Gesundheit : Ein Glas Wein am Abend hält die Gefäße jung Mäßiger Alkoholkonsum senkt das Risiko für Herzleiden

Hartmut Wewetzer

Eigentlich sollten Ärzte über Alkohol kein gutes Wort verlieren. Denn jedes Jahr sterben bei uns viele Tausende an den Folgen des Konsums. Sie werden das Opfer schwerer, vom Alkohol angerichteter Organschäden. Ganz zu schweigen von Verkehrsunfällen, Verbrechen und Selbstmorden unter Alkoholeinfluss, von zerstörten Familien und von den Folgen für das Ungeborene.

Kein gutes Wort also – mit einer Ausnahme: Wer sich beim Trinken zurückhält, senkt das Risiko für Herzattacken um bis zu 30 Prozent. Mäßiger Genuss, das heißt: täglich bis zu zwei „Drinks“ für den Mann und einem „Drink“ für die Frau. Ein „Drink“ entspricht dabei einem Glas Bier mit etwa 330 Milliliter Inhalt, einem Glas Wein mit 140 oder einem Schnaps mit etwa 42 Milliliter.

Dass Alkohol die Blutgefäße zart und geschmeidig erhalten kann, ist keine neue Beobachtung. Schon vor 100 Jahren war Pathologen aufgefallen, dass Menschen, die an einer „Säuferleber“ zu Grunde gegangen waren, gleichsam jungfräuliche Schlagadern hatten, frei von Verfettung und Verkalkung. Später bestätigten etliche Studien, in denen Alkoholkonsum und Gesundheitszustand verglichen wurden, diesen Befund.

„Wegen der Gesundheitsgefahren haben wir uns bisher ausschließlich darauf konzentriert, die schlimmen sozialen und medizinischen Konsequenzen schweren Trinkens zu bekämpfen und Abstinenz zu fordern“, schreibt der Herzspezialist Arthur Klatsky vom Kaiser Permanente Medical Center im kalifornischen Oakland nun im „Scientific American“. „Eigentlich aber ist die Sache komplizierter.“

Zwar müsse Schwangeren, Menschen mit Alkoholproblemen, mit Alkoholikern in der Familie und mit Leberleiden weiterhin dringend vom Trinken abgeraten werden – aber alle anderen Fälle sollten sorgfältig abgewogen werden. Klatsky geht soweit, Nichttrinkern jenseits der 40 mit mehr als einem Risikofaktor für verengte Herzkranzgefäße („koronare Herzkrankheit“) sogar vorsichtig zu empfehlen, täglich ein oder zwei alkoholische Getränke zu sich zu nehmen.

Komplizierter fällt der Rat für Frauen aus: Wer älter als 50 ist, keine Alkoholprobleme und ein eher hohes Herzrisiko hat, darf ein (ein!) Gläschen trinken. Klatsky empfiehlt vor allem jüngeren Frauen, sich beim Trinken zurückzuhalten, denn Alkoholkonsum (vor allem schwerer) erhöht offenbar das Brustkrebsrisiko. Da die Gefahr von Herzleiden unter 50 bei Frauen gering ist, sollte dieses Problem vom regelmäßigen Glas Wein eher abhalten – zumindest aber begrenzt diese „Nebenwirkung“ die positiven Effekte.

Warum schützt Alkohol die Blutgefäße? Es gibt mehrere Vermutungen, von denen eine weitgehend gesichert ist. Alkohol erhöht das „gute“, herzschützende Blutfett namens HDL-Cholesterin bei mäßigen Konsumenten um zehn bis 20 Prozent. Außerdem sollen Blutplättchen durch Alkohol weniger „klebrig“ werden und sich seltener im Blutgefäß verklumpen – mit einem solchen Blutgerinnsel beginnt der Infarkt.

Ist Wein nützlicher als Bier? In Untersuchungen stellte sich heraus, dass er offenbar „gesünder“ ist als anderer Alkohol. Ein Umstand, den die Weinhersteller gern publizistisch ausbeuten. Klatsky ist skeptisch: „Die Sache ist noch nicht entschieden.“ Eine Ursache für den Wein-Bonus könnte die Tatsache sein, dass die Genießer vergorener Traubensäfte auch sonst gesünder leben. Das gilt etwa für Dänemark, wo eine große Studie Weintrinker besonders im Vorteil sah. Wer dort Wein trinkt, ernährt sich auch bekömmlicher (viel Obst und Gemüse, Fisch, Salat und Olivenöl) und ist oft wohlhabender und hat einen höheren IQ als der Durchschnitt. All das könnte Einfluss auf das Ergebnis haben.

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