Gesundheit : Ein Gespür für Zahlen

Statistik entscheidet – bei Brustkrebs wie beim Minenräumen

Paul Janositz

Ob bei einer Frau, die sich zur Vorsorge die Brust röntgen lässt, ein Krebsverdacht festgestellt wird oder nicht, hängt nicht nur von ihrem Gesundheitszustand ab. Es ist auch eine Frage der Statistik. Dies erklärte Peter-Theodor Wilrich jetzt vor der Presse anlässlich der Eröffnung des 54. Internationalen Weltkongresses der Statistiker in Berlin.

Das Ergebnis einer solchen Mammografie wird auf einem Film oder neuerdings auch digital festgehalten. Der Arzt beurteilt anschließend die Grau- und Schwarzkontraste, sucht nach auffälligen Mustern und teilt der Patientin das Ergebnis mit. Wonach richtet sich die Interpretation der Untersuchung? Natürlich sollen alle Krebsfälle gefunden werden. Deshalb sollte der Arzt beim geringsten Verdacht Alarm schlagen und weitere Untersuchungen vornehmen. Andererseits sollen Frauen, die nicht krank sind, nicht unnötig durch eine falsche Diagnose belastet werden. Deshalb wäre es auch nicht richtig, würde jeder winzige Fleck gleich als mögliche Krebsvorstufe angesehen.

Ein derartiges Vorsorgeprogramm soll jedenfalls einen möglichst hohen Sicherheitsstandard haben. 100 Prozent Zuverlässigkeit sind unrealistisch, aber vielleicht könnte man 99 Prozent schaffen. Wie muss das Verfahren organisiert werden, was sind die Einflussgrößen, wo liegen Fehlerquellen? Daten müssen erhoben, Versuchsreihen konzipiert und ausgewertet werden.

„Dabei ist besonders die Statistik gefragt“, sagte Wilrich. Der Professor für Statistik an der Freien Universität Berlin begründet, warum die Experten besonders sorgfältig sein müssen. Mit 99-prozentiger Sicherheit können bei 100 000 Untersuchungen immerhin bis zu 1000 Fehldiagnosen vorkommen. Fälle, in denen Krebs übersehen oder fälschlicherweise vermutet wird. Die Konsequenzen sind das unentdeckte Fortschreiten der Krankheit oder unnötige Angst der Betroffenen.

Was ist nun der entscheidende Qualitätsfaktor? Es liegt weniger an der eingesetzten Technik als an der Erfahrung des Arztes, resümierte Wilrich. Deshalb sollte auf die Ausbildung besonders Wert gelegt werden.

Der „menschliche Faktor“ war auch bei einem militärischen Projekt entscheidend. Es ging um die möglichst sichere Methode zur Minenräumung. Auch hierbei kam Wilrichs statistische Erfahrung zum Zuge. Wie empfindlich dürfen die Geräte eingestellt sein? Sie sollten alle Minen finden, aber möglichst wenig Fehlalarm geben. Versuchsreihen mit verschiedenartigen Minen, Suchgeräten und Bodenarten ergaben, dass es vor allem auf das Fingerspitzengefühl des Minenräumers ankam.

Nicht immer beschäftigen sich Statistiker mit so lebensnahen Themen. Ihr Metier ist eigentlich die Interpretation von Zahlenreihen. Das Ergebnis kann aber auch im Alltag hohe Wellen schlagen. So, wenn es um das Geld geht. Hat der Euro das Leben verteuert? Warum haben die Statistiker dies hartnäckig verneint, während doch jeder spüren konnte, wie sich Dienstleistungen dramatisch verteuerten. „Die Zusammensetzung des Warenkorbs ist gesetzlich vorgeschrieben“, sagte Hans Günther Merk, ehemaliger Präsident des Statistischen Bundesamtes. Allerdings wäre es besser gewesen, die Statistiker hätten die „gefühlte Teuerung“ speziell berechnet. Hier könnten in Zukunft neue „Warenkörbe“ definiert werden.

Neben der Finanzstatistik wird sich der einwöchige Kongress auch mit dem Datenschutz beschäftigen. In Deutschland ist dies ein wesentliches Argument gegen den Aufbau medizinischer Datenbanken. Ein Krebsregister wäre aber laut Wilrich für die Analyse von Krankheitshäufigkeiten und Therapieerfolgen dringend notwendig. Intensiven Austausch nict nur über dieses Thema garantieren die mehr als 2300 Teilnehmer aus aller Welt.

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