Gesundheit : Ein Gespräch mit Volker Gerhardt

Beim Kant-Kongress[der dieser Tage in Berlin stat]

Kant erkennen, heißt die Welt begreifen. Berlin-Brandenburg übernimmt die Neu-Edition der Schriften

Beim Kant-Kongress, der dieser Tage in Berlin stattfindet, wird eine Bilanz der weltweiten Kantforschung gezogen. Wo besteht denn das größte Interesse am Philosophen der Aufklärung?

Immer noch in Deutschland. Aber es gibt auch viele Teilnehmer aus den Vereinigten Staaten, etwa 150. Dort sind es ganz wesentlich die sprachanalytischen Philosophen gewesen Wittgenstein her, mit einer Rekonstruktion der kantischen Philosophie befasst haben. Mit der Verleihung des Kant-Preises an Peter F. Strawson zeichnen wir den Pionier dieser von sprachanalytischen Vorausetzungen ausgehenden angelsächsischen Kant-Interpretation aus. Es gibt auch starkes Interesse in England, Skandinavien und Fernost, mit einer großen japanischen Delegation und einigen Kollegen aus China.

Wird Berlin auch nach dem Kongress ein Zentrum der Kantforschung?

Ja, denn ich habe gerade erfahren, dass die Plenarversammlung der Berlin-Brandenburgische Akademie sich mit 90 Jastimmen und nur vier Enthaltungen darauf geeinigt hat, die Kant-Edition wieder zu übernehmen. Das wurde ihr von der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen angeboten, die das Projekt nach dem Zweiten Weltkrieg kommissarisch betreute. Die Gesamtausgabe Kants wird also in Zukunft von Berlin aus neu herausgegeben. Ich hoffe, dass dann auch die Berliner Hochschulen entsprechend eingebunden werden können.

Am Anfang des Jahrhunderts gab es ja schon eine Akademie-Edition der Schriften Kants. Ist die inzwischen so revisionsbedürftig?

Wir haben jetzt Zugang zu neuen Dokumenten in polnischen Archiven, vieles vom Nachlass liegt in Allenstein. Wir kommen nun sogar an neue Texte heran, die noch gar nicht zum Korpus gehören.

Steht dann eine Revision des Kant-Bildes an?

Ja, zum Teil. Es geht nicht nur um eine Komplettierung und eine Revision des Nachlasses, sondern ich erwarte auch eine Revision der Hauptwerke. Es gibt inzwischen so viele unterschiedliche Versionen mit gravierenden Lesefehlern, dass es über kurz oder lang unabwendbar sein wird, auch die "Kritik der reinen Vernunft" neu zu edieren. Das verlangt natürlich eine sehr schwere Entscheidung, allein schon, weil diese Werk in alle Sprachen der Welt übersetzt ist.

Auf wie viele Jahre ist das Projekt angelegt?

Ich halte nichts davon, wissenschaftliche Projekte auf mehrere Generationen hin anzulegen. Wir sollten Pläne machen, die wir in unserer eigenen mutmaßlichen Lebenszeit bewältigen können. Das ist ein Zeitraum von 10 bis maximal 15 Jahren.

Kant spielt aber auch heute noch eine Rolle. Zum Beispiel beim Völkerrecht.

Natürlich gibt es auch vor Kant schon gewichtige Überlegungen zum Völkerrecht. Es hat sich aus den Problemen mit den spanischen Kolonien entwickelt sowie aus den Problemen im Dreißigjährigen Krieg entwickelt und ist mit dem Namen von Hugo Grotius eng verbunden. Aber es blieb eine reine Schuldiziplin, die von Kant zur Politik hin geöffnet wurde. Er meint, dass die zwingend erforderliche internationale Gemeinschaft eine föderale Struktur haben müsse. Zwar betonte er die Souveränität der Staaten auf der Basis des Rechts, er ging aber davon aus, dass es international eine Zusammenarbeit gleichberechtigter Staaten geben muss, bis hin zu einer internationalen Gerichtsbarkeit.

Kant hat aber trotzdem eine Konkurrenz unter den Staaten angenommen.

Ja, aber er dachte an eine föderale Friedensordnung auf der Basis republikanischer Staaten. Er war überzeugt davon, dass man mit autokratischen Systemen den Frieden nicht würde sichern können. Sein Begriff der Republik ist für die Entwicklung zu einer parlamentarischen Demokratie hin offen und schließt sogar Elemente des Sozialstaats nicht aus.

Aber ihm war der Staat nicht alles. Kant ging es um einen globalen Anspruch des Menschen auf Freiheit auch gegen den Staat.

Kant führte den Begriff des Weltbürgerrechts ein. Jeder Mensch auf der Erde sollte unter den Bedingungen der Freizügigkeit ein Recht haben, überall als Besucher aufgenommen zu werden.Wenn sein Recht verletzt ist, hat er als Weltbürger die Möglichkeit, auch gegen einen anderen Staat zu klagen. Das ist eine Innovation, die lange Zeit vergessen war, und die man jetzt in Europa und überall in der Welt wieder braucht, um die Rechte von Individuen gegenüber staatlichen Organisationen durchzusetzen. Das internationale Privatrecht hat auf Kant zurückgegriffen und das Weltbürgerrecht aufgenommen. Es ist ein Menschenrecht, ein Begriff, den Kant schon gebraucht. Das Menschenrecht besitzt der Mensch, weil er ein vernunftbegabtes Wesen ist.

Aber auch in der angewandten Ethik wird heute auf Kant Bezug genommen.

Ihm geht es erst einmal darum, dass wir ein Verständnis unserer selbst entwickeln - in Relation zu anderen Wesen der Natur. Für Kant ist der Menschen ein Teil der Natur, er zeichnet sich darin aber durch seine eigene Aktivität besonders aus. So hat er eine Sonderstellung unabhängig von einer vorgegebenen theologischen Auszeichnung. Allein dieses Selbstverständnis führt den Menschen zu Pflichten, aus denen wir heute auch prägnante Kriterien für den Umgang mit dem Leben gewinnen können.

Hans Jonas warf Kant in seinem Buch "Das Prinzip Verantwortung" vor, alles auf den Menschen zu konzentrieren.

Ich halte das für ein Missverständnis. Kant geht zwar im Blick auf andere Lebewesen immer von der Perspektive des Menschen aus. Er sagt aber auch, dass die Selbstachtung vom Menschen verlangt, kein Tier zu quälen. Es kommt also darauf an, wie wir uns selbst gegenüber der anderen Kreatur verstehen, um ihre Misshandlung, wie etwa bei Viehtransporten oder Experimenten, auszuschließen. Kants Position gibt dem Menschen wie wohl keine andere Philosophie die Mittel an die Hand, sich elbst Handlungen zu verbieten, die der Humanität widersprechen.

Kann man also auch heute noch das fruchtbare Zwiegespräch mit Kant suchen?

Es ist frappierend, wie Leute aus aller Welt ihre unterschiedlichsten Fragestellungen immer noch auf Kant anwenden können. Das liegt gewiss auch an seinem naturwissenschaftlichen Ausgangspunkt. Er will ja die Metaphysik in Übereinstimmung mit den modernen Wissenchaften entwickeln, ohne sie in eine empirische Wissenschaft aufzulösen. Kant hat einen dynamischen Begriff von Wissenschaft. Ich hätte mir deswegen beim Kongress eine stärkere Ausrichtung auf die heutige Leitwissenschaft Biologie gewünscht. Denn Kant steht am Anfang dessen, was man nach Nietzsche und Dilthey Lebensphilosophie nennt. Es gibt bei ihm einen viel versprechenden Anlauf zu einem Verständnis des Lebendigen, von dem auch die Biologen lernen können. Das Gespräch führte Clemens Wergin

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