Gesundheit : Ein Jahr lang Kartoffelpüree

DOROTHEE NOLTE

Der eine liebt Kartoffelpüree, die andere steht auf Bier.Egal! Nur entscheiden müssen sie sich.Wer an der Fachhochschule Neubrandenburg Lebensmitteltechnologie studiert, sollte sich gut überlegen, welchem Lebensmittel er den Vorzug gibt.Denn die Studierenden müssen in ihrem ersten und zweiten Jahr jeweils eine "Studienarbeit" schreiben: Ein Jahr lang beschäftigen sie sich, zum Beispiel, mit der Roten Beete, mit ihren chemischen Eigenschaften, Konservierungsmethoden, Anbauorten, berichten darüber dreimal im Seminar und schreiben am Ende eine 70-100seitige Arbeit über das Gemüse.Hinterher kann man vielleicht keine Rote Beete mehr sehen, aber man hat gelernt, die theoretischen Grundlagen des Faches auf ein selbstgewähltes Gebiet anzuwenden, die Ergebnisse zu präsentieren und eine längere Arbeit zu schreiben - Fähigkeiten, die in traditionellen Studiengängen oft erst gegen Ende des Studiums trainiert werden.

Professor Jörg Meier ist von dem Konzept der Studienarbeiten an seiner Hochschule überzeugt: "Die Studierenden müssen Eigeninitiative entwickeln, vernetzt denken und Streßsituationen - etwa vor Abgabe der Arbeit - aushalten.Außerdem lernen sie früh, eigenständig Experimente durchzuführen." Bei der Jahrestagung der Arbeitsgemeinschaft für Hochschuldidaktik waren solche Ideen gefragt.Denn das neue Hochschulrahmengesetz, das seit August letzten Jahres in Kraft ist, verpflichtet die Hochschulen dazu, die Lehre zu verbessern - und die Hochschuldidaktiker, die lange Zeit eher belächelt wurden, spüren Aufwind.Gut 150 von ihnen versammelten sich zu Beginn der Woche im ehrwürdigen Gebäude der Rostocker Universität, um darüber zu beraten, wie sich die Vorgaben des novellierten Hochschulrahmengesetzes auch tatsächlich umsetzen lassen.Darunter waren Leute, die sich seit Jahren in hochschuldidaktischen Zentren oder Initiativen mit der Materie beschäftigen, ebenso wie die junge Biologin, die über die Didaktik der Einführungsveranstaltungen promovieren möchte und beinahe einen Hilferuf ausstieß: "Ich bin da in meinem Fach ganz allein, wer kann mir Kontakt zu anderen engagierten Biologen vermitteln?"

So früh wie möglich sollte im Studium ein "Problembezug" hergestellt werden, meinen die Hochschuldidaktiker: "Das ist doch bekloppt, im Grundstudium die theoretischen Grundlagen des Fachs zu lernen und erst im Hauptstudium die Anwendung", sagte etwa der Soziologe Klaus-Dieter Bock (Bielefeld).Viel besser wäre es, die Studenten schon am Anfang komplexe Probleme bearbeiten zu lassen und dabei ihre "Neugier auf Theorie" zu wecken.Praxis und Theorie sollen also stärker verzahnt werden; das heißt aber nicht, daß man einfach ein oder zwei Praktika in der Studienordnung vorschreibt und hofft, damit der ungeliebten Praxis Genüge getan zu haben, sondern praktische Tätigkeiten sollen theoretisch nachgearbeitet werden.Überhaupt sollten Studenten im Studium auch "sinnliche Erfahrungen" machen, etwa durch Simulationen, Exkursionen und Erkundigungen."Aktives Lernen" oder "Lernen in Aktion" sind die Schlagwörter, mit denen Hochschuldidaktiker diese Forderungen zusammenfassen.Einige drückten es auch so aus: "Lernveranstaltungen statt Lehrveranstaltungen!"

In den ingenieur- und naturwissenschaftlichen Fächern ist man da oft schon weiter als in den Geistes- und Sozialwissenschaften, stellten die Hochschuldidaktiker fest, und die Fachhochschulen brauchen sich vor den Universitäten nicht zu verstecken.Dank des novellierten Hochschulrahmengesetzes wird man sich aber demnächst überall Gedanken darüber machen müssen, wie sich die Lehre verbessern läßt.

Das Gesetz sieht unter anderem vor, daß die Hochschulen Bachelor- und Masterstudiengänge einführen dürfen und ihre Studienberatung verbessern sollen; Prüfungen sollen zunehmend studienbegleitend abgehalten werden, statt den gesamten Stoff am Ende des Studiums abzufragen.Forschungs- und Lehrleistungen sollen regelmäßig evaluiert werden, wobei den Studenten bei der Bewertung der Lehre ein Mitspracherecht eingeräumt wird; wer sich um eine Professur bewirbt, soll künftig auch seine pädagogische Eignung nachweisen.Bis zum Jahre 2001 müssen alle Bundesländer ihre Gesetzgebung an das neue Hochschulrahmengesetz anpassen, und die Hochschuldidaktiker möchten gerne Einfluß darauf nehmen, auf welche Weise dies geschieht.In einem "Rostocker Memorandum" formulierten sie dazu zahlreiche Empfehlungen, die von der Studienberatung über die Internationalisierung der Studiengänge bis hin zum Studium von Ausländern in Deutschland reichen.

Zu den Bachelor-/Masterstudiengängen heißt es beispielsweise, sie dürften nicht einfach verkürzte traditionelle Studiengänge sein, sondern müßten neu organisiert werden, und zwar so, daß "Grundlagen und Anwendungen eher vernetzt als nacheinander vermittelt werden".Sie dürften außerdem nicht zu spezialisiert, auch nicht zu "theoriearm" ausgerichtet sein, um den Studenten eine größtmögliche Flexibilität auf dem Arbeitsmarkt zu ermöglichen.Die Einführung von BA/MA-Studiengängen löse weder die grundsätzlichen Probleme der Studienreform, noch könne sie sie ersetzen, hieß es.Grundsätzlich bescheinigten die Hochschuldidaktiker der Gesetzesnovelle jedoch, sie leiste "einen konstruktiven Beitrag zur Studienreform".

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