Gesundheit : Ein Fest der Geschichten

Am Sonntag verwandeln sich die Museen Dahlem in eine Bühne für Erzähler - auch das Beduinenzelt von eßkultur lädt zum Zuhören ein

Nadja Bleiber

„Bringt mir den Mann da, vor dem die Schüssel mit süßem Reis steht, und lasst ihn nicht den Bissen essen, den er in der Hand hält, denn der Reis ist vergiftet!“, liest Paul Sonderegger vor. Die vierzig Männer und Frauen, die ihm zuhören und sich gerade etwas von dem Reis in den Mund stecken wollen, halten inne und lassen die Gabel sinken. Sie sitzen auf einem mit dicken Kissen und weichen orientalischen Teppichen bedeckten Boden eines Beduinenzelts. Über ihnen an der Decke hängen weiche, dunkle Stoffbahnen, das Licht ist gedämpft. Doch gleich darauf lehnen sie sich wieder entspannt zurück und essen weiter. Denn nicht sie sind gemeint, sondern die Mitglieder einer Tafelrunde aus Tausendundeiner Nacht. Es sind das Essen und die Gerüche, der orientalische Schmuck und die Stimme des Schauspielers, die die Zeit aus dem achten Jahrhundert in Persien wieder zum Leben erwecken.

Das Beduinenzelt im Ethnologischen Museum ist nicht nur ein Veranstaltungsort für die Abende mit „Literatur zum Essen“ der Firma eßkultur. Es wird auch am Sonntag Nachmittag zwischen 15 Uhr und 18 Uhr eine der Erzählecken des Tagesspiegel Erzählwettbewerbs beherbergen (siehe Kasten). Dort und in den Ausstellungsräumen der Museen Dahlem werden über 40 Teilnehmer des Wettbewerbs Geschichten vortragen, die sie zu den Themen „Erwischt!“, „Entdeckt“ und „Gerettet“ an die Redaktion geschickt hatten. Bereits im vergangenen Jahr hatte im September ein Erzählfest in den Museen Dahlem stattgefunden – damals kamen rund 500 Besucher, um sich die Geschichten anzuhören.

Eßkultur ist einer der Kooperationspartner des Tagesspiegels beim Erzählwettbewerb. Birgitt Claus, die das Unternehmen vor fünf Jahren gegründet hat und seit zwei Jahren die Kantine des Ethnologischen Museums betreibt, hat Erfahrung mit dem Erzählen im Museum: An jedem letzten Freitag im Monat inszeniert sie dort eine ihrer Veranstaltungen. „Literatur zum Essen“ verbindet Geschichten – und deren Geschmack. Schauspieler lesen Passagen aus der Literatur vor, die vom Essen handeln und Lust darauf machen. Auf John Irvings frische Äpfel und duftenden Lammbraten à la Alexandre Dumas. Während des Abendessens im passenden Ambiente erzählen die Gastgeber den Teilnehmern etwas über den kulturellen Hintergrund der Gerichte. „In einem echten Beduinenzelt benutzen die Gäste die rechte Hand zum Essen. Die linke ruht. Der Hausherr reicht seinen Gästen so lange an Essen nach, bis sie Reste auf ihrem Teller hinterlassen. Das ist das Zeichen dafür, dass sie satt sind“, erzählt Birgitt Claus.

30 verschiedene Varianten der literarischen und kulinarischen Ausflüge hat eßkultur schon kreiert, vom Perlhuhn mit Pfeffersoße zu Donna Leon bis zu karthagischem Grießbrei zu Homers Odyssee. Die Reise dauert drei Stunden, serviert werden vier Gänge. Neben „Literatur zum Essen“, das auch an jedem zweiten Sonntag im Jazzkeller Atalante stattfindet, veranstaltet eßkultur an drei Sonntagen im Monat Märchenfrühstücke im Beduinenzelt für Kinder ab sechs Jahren. Die Termine sind sehr beliebt und Wochen im voraus ausgebucht. Auch Sushi-Kurse zum Mit-Kochen und eine „Geschichte der Schokolade“, in der Interessierte lernen, Azteken-Schokolade herzustellen, stehen auf dem Speiseplan. An Halloween werden Schauergeschichten zu Kürbisgerichten aus einem Riesenkürbis serviert.

Die ehemalige Kantine im Ethnologischem Museum hat Birgitt Claus mit ihren Mitarbeitern zu einem Restaurant umgestaltet, das mit Pflanzen und Korbstühlen zum Verweilen einlädt – bei schönem Spätsommerwetter auch im dazugehörigen Innenhof. Seit kurzem ist das Restaurant sogar Schauplatz einer Ausstellung, die eßkultur gemeinsam mit dem Ethnologischen Museum gestaltet hat: „Die Welt (in) der Schüssel“. Sie zeigt Schüsseln aus Afrika, Lateinamerika, Asien und Europa – nicht nur solche, die zum Essen eingesetzt werden, sondern auch für mythologische Rituale, als Kunstgegenstände oder Klangschalen.

„Die Schale in Form einer Muschel oder einer großen Eierschale ist das erste Gefäß, in dem Menschen – lange bevor ein Kochtopf erfunden war – gekocht haben", erzählt Birgitt Claus. Neben Schüsseln in farbigen Vitrinen erzählen Fotos und von Künstlern gestaltete Tische von Ess-Kulturen aus aller Welt. Einmal im Monat begrüßt eßkultur hier ab halb acht seine Gäste zu einer After-Work-Museums-Party mit Live-Musik passend zum Essen.

Für die große Abschlussveranstaltung am Abend des 21. September, die aus Platzgründen nicht öffentlich sein kann, stiftet Birgitt Claus das Buffet für alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer sowie mehrere Preise. Und wie sollte es anders sein: Sie wird auch einige Geschichten, in denen gegessen wird, „verkochen“: nach dem Motto des Unternehmens „Gegessen wird, was im Buche steht“.

Mehr Informationen im Internet unter www.esskultur-berlin.de und unter der Telefonnummer 68 08 93 44. Das Beduinenzelt kann auch für private Feste gemietet werden.

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