Gesundheit : Ein Gift mit hundert Gesichtern

HARTMUT WEWETZER

Der Skandal um dioxinbelastete belgische Eier und Hühner hat eine Stoffgruppe wieder in Erinnerung gerufen, die zum ersten Mal 1976 die Öffentlichkeit erregte. Damals machte das dioxin-verseuchte Seveso Schlagzeilen. Seitdem ist auch die medizinische Forschung zu diesen hochgiftigen chlorhaltigen Kohlenwasserstoffen explosionsartig angestiegen: die medizinische Datenbank "Pubmed" verzeichnet zu dem Stichwort "Dioxin" mehr als 6500 medizinisch-wissenschaftliche Studien und Artikel.

Trotzdem weiß die Forschung auf die einfache Verbraucherfrage, wie schädlich denn nun die "verseuchten" Lebensmittel sind, keine simple Antwort zu geben. Sie zieht sich auf die salomonische Formel zurück, daß lediglich der monate- oder jahrelange Verzehr bedenklich sei, nicht aber der Konsum von ein paar schadstoffhaltigen Eiern oder Hühnern.

Die Bewertung der Dioxine durch die Toxikologie, die Wissenschaft von den Giften, hat sich als außerordentlich schwierig erwiesen. Auch für Dioxine gilt dabei die Weisheit des Paracelsus, daß die Dosis eines Stoffes über seine Giftigkeit entscheidet: in entsprechender Dosis kann auch Kochsalz töten, während ein billionstel Gramm eines Dioxins zwar höchst unerwünscht, aber eben in dieser minimalen Menge keine Gefahr darstellt.

Man kann Dioxine als eine wohl nicht völlig aus der Welt zu schaffende Bürde unserer industriellen Zivilisation bezeichnen. Sie entstehen bei Verbrennungsprozessen und in der Metallverarbeitung, und ihre Belastung für die Umwelt soll weiter gesenkt werden. In Seveso wurden mehrere Kilogramm an Dioxinen freigesetzt, mit den heutigen Analyse-Methoden lassen sich billiardstel Gramm und sogar einzelne Dioxin-Moleküle nachweisen. Wir alle nehmen täglich überwiegend mit der Nahrung rund 100 billionstel Gramm an Dioxin auf. Es hält sich hartnäckig und lagert sich vor allem im Fettgewebe ab. Bis etwa zum 30. Lebensjahr wächst das "Dioxin-Depot" des Organismus, dann stellt sich ein Gleichgewicht zwischen Aufnahme und Ausscheidung ein.

Gemessen wird die Dioxin-Belastung mit der Einheit Toxizitäts-Äquivalent (Einheit TE). Hinter diesem Begriff verbirgt sich eine - nicht unumstrittene - Vereinfachung. Sie trägt der Tatsache Rechnung, daß unter dem Oberbegriff "Dioxin" rund 200 verschiedene chlorhaltige chemische Verbindungen von höchst unterschiedlicher Giftigkeit zusammengefaßt sind. Die "Meßeinheit" des Toxizitäts-Äquivalents ist das besonders giftige Seveso-Dioxin 2,3,7,8-TCDD. Es ist in der Dioxin-Forschung gleichsam das Maß aller Dinge. Schon eine geringfügige Änderung in der Formel von TCDD schwächt die Giftigkeit auf ein Tausendstel ab.

Wieviel Dioxin schadet? Diese Frage vermag Toxikologen den Schweiß auf die Stirn zu treiben, denn sie ist ebenso wie die nach den belgischen Eiern nicht leicht zu beantworten. Das zeigt sich auch bei den Grenzwerten, die sich von Land zu Land drastisch unterscheiden: die amerikanische Umweltschutz-Behörde EPA gibt einen Grenzwert von 0,1 Pikogramm (billionstel Gramm) Dioxin (gemessen in der Einheit TE) pro Kilogramm Körpergewicht für die tägliche Aufnahme vor, Deutschland hat einen Grenzwert von einem Pikogramm und Japan schließlich von 100 Pikogramm. Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat den Wert der "tolerierbaren täglichen Aufnahme" 1998 von zehn auf ein Pikogramm abgesenkt. All diese Werte sind vor allem politisch motiviert und dienen dem guten Zweck, die Schadstoffbelastung der Bevölkerung zu senken. Ein wissenschaftlich begründeter Meßwert, ab dem ein Gesundheitsrisiko zu erwarten ist - das ist der Grenzwert jedoch nicht, auch wenn er das manchem Zeitgenossen suggeriert.

Es gibt keine "typischen" Zeichen für eine akute schwere Dioxin-Vergiftung, mit Ausnahme der Chlorakne, die allerdings auch bei anderen Vergiftungen mit chlorhaltigen Verbindungen auftreten kann. Die Bilder der von der Chlorakne gezeichneten Menschen von Seveso gingen um die Welt. Bei einer Vierjährigen fand sich eine Belastung von 56 000 Pikogramm pro Gramm Fettgewebe. Die übliche Belastung eines Erwachsenen liegt bei zehn Pikogramm pro Gramm. Das Mädchen hatte also eine etwa 5000fach höhere Schadstoffmenge aufgenommen. Trotzdem wurden mit Ausnahme der schweren, aber vorübergehenden Chlorakne bei diesem Mädchen wie auch bei anderen erheblich vergifteten Kindern keine weiteren akuten Dioxin-Wirkungen gefunden.

Für Giftexperten ist das umso überraschender, weil Dioxine aus Tierversuchen als hochgiftig bekannt sind. Neben der Chlorakne finden sich bei hoher Dosis im Tierversuch eine Schwächung des Immunsystems, Gewichtsverlust, Fehlbildungen und Tumoren (allerdings in niedrigen Dosierungen auch weniger von bestimmten Krebserkrankungen als ohne Dioxin-Gabe). Doch sind Tierversuche nicht ohne weiteres auf den Menschen übertragbar, ebensowenig läßt sich von einer hohen Dosis auf eine niedrige rückschließen. Diese Grundregeln gelten offenbar besonders für Dioxine.

Das Seveso-Dioxin hat eine hormonähnliche Wirkung auf die Körperzelle. Es "dockt" an einem molekularen Ankerplatz der Zell-Außenhaut an und löst damit eine Signalkette aus, die bestimmte Gene im Zellkern aktiviert. Es bindet also nicht, wie "typische" krebserregende Stoffe, direkt an die Erbsubstanz. Von der WHO wurden Dioxine als "beim Menschen krebserregend" eingestuft, doch gehen die Meinungen der Wissenschaftler darüber auseinander.

Seriöse Studien kamen zu keinem eindeutigem Ergebnis. So fand sich in einer 1991 veröffentlichten amerikanischen Untersuchung bei Chemiearbeitern mit einer etwa um das 30fache erhöhten Dioxin-Dauerbelastung "kein deutlich erhöhtes Krebsrisiko", wie der Toxikologe Ralf Stahlmann von der Freien Universität zusammenfaßt. Und für die erheblich geringer belastete Normalbevölkerung kommt der Berliner Dioxin-Experte Diether Neubert in einer 1998 veröffentlichten Analyse zu dem Schluß, daß "das Krebsrisiko verglichen mit anderen Risikofaktoren vernachlässigbar klein ist, wenn es überhaupt existiert". Aber das rechtfertigt natürlich nicht kriminelle Leichtfertigkeit im Umgang mit Lebensmitteln - schon gar nicht, wenn Dioxin im Spiel ist.

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