Gesundheit : „Ein Erlebnis wie ein Pop-Konzert“ Der Ethnologe Wolfgang Kaschuba über das Phänomen Kinder-Uni

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WOLFGANG KASCHUBA (55)

ist Professor für Europäische Ethnologie an der HumboldtUniversität zu Berlin – und war einer der Vortragenden in der Kinder-Uni. Foto: Kai-Uwe Heinrich

Aus der Sicht eines Ethnologen, der auch die heimischen Gebräuche erforscht: Warum sind die Kinder-Unis in Deutschland so erfolgreich?

Das hat viele Gründe. Das Schlagwort Kinder-Uni funktioniert sehr gut, denn es suggeriert, dass Kinder ernst genommen werden – und dass Wissen spannend ist. Eine neue Nähe von Kindern zum Wissen lässt sich ja auch in anderen Bereichen beobachten, denken Sie etwa an die Wissensquiz-Sendungen im Fernsehen oder an Computerspiele, die ganze Wissenslandschaften entwerfen, von Rittern bis hin zur Biologie. Für die Kinder ist die Kinder-Uni auch ein Abenteuer in einer fremden Umgebung, ein Gemeinschaftserlebnis – ähnlich wie ein Popkonzert oder ein Fußballspiel, mit bestimmten Ritualen, an die sie sich erstaunlich schnell gewöhnen: die Sitzordnung, das Warten auf den Beginn der Vorlesung, das Klopfen danach.

Ist die Kinder-Uni ein weiteres Event in einer Event-Gesellschaft?

Nein, sie ist mehr als das. Wir stehen nicht nur vorne und spielen Clown, denn das können wir schlecht. Natürlich darf man sich von einer Kinder-Uni keine systematische oder umfassende Wissensvermittlung erhoffen, aber diesen Anspruch erhebt sie gar nicht. Sie will den Kindern neue Räume erschließen, zu einer Annäherung der Welten beitragen. Gerade nach den Debatten um Pisa und die Schulen sind viele Eltern dafür aufgeschlossen und finden es gut, dass da eine Schwelle gesenkt wird.

Sie haben selbst einen Vortrag in der Humboldt-Kinder-Uni gehalten, zu der Frage, warum Deutsche deutsch und Türken türkisch sind. Wie haben Sie Ihren Auftritt erlebt?

So etwas vergisst man nicht so schnell: Wann sieht man schon mal 800 Kinder in einem Raum? Das war eine echte Herausforderung. Kinder muss man alle fünf Minuten wieder neu gewinnen, da kann man sich nicht wie bei Erwachsenen darauf verlassen, dass sie zuhören, weil ein übergeordneter Zweck da ist. Der normale Witz, die normale Ironie funktionieren nicht. Mir ist wieder klar geworden: Die Macht des Wortes hat ihre Grenzen, wir müssen mit Bildern arbeiten. Kopfmenschen aus dem Elfenbeinturm vergessen leicht, dass alle Denkformen auch eine Bildgestalt haben – eigentlich ein uralter Satz. Als ich ein Bild von Harry Potter an die Wand projiziert habe, gab es ein Gejohle wie bei einem Popkonzert.

Was kann die Uni aus den Erfahrungen mit der Kinder-Uni lernen?

Sie kann lernen, wie wichtig die Vermittlungsfrage ist. Darauf haben die Hochschulen in der Vergangenheit wenig Wert gelegt, weil sie immer davon ausgegangen sind, dass Wissenschaft ein Wert in sich ist. Es kommt aber darauf an, Brücken zu schaffen zwischen unserem Spezial-Wissen und dem Alltagswissen der Welt, sich der Gesellschaft zu öffnen. Es sollte daher unbedingt weitere Kinder-Unis geben – und möglichst auch eine Jugend-Universität für 13- bis 15-Jährige.

Das Gespräch führte Dorothee Nolte.

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