Gesundheit : Ein Jahrhundert der Überflutungen

Hochwasserkatastrophen werden häufiger: In Deutschland sind der Westen und Norden besonders betroffen

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Von Thomas de Padova

Künden die derzeitigen Unwetter in Europa von einer Klimakatastrophe? „Ein einzelnes Wetterereignis kann kein Beweis für die globale Erwärmung sein“, sagt Hartmut Graßl, Direktor am Max-Planck-Institut für Meteorologie in Hamburg.

Und doch passen die Überschwemmungen genau in das Bild, das Graßl und seine Kollegen bereits vor zwölf Jahren vorgezeichnet haben: „Wenn sich die Erde nur um ein Grad erwärmt, kommen im Mittel bis zu fünf Prozent mehr Wasser runter.“

Die langfristigen Wetterbeobachtungen stützen die Klimaprognosen in dieser Hinsicht: Wenn es regnet, regnet es auch in Deutschland in vielen Regionen heftiger. „Die Summe der Niederschläge im Sommer hat sich zwar nicht geändert“, sagt Graßl. „Ihre Intensität aber schon. Die einzelnen Niederschlagsereignisse bringen mehr Wasser mit sich.“

Dementsprechend sind große Flutkatastrophen in den letzten 100 Jahren zahlreicher geworden. Und nicht nur in Indien und Bangladesch, auch in Nord- und Westdeutschland müssen die Menschen künftig mit bis zu fünfmal mehr Überschwemmungen rechnen. Wo Anrainer bislang alle 50 Jahre Hochwasserkatastrophen erlebten, werden sie im 21. Jahrhundert alle zehn Jahre davon heimgesucht, wie amerikanische, britische und schwedische Forscher kürzlich im Wissenschaftsmagazin „Science“ (Band 415, Seite 512) berichteten.

Eine folgenschwere Entwicklung, sagt Graßl, der extreme Regenfälle in immer kürzeren Zeitspannen auf uns zukommen sieht. Die derzeitigen Regengüsse etwa in Schleswig-Holstein liegen ganz in diesem Trend. „Es ist ungeheuerlich, was da im Norden runterkommt“, sagt Graßl. „Das war der höchste Niederschlag, der jemals in dieser Gegend gemessen worden ist.“

Neue Höchststände

Dagegen gebe es bislang keine Hinweise auf eine Zunahme der Sturmhäufigkeit in Mitteleuropa. „Die Sturmfrequenz ist heute nicht höher als in den 20er und 30er Jahren.“

Die Ursachen für die stärkeren Regenfälle liegen in einem Klimawandel, zu dem der Mensch entschieden beiträgt. Bereits in den vergangenen zehn Jahren hat sich die Temperatur auf der Erde um durchschnittlich 0,6 Grad Celsius erhöht. Und wegen der ungebrochen hohen Emissionen von Treibhausgasen wie Kohlendioxid aus Industrie, Verkehr und privaten Haushalten wird sich die Erde noch weiter aufheizen, sagen Klimaexperten voraus.

Wie stark, ist derzeit noch mit einem großen Fragezeichen versehen. Die Prognosen schwanken zwischen 1,4 und 7,7 Grad Celsius im Verlaufe dieses Jahrhunderts. Es gibt nach wie vor so viele im Detail noch unverstandene Prozesse im Klimakreislauf, dass eine genauere Vorhersage der künftigen Erdtemperaturen nicht möglich ist.

So weiß niemand mit der nötigen Genauigkeit zu berechnen, in welchem Maße die Weltmeere Kohlendioxid aufzunehmen im Stande sind. Und selbst die Rolle der Wälder im Kohlenstoffkreislauf ist noch immer nicht hinreichend erforscht.

Gleichzeitig setzen die Rechenkapazitäten der Computer den Klimatologen Grenzen. So ist es zum Beispiel nicht möglich, einzelne Wolkenfelder in den Computer-Simulationen zu berücksichtigen. Internationale Forscherteams stellen ihre verschiedenen Klimamodelle einstweilen zusammen, um mit einem ganzen Ensemble an Kalkulationen die Fehler so klein wie möglich zu halten. Allen Unwägbarkeiten zum Trotz dringen Klimaforscher indessen auf eine schnelle Vorsorge. Dazu gehört etwa eine effizientere Energienutzung sowie der Umstieg auf regenerative Energien. „Wer jetzt im Hochwasser steht, dem hilft das zwar nichts“, sagt Graßl. „Aber seinen Kindern und Enkeln.“

Schwierige Anpassung

Denn in der Atmosphäre laufen die chemischen Umwandlungsprozesse sehr langsam ab. Die Auswirkungen heutiger Eingriffe in den Kohlendioxidhaushalt der Erde verzögern sich dadurch um mindestens einige Jahrzehnte.

„Wir müssen jedoch schon heute Anpassungsmaßnahmen an die neuen Verhältnisse ergreifen“, sagt Graßl. „Die Bürgermeister von Städten und Gemeinden müssen wieder über Themen wie größere Rückhaltebecken oder das Verbot der Bebauung in Niederungen debattieren.“ Es sei unsinnig, Siedlungen in Überschwemmungsgebieten auszuweiten. „Die Versicherungen werden für die Schäden in Zukunft nicht mehr aufkommen.“

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