“? Die Rechtschreibreform hat darüber vor fünf Jahren einen wahren Kulturkampf ausgelöst. Zum 1. August 1998 wurden die neuen Schreibweisen und kräftig gestutzte Komma-Regeln erstmals in den Schulen und Behörden Deutschlands, Österreichs und der Schweiz eingeführt – nachdem erst zwei Wochen zuvor die Verfassungsrichter in Karlsruhe den umkämpften Änderungen sozusagen in letzter Minute den Segen gegeben hatten. Eine bis dahin kaum gekannte Klagewelle von Eltern und empörten Bürgern hatte zuvor die Verwaltungsgerichte beschäftigt und nahezu lahm gelegt.

Heute sieht der Vizevorsitzende der Zwischenstaatlichen Kommission, Gerhard Augst, die neuen Schreibweisen im Alltag angekommen. Die Änderungen hätten sich bewährt. „Das ist bei uns kein Thema mehr“, meint auch Andreas Baer vom Verband der Schulbuchverlage (VdS Bildungsmedien).

Trotzdem ist auch in neuen Büchern die alte Schreibweise gelegentlich noch zu sehen, da die Verlage sich bei belletristischen Werken nach den Wünschen ihrer Autoren richten. Doch gilt die Umsetzung in allen drei Ländern als weitgehend vollzogen. Mehr als 80 Prozent der neu aufgelegten Bücher werden heute mit neuer Rechtschreibung gedruckt. Stichproben zeigen, dass die Zeitungen die neuen Regeln zu 96 Prozent richtig anwenden, und selbst zwei Drittel der Leserbriefe an die Redaktionen sind in reformierter Form geschrieben. In der dreisprachigen Schweiz sah man das Ganze ohnehin von Anfang an entspannter. In Österreich haben sich inzwischen alle Zeitungen umgestellt, zuletzt die „Presse“. In Deutschland fehlt zwar noch die „FAZ“, die im Jahr 2000 das Rad zumindest für sich noch einmal zurückgedreht hat. Doch auch ihre Online-Ausgabe ist dem Zug der Zeit gefolgt und verwendet die neuen Schreibweisen.

In den Schulen ist die Umstellung nach Auskunft der Kultusministerkonferenz und von Lehrerorganisationen ebenfalls gelaufen. Dabei gilt für Schulen wie Behörden bis zum 1.August 2005 noch die Übergangsfrist. Erst danach darf ein Lehrer das scharfe „ß“ in „bißchen“ oder „Fluß“ im Diktat als Fehler werten. Bisher gilt die alte Form lediglich als „überholt“. Der private Schreiber bleibt dagegen Souverän seiner Rechtschreibung.

Mehr Einfluss hat der Computer

Kurz: Die Aufregung hat sich zumindest in der Öffentlichkeit weitgehend gelegt, auch wenn die Gegner der Reform diese weiterhin ablehnen. Zur Gewöhnung hat wohl auch beigetragen, dass nur wenige Änderungen direkt ins Auge stechen. Der auffällige dreifache Konsonant bei zusammengefügten Substantiven, wie „Flanelllappen“, kommt praktisch selten vor. Oft erkennt man die Anwendung der neuen Schreibweisen erst an dem Wort „dass“. Die „ss“-Schreibung nach kurzem Vokal wie bei Wasser/wässrig oder „bisschen“ zählt sicher zu den auffälligsten Änderungen zusammen mit den Getrenntschreibung wie „Rad fahren“, „sitzen bleiben“ und „gefangen nehmen“.

Doch dies war schon vor der Reform ein besonders heikles Kapitel der deutschen Rechtschreibung. „Viele Ungereimtheiten sind durch die Reform weggefallen“, sagt der Germanistikprofessor Augst, einer der Väter der Reform. Augst hat erst kürzlich den Vorsitz der Zwischenstaatlichen Kommission turnusmäßig an seinen österreichischen Kollegen Karl Blüml abgegeben. Das Gremium soll die Einführung der Reform in allen deutschsprachigen Staaten begleiten. „Bis 1998 gab es für vieles nur Faustregeln“, gibt Kommissionsmitglied Klaus Heller vom Institut für deutsche Sprache in Mannheim zu bedenken. Daneben musste man viele Ausnahmen lernen. Das Ganze sei jetzt systematischer gefasst. „Aber man kann einfach nicht alles regeln“, räumt Heller ein.

Von der Reform hatten sich viele ursprünglich mehr versprochen, so die Einführung einer gemäßigten Kleinschreibung. Nun haben sich nur zwei von 1000 geschriebenen Wörtern geändert. „Wo soll da die große Verbesserung herkommen?“, fragt Augst, der ebenfalls ehrgeizigere Pläne als das „Reförmchen“ hatte. Doch stärker als die neuen Schreibregeln habe wohl ohnehin die Einführung von Rechtschreibprogrammen für Computer die Schreibgewohnheiten des Normalbürgers verändert.

Der stark anwendungsorientierte Schultest Pisa mit seinen schlechten deutschen Ergebnissen hat wohl dazu beigetragen, die Bildungsdiskussion zu verlagern. Danach kann fast jeder vierte 15-Jährige aus Deutschland nicht sicher mit Texten umgehen. Reformgegner führen dies allerdings auf die neue Rechtschreibung zurück.

Jedenfalls gilt eine sichere Rechtschreibung nach wie vor als Erkennungszeichen für Bildung. So greifen beispielsweise Demonstranten gegen Bildungsabbau zur Illustration gern auf Schreibfehler zurück wie: „Wollt ihr, das wir dov bleiben?“ Auch die Handelskammern konkretisieren ihre Kritik an der mangelnden Ausbildungsfähigkeit von Lehrstellenbewerbern gern mit dem Vorwurf, „die können ja noch nicht einmal richtig schreiben“. Überdies: Erwachsene berichten gar nicht selten auch nach Jahrzehnten noch von traumatischen Erfahrungen mit der Rechtschreibung in ihrer Schulzeit. Wie Untersuchungen aus den 60er und 70er Jahren zeigen, war schon damals die richtige Schreibweise das Kreuz der Schule.

Nicht so bald die nächste Reform

Wie soll es weitergehen mit der Entwicklung der Rechtschreibung in Deutschland? Über eines sind sich alle einig: Eine Reform wie 1998 wird es so schnell nicht noch einmal geben. Die Kultusminister haben die Proteste noch längst nicht vergessen, und die Verlage beklagen die hohen Kosten der Umstellung. Die Alternative: die Regeln werden laufend an die Entwicklung der Sprache angepasst. Dafür wurde bereits die Expertenkommission eingesetzt. Bei ihrer Arbeit wird sie zudem von einem Beirat unterstützt, dem Vertreter von Presseagenturen, Schriftsteller und andere Schreibpraktiker angehören. „Wir müssen aufpassen, dass es nicht wieder so kompliziert wird wie vor 1996“, mahnt Gerhard Augst. „Bei der Rechtschreibreform 1902 waren die meisten Vorgaben ganz klar. Etwa in der Frage, ob man etwa „Schiffahrt" oder „Schifffahrt“ schreiben soll, hieß es einfach: Du kannst es machen, wie du willst. 1996 hatte der Duden, damals „entscheidend in allen Zweifelsfällen der Rechtschreibung“, immerhin 13 Regeln für dieses Problem aufgeführt.

Vor Ende der Übergangsfrist 2005 wird die Kommission noch einen Bericht vorlegen. Große Überraschungen sind nach Auskunft der Beteiligten nicht zu erwarten.

Weitere Informationen im Internet:

www.rechtschreibkommission.de

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