Ein Film über Psychosen : Schwankende Seele

Menschen, die an einer Psychose erkrankt sind, müssen mit Vorurteilen kämpfen: Sie seien unzurechnungsfähig und gewalttätig. Die Berliner Regisseurin Gamma Bak will das ändern. Am Mittwoch wird ihr Film „Schnupfen im Kopf“ in Friedrichshain gezeigt.

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Licht und Schatten. Gamma Bak im Film „Schnupfen im Kopf“, in dem sie 14 Jahre ihrer Erkrankung dokumentiert. Foto: promo
Licht und Schatten. Gamma Bak im Film „Schnupfen im Kopf“, in dem sie 14 Jahre ihrer Erkrankung dokumentiert.Foto: promo

„Es ist, als ob man aus der Realität heraustritt. Oder wie auf einem Drogentrip zu sein, ohne Drogen genommen zu haben“, sagt Gamma Bak. Sie sitzt auf einem Sofa und beantwortet die Frage einer Freundin, wie es sich eigentlich anfühlt, wenn sie eine psychotische Krise hat – in einer Szene ihres experimentellen Dokumentarfilms „Schnupfen im Kopf“, eine Langzeitbeobachtung, in der die 50-Jährige 14 Jahre ihres Lebens mit Psychosen dokumentiert. „Manchmal bin ich paranoid, dann wieder ängstlich und unruhig, mal überglücklich, mal falle ich in Größenwahn.“ Sie gehe etwa durch alle alten Schlüssel, die in der Küchenschublade sind und versuche herauszufinden, zu welchem Schloss sie passen. Sie fange an Wecker auseinanderzunehmen. „Und ich schlafe nicht und ich esse nicht.“ Die Szene endet mit einem Lächeln. Trotz des beunruhigenden Themas.

Szenenwechsel – aus dem Film, der vor fünf Jahren auf der Berlinale lief und mit dem Gamma Bak seitdem durchs Land zieht, auch um über Psychosen aufzuklären – ins Hier und Jetzt. Nach einer Vorführung Anfang September im Movimento in Kreuzberg mit anschließender Diskussion steht Filmemacherin Gamma Bak rauchend vor dem Kino auf dem Kottbusser Damm. Eine kleine Frau mit länglichem Gesicht und langen grauen Haaren inmitten einer kleinen Menschentraube. Es ist schon spät am Abend, aber viele der Filmbesucher haben noch ein wichtiges Anliegen an die Berlinerin mit ungarischen Wurzeln. Für viele, die gerade ihren Film gesehen haben, scheint sie jetzt Expertin für psychische Krankheiten im Allgemeinen und Psychosen im Besonderen zu sein. Wohl, weil sie so reflektiert über ihre Erkrankung spricht und ihr mit dem Film ein Gesicht gibt. Es hat nichts mit den Vorurteilen zu tun, die sonst über die Krankheit kursieren.

Ist es besser, als "bipolar" zu gelten und nicht als "schizophren"?

Eine sportliche Mittsechzigerin kommt auf Gamma Bak zu, stellt sich als Psychologin im Ruhestand vor, sie will eine angeleitete Selbsthilfegruppe für psychisch Kranke ins Leben rufen. Ob Gamma Bak daran interessiert sei? Ein Mann in Kapuzenjacke überreicht ihr kurz darauf die Broschüre eines Pflegedienstes, der auch ambulante psychiatrische Pflege anbietet. Ob Gamma Bak mal vorbeikommen und mit dem Pflegepersonal sprechen könne? Aus der Perspektive einer Patientin? Ein grauhaariger Mann sagt, ihr Leidensweg ähnele sehr dem seinen. Er will mit ihr über unterschiedliche Diagnosen sprechen – ob es besser sei, wenn man als „bipolar“ gelte und nicht als „schizophren“.

Gamma Bak geht freundlich auf alle Anliegen ein, verspricht vorbeizukommen, diskutiert mit dem Patienten. Dann wendet sie sich einer Mittzwanzigerin zu, die sie anscheinend gut kennt. Die junge Frau möchte einen Kurzfilm über einen Freund drehen, der an Schizophrenie leidet. Er ist auch mit dabei vorm Kino. Die beiden wollen gleich noch mit Gamma Bak etwas essen gehen. Aber erst verabschieden sich noch drei Ärzte von der Filmemacherin: Patrick Mikhaeil, niedergelassener Psychiater und Psychotherapeut und Andreas Bechdolf, Chefarzt der Vivantes-Klinik für Psychiatrie, haben eben mit ihr auf dem Podium über die Krankheit diskutiert. Friedhelm Bartscht, Psychiater am Urban-Krankenhaus, redet mit ihr über die letzte Szene des Films, darin kommt er nämlich vor – als behandelnder Arzt. Gamma Bak spricht mit ihm über ihre Medikamente, sagt, dass es ihr gut geht – und geht mit zufriedenem Gesichtsausdruck über das Gelände des Urban-Krankenhauses davon. Viele Jahre ohne Krise folgten.

In 14 Jahren hatte Gamma Bak sieben psychotische Krisen

Psychose sei ein Überbegriff für unterschiedliche Diagnosen, sagt Andreas Bechdolf. Dazu gehöre die „schizophrene Störung“ – die habe das „größte Stigma, was ganz Verrücktes zu sein“. Über „Schizoaffektive Störung“ (weniger stigmatisiert) bis hin zur bipolaren Störung, bei der man starke Stimmungsschwankungen hat zwischen manisch und depressiv. Auch bei schweren Depressionen kann man psychotische Episoden haben, wenn Halluzinationen und Wahn auftreten. Gamma Bak hat im Lauf der Jahre unterschiedliche Diagnosen bekommen – und viele verschiedene Medikamente. „In 14 Jahren hatte ich sieben psychotische Krisen. Die letzten waren dramatisch, während die Medikation angepasst wurde: Zum ersten Mal hatte ich Black-outs. Da wurde ich für mehre Tage ans Bett gefesselt. Die Medikamente bekam ich intravenös, bis die Venen sich entzündeten. Das Einzige, woran ich mich erinnern kann: Jemand schnitt meine Nägel.“ Das klingt dann doch drastischer als der „Schnupfen“ im Titel, mit dem sie ironisch die Angst vor der Krankheit nehmen will. Solche Erfahrungen beschreibt Gamma Bak im Film auf Texttafeln – oder lässt Freunde und Mitpatienten erzählen. Sie selbst spricht eher reflektiert.

Der Film zeige, wie schlimm eine Psychose sein könne, dass man die schlimmsten Phasen aber durchaus bewältigen kann, sagt Psychiater Bechdolf. „Das hat Gamma Bak sehr kompetent gemacht. Und so differenziert wie sie sich mit der Krankheit auseinandersetzt, ist sie ein Modell, dass Betroffenen Hoffnung macht. Sie signalisiert, dass man dennoch ein glückliches, selbstbestimmtes Leben führen kann. Man sieht, dass auch Menschen, die eine Psychose haben, so sind wie du und ich. Und nicht grundsätzlich unzurechnungsfähig, gewalttätig und bekloppt wie viele noch immer glauben.“ Bechdolf hat die Filmvorführung in der Reihe „Film zeigt Seele“ organisiert – auch um der Krankheit das Stigma zu nehmen. Er rät seinen Patienten, sich nicht zu „outen“. Sonst könne es sein, dass der ganze soziale Status erschüttert werde. Gamma Bak hat etwa nach der Erkrankung lange keine Filmförderung bekommen. Dabei erlebt jeder Hundertste mindestens ein Mal im Leben eine psychotische Phase.

Interessant ist, das sowohl klinische Ärzte wie Bechdolf den Film hilfreich finden, als auch Patienten und Angehörige, die Psychiatrie und Medikation eher kritisch gegenüberstehen. „Ich gehöre nicht zu den Patienten, die ihre Medikamente eigenmächtig absetzen“, sagt Gamma Bak nämlich einerseits. Andererseits setzt sie sich im Film durchaus kritisch mit den Nebenwirkungen auseinander und mit den Bedingungen in den Psychiatrien.

Zwar musste Gamma Bak vor einem Jahr nach langer Zeit wieder einmal mit einer Krise ins Krankenhaus. Als Filmemacherin ist sie trotzdem erfolgreich. Gerade ist ihr neuer Film „Engelbecken“ ins Kino gekommen. Auch darin geht es um eine Psychose – nicht um ihre eigene, sondern um die eines Freundes, dem sie als 20-Jährige zu DDR-Zeiten in Ostberlin half, damit fertig zu werden. „Sie wirkten so stark in Engelbecken“, sagt eine Zuschauerin, die beide Filme gesehen hat, zu ihr. Deshalb habe es sie überrascht, wie sehr es in „Schnupfen im Kopf“ um die Schwäche der Filmemacherin ging. Wenn man es genau nimmt, wirkt sie aber auch dort eigentlich stark.

Der Film "Schnupfen im Kopf" läuft in der Reihe "Film zeigt Seele" am Mittwoch, 16. September, um 19 Uhr im B-Ware-Ladenkino, Gärtnerstraße 19 (Friedrichshain), Eintritt: 4 Euro. Menschen, die an einer Psychose erkrankt sind, finden im Therapiezentrum Fritz am Vivantes Klinikum am Urban Hilfe (Tel. 130 226030, http://fritz-am-urban.de). Der Berliner Krisendienst ist rund um die Uhr unter Tel. 390 6300 zu erreichen (www.berliner-krisendienst.de). Der Umgang mit psychischen Erkrankungen, wie man sie behandelt und wie man sein Ich schützt, sind auch die Themen der kommenden Ausgabe des Magazins „Tagesspiegel GESUND“. Das Heft erscheint am Freitag, 18. September und ist erhältlich im Tagesspiegel-Shop (Tel. 29 02 15 20 oder www.tagesspiegel.de/shop) und im Zeitschriftenhandel.

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