Gesundheit : „Ein Impfstoff in fünf Jahren“ Aids-Forscher Gallo ist optimistisch – trotz zahlreicher Rückschläge

Adelheid Müller-Lissner

Eine solche Botschaft hört man gern aus erster Quelle: „Wenn die Dinge so laufen, wie wir uns das erhoffen, kann man damit rechnen, dass es in fünf bis sieben Jahren eine Impfung gegen HIV gibt.“ Der ermutigende Satz stand am Ende des Vortrags, den Robert Gallo, Virusforscher an der Universität von Maryland in Baltimore und Aids-Pionier der ersten Stunde, am Mittwoch im Klinikum Benjamin Franklin hielt.

Seinen Vortrag über Fortschritte und Hindernisse bei der Entwicklung eines Impfstoffs gegen den Aids-Erreger HIV begann Gallo mit einem historischen Rückblick auf das Zeitalter vor Aids. Drei Dogmen bestimmten die Infektionsmedizin der späten 70er Jahre: Infektionskrankheiten spielen für uns Angehörige der Industrieländer keine große Rolle mehr. Viren können beim Menschen keinen Krebs verursachen. Menschen können sich – im Gegensatz zu Tieren – nicht mit Retroviren infizieren. „Die Lektion, die wir lernen mussten: Wir sollten in Bezug auf Krankheiten nie so sicher sein.“ Denn ein Jahrzehnt später wurden die drei Glaubenssätze widerlegt.

Man entdeckte, dass 20 Prozent aller Krebserkrankungen von speziellen Onkoviren ausgelöst werden. Das sind RNS- oder Retroviren, deren genetischer Code erst in der Wirtszelle in DNS umgeschrieben wird, die sie in ihr Genom integrieren kann. Damit war klar: Retroviren sind für den Menschen sehr wohl eine Bedrohung. Das Auftreten des Aidsvirus bestätigte das aufs Schlimmste. Es kursierte wahrscheinlich Jahrtausende lang nur unter Affen und betraf allenfalls eine kleine Gruppe von abgeschieden lebenden Regenwaldbewohnern. Doch plötzlich war eine Infektionskrankheit weltweit zur neuen Gefahr geworden.

HIV ist im Gegensatz zu vielen anderen, viel ansteckenderen Krankheitserregern nach Gallos Worten ein „Virus, das bleibt“. Es setzt sich fest, weil es sich der Kontrolle des Immunsystems wirkungsvoll entzieht. Die Kombinationstherapie kann das Virus allenfalls in Schach halten.

Weil die Therapie teuer ist und ärztlich überwacht werden muss und weil bisher die gängigen Präventionsstrategien in vielen Ländern versagt haben, knüpfen sich die Hoffnungen für eine Eindämmung der Seuche seit Jahren an eine Impfung. Doch sie wurden enttäuscht: Ein Impfstoff mit Viren, wie er gegen die Grippe eingesetzt wird, ist zu gefährlich: Versuchstiere starben an Aids. Auch eine Impfung mit abgetötetem Erreger scheiterte.

Bleiben Impfstoffe, die das Immunsystem mit einzelnen Bestandteilen des Virus in Form von Eiweißstoffen oder DNS konfrontieren. Die Hoffnungen gelten nun der Impfung mit einem neuen, gentechnisch hergestellten Komplex von Eiweißstoffen. Dafür wird das CD-4-Protein – es ist die Andockstelle des Virus auf der Zelle – mit dem Glykoprotein gp120 verschmolzen, das in die Hülle des Virus eingebettet ist. Bei einer Infektion dockt dieses Protein zuerst an den körpereigenen CD-4- Zellen an. Der natürliche gp120-CD-4Komplex, der dabei entsteht, ermöglicht das Eindringen des Virus in die Zelle. Im Tierversuch konnten mit dem künstlichen gp 120-CD 4-Komplex Antikörper gegen den Virus-Bestandteil erzeugt werden. Das ist allerdings erst ein kleiner Schritt auf dem Weg zu einem Impfstoff.

Gallos optimistischer Forscherschwung ist durch langjährige Erfahrung, auch mit Rückschlägen, geerdet. Zuvor war Gallo die Albrecht-von-Graefe-Medaille der Berliner Medizinischen Gesellschaft überreicht worden. Obwohl Gallo inzwischen mehr als 150 solcher Ehrungen erlebte, zeigte er sich erfreut über die Auszeichnung durch eine „altehrwürdige Gesellschaft in einem Land mit einer unglaublichen medizinischen Erfolgsgeschichte“.

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