Gesundheit : Ein Jahr für den Geist

Offensive: 2007 will die Bundesregierung die Kulturwissenschaften fördern und mehr in die Öffentlichkeit bringen

Amory Burchard

„Die Geisteswissenschaften sind das kulturelle Gedächtnis eines Landes, sie verbinden Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft“, sagte Bundesforschungsministerin Annette Schavan (CDU) gestern bei der Vorstellung des Jahres der Geisteswissenschaften. Mit diesem Wissenschaftsjahr, das Schavan am 25. Januar 2007 in Berlin eröffnen wird, solle die zentrale Rolle der Geisteswissenschaften für die Gesellschaft sichtbar werden. Sprache und Sprachen sind das Leitthema des Jahres der Geisteswissenschaften. Auf Veranstaltungen und in Wettbewerben für Studierende und Schüler soll das „ABC der Menschheit“ durchbuchstabiert werden (siehe Infokasten).

Mit dem Wissenschaftsjahr wolle sie auch zeigen, dass Geisteswissenschaftler ein unverzichtbarer Teil der Wissenschaftskultur sind – und ihnen neue Forschungsmöglichkeiten geben, sagte Schavan. Warum aber nur ein Jahr für alle 96 geisteswissenschaftlichen Fächer zusammen – und nicht ein Jahr der Geschichte, der Literaturwissenschaft oder der Philosophie? Nachdem seit der Jahrtausendwende mit dem Jahr der Physik erstmals ein Wissenschaftsjahr veranstaltet wurde, waren auch die folgenden ausschließlich den Naturwissenschaften gewidmet. Weitere Jahre zu einzelnen Bereichen der Geisteswissenschaften schließe sie nicht aus, sagte Schavan. Aber die Wissenschaftsjahre seien nun einmal erfunden worden, um in der Öffentlichkeit für die Natur- und Technikwissenschaften zu werben, in denen Studierende fehlen. Nach dem Jahr der Physik sei die Zahl der Studenten um 60 Prozent gestiegen.

Im Wissenschaftsjahr 2007 solle es nicht darum gehen, für ein Studium in den Geisteswissenschaften zu werben; im Gegenteil seien viele Fächer überlaufen. Das spezielle Problem der Kulturwissenschaftler sei die fehlende Zeit für wissenschaftliche Arbeit. Neue Förderprogramme sollen jetzt Abhilfe schaffen – hier ein Überblick.

Forschungskollegs

An 12 „Internationalen Kollegs für Geisteswissenschaftliche Forschung“ sollen herausragende deutsche Wissenschaftler gemeinsam mit renommierten Kollegen aus dem Ausland neue Forschungsschwerpunkte bilden und geisteswissenschaftliche Methoden weiterentwickeln. Dabei werden sie für sechs Jahre von der Lehre freigestellt – mit einer Verlängerungsoption für weitere sechs Jahre. Ausgeschrieben werden die Forschungskollegs im Januar 2007. Besonders angesprochen seien die „kleinen Fächer“ in den Regionalwissenschaften, die damit eine Chance zu mehr Internationalisierung erhalten, sagte Schavan. Anträge stellen können ein bis zwei Professoren einer Hochschule; es geht um bis zu zwei Millionen Euro Bundesförderung. Das Programm gehe auf keinen Fall zulasten der geisteswissenschaftlichen Lehre an den Universitäten. Vielmehr sollen auch Vertretungsprofessuren finanziert werden.

Gleichzeitig schreibt die Deutsche Forschungsgemeinschaft 12 weitere „Kolleg-Forschergruppen“ für Geisteswissenschaftler aus – für jeweils acht Jahre. Wie auch die BMBF-Kollegs sollen sie Geisteswissenschaftlern „Raum zum eigenen Forschen“ geben.

Förderprogramme

Zu „Wechselwirkungen zwischen Geistes- und Naturwissenschaften“ will das Ministerium im Februar ein Förderprogramm auflegen. Finanziert werden Projekte aus Archäologie, Altertumswissenschaften, Sprach- und Literaturwissenschaften. Im Mai ist eine weitere Ausschreibung zum Thema „Übersetzungsfunktion der Geisteswissenschaften“ geplant. Dabei solle es unter anderem um „Verständigung innerhalb der eigenen mit fremden Kulturen“ und den Dialog der verschiedenen wissenschaftlichen Fachkulturen gehen, sagte Schavan.

EU-Forschungsprogramm

Im 7. europäischen Forschungsrahmenprogramm (2007 bis 2013) stehen für Forschungsprogramme in den Sozial-, Wirtschafts- und Geisteswissenschaften 623 Millionen Euro zur Verfügung. Damit sich möglichst viele deutsche Forscher beteiligen können, schreibt das BMBF für Koordinatoren von Projekten, die sich bewerben wollen, eine Vorphasenförderung aus. Außerdem können sich Postgraduierte demnächst um Nachwuchsgruppen im BMBF-Förderprogramm „Geisteswissenschaften im gesellschaftlichen Dialog“ bewerben. Gefördert werden Projekte, die sich mit Themen rund um Europa beschäftigen.

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