Gesundheit : Ein inniger Wunsch

Die Brüder Grimm wollten ihre Büchersammlung für die Nachwelt erhalten – jetzt sucht der Schatz Paten

Helmut Caspar

Als die Brüder Jacob und Wilhelm Grimm ihr Ende nahen sahen, sorgten sie sich um ihren wissenschaftlichen Nachlass – und besonders um ihre Bibliothek. Jacob Grimm, der 1863 starb, äußerte einen innigen Wunsch: Die Bücher, die er und sein Bruder als Grundlage ihrer sprachwissenschaftlichen Forschungen gesammelt hatten, sollten nicht in alle Winde verstreut, sondern als Vermächtnis geschlossen erhalten bleiben.

Den Hinterbliebenen der Brüder gelang es, die preußische Regierung für den einzigartigen Bücherschatz zu interessieren. Sie kaufte für die beachtliche Summe von achttausend Talern die Bücher an und übergab sie der Berliner Universität. Inkunabeln (Wiegendrucke) aus der Zeit vor 1500 und andere sehr wertvolle Bücher kamen an die Königliche Bibliothek, aus der die heutige Staatsbibliothek hervorging, während die Märchenbücher an das Brüder-Grimm-Museum nach Kassel gelangten, dem Wirkungsort der Gelehrten zwischen ihrem Hinauswurf aus Göttingen und der Übersiedlung nach Berlin.

Lange, viel zu lange hat die Berliner Universitätsbibliothek die Grimm´ sche Hinterlassenschaft wie ganz normale Bücher behandelt und sie ausgeliehen. Das bekam den Bänden nicht gut: Viele Leser gingen mit ihnen nicht gerade pfleglich um. So sind eingerissene Einbände, umgeknickte Seiten, Flecke, ja auch Unterstreichungen von unbefugter Hand neben den aufschlussreichen Anmerkungen der Brüder Grimm keine Seltenheit.

Mit der Ausleihe außer Haus wurde erst vor etwa 20 Jahren Schluss gemacht, und wer heute die in einem gesonderten Raum der Uni-Bibliothek aufgestellten 5500 Bände einsehen möchte, kann dies selbstverständlich tun – aber unter Aufsicht im Lesesaal, betont Bibliothekarin Elke Barbara Peschke. Sie nimmt vorsichtig einige der besonders schlimmen Schadensfälle aus dem Schrank, und schnell wird das Ausmaß der Zerstörung klar. „Bücher in Not“ nannte die Bibliothek eine Postkartenaktion, mit der sie schon vor Jahren auf den gefährdeten Zustand des Grimm´ schen Erbes aufmerksam gemacht hat. Die Aktion war der Beginn der bis heute laufenden Patenaktion für die wertvolle Bibliothek. Inzwischen haben sich Sponsoren gefunden, mit deren Hilfe bereits 700 Bände restauriert und gebunden werden konnten.

Die bisherigen Restaurierungskosten betragen laut Peschke knapp 90000 Euro, doch ist die Unibibliothek erst am Anfang. Für den großen Rest der noch zu restaurierenden Bücher werden weiterhin Paten gesucht, denn der begrenzte Etat der über sechs Millionen Bände umfassenden Berliner Universitätsbibliothek könne die Summe von weiteren 120000 Euro allein für die Grimm-Bibliothek nicht aufbringen. Sponsoren erhalten eine Titelblattkopie des Buches, das mit ihrer Hilfe restauriert wurde, sowie ein Dankschreiben des Präsidenten der Humboldt-Universität. Spenden über 50 Euro werden mit Faksimileausgaben von Büchern belohnt.

Neben den Grimm-Büchern hat die Uni-Bibliothek weitere Sorgenkinder. So bedürfen bedeutende Gelehrtenbibliotheken, die in ihren Besitz gelangten, neben der Hilfe durch Papierspezialisten auch der wissenschaftlichen Bearbeitung. Seit Jahren warten Bücher aus der sprachwissenschaftlichen Bibliothek von Wilhelm von Humboldt auf die dringend notwendige Restaurierung. Bei den Professorenfotografien aus dem 19. Jahrhundert wird beobachtet, dass sie nach und nach durch chemische Prozesse ausbleichen. Wenn die Zersetzungsvorgänge nicht bald aufgehalten werden, gehen sie unwiederbringlich verloren.

Eine Ausstellung, die noch bis zur Langen Nacht der Museen am 28./29. September im Foyer der Humboldt-Universität Unter den Linden 6 (Mitte) zu sehen ist, schildert jetzt das Wirken der Brüder Grimm in Berlin. Anlass ist – wie berichtet – das Erscheinen des ersten Bandes des Deutschen Wörterbuches vor 150 Jahren. Die Schau stellt auch die Grimm-Bibliothek vor und macht damit auch auf die Notwendigkeit aufmerksam, sich um sie zu kümmern.

Anfragen zur Grimm-Bibliothek und anderen gefährdeten Objekten an die Universitätsbibliothek, Dorotheenstraße 27, 10 117 Berlin, Telefon 20933245.

Zur Grimm-Ausstellung bietet die Humboldt-Universität am morgigen Dienstag von 17 bis 19 Uhr einen Stadtspaziergang auf den Spuren der beiden Brüder an: „Berlin ist die schönste Stadt, die ich gesehen.“ Teilnahmegebühr 7,50 Euro (ermäßigt 5 Euro).

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