Gesundheit : Ein Kampf um Pluto

Der Himmelskörper ist kein Planet mehr. Müssen nun die Bücher umgeschrieben werden? Nicht so hastig

Rainer Kayser

Pluto ist kein Planet mehr. Mit dieser Entscheidung machten vor zwei Wochen die in Prag zur Generalversammlung der Internationalen Astronomischen Union (IAU) versammelten Himmelsforscher Schlagzeilen. Doch während schon Lexikoneinträge und Schulbücher umgeschrieben werden, geht der Streit unter den Astronomen weiter. Noch ist für den bislang neunten Planeten unseres Sonnensystems nicht alles verloren.

Insbesondere in den Reihen der Planetenforscher formiert sich Widerstand. Über 300 Wissenschaftler unterzeichneten inzwischen eine Petition, die den IAU-Beschluss ablehnt: „Wir stimmen nicht mit der IAU-Definition eines Planeten überein und werden diese nicht benutzen.“ Ziel der Initiatoren der Petition ist eine Konferenz Mitte nächsten Jahres, um zu einer „wissenschaftlich fundierteren Definition“ zu kommen.

Die Definition der IAU erfüllt nicht den wissenschaftlichen Standard, kritisiert Mark Sykes vom Planetary Science Institute in Tucson, einer der Initiatoren der Petition. „Ein offener Prozess mit einer breiteren Beteiligung von Wissenschaftlern, die die Planeten des Sonnensystems erforschen, ist notwendig.“

Eigentlich war es genau das, was die IAU gewollt hatte. Nach einem Jahr leidenschaftlicher Debatten hatte sich eine von der IAU eingesetzte Kommission auf eine Regelung verständigt, über die die in Prag versammelten 2500 Astronomen abstimmen sollten. Danach sollten künftig alle Himmelskörper als Planeten zählen, „die ausreichend Masse enthalten, um durch ihre Anziehungskraft eine runde Form einzunehmen, und die sich in einer Umlaufbahn um einen Stern befindet, aber selbst weder ein Stern sind noch einen anderen Planeten umkreisen.“

Dass es ein Problem mit dem Begriff „Planet“ geben könnte, ahnten die Himmelsforscher bereits bei der Entdeckung von Pluto im Jahre 1930. Denn der passte nicht recht in das historisch gewachsene Schema des Sonnensystems. Er ist kleiner als alle anderen Planeten und kreist auf einer stark elliptischen Umlaufbahn. In den letzten Jahren wurde das Problem immer drängender. Denn die Forscher entdeckten jenseits des achten Planeten Neptun im Kuipergürtel mehr und mehr Objekte, die Pluto ähnelten. Eines davon ist 2003 UB313, das sogar größer als Pluto ist. Sollte also dieses Objekt ebenfalls als Planet zählen?

Die Definition der IAU-Kommission war der Versuch einer Regelung, die keine willkürlichen Elemente wie Größenangaben enthält, die die neun Planeten einschließt und die auf Planeten anderer Sonnensysteme anwendbar ist. Nach dieser Definition wäre unser Sonnensystem um drei Planeten reicher: Ceres, mit einem Durchmesser von 932 Kilometern der größte Himmelskörper im Asteroidengürtel zwischen Mars und Jupiter, das Kuipergürtel-Objekt 2003 UB313, sowie Charon, der Mond des Pluto.

Doch die vorgeschlagene Definition geriet ins Kreuzfeuer. Die Zahl der Planeten könnte explodieren, befürchtete etwa Mike Brown, der Entdecker von 2003 UB313. Mindestens 43 weitere bekannte Objekte des Kuiper-Gürtels sind seiner Ansicht nach groß genug, um das Planeten-Kriterium zu erfüllen, viele Hundert könnten folgen. „Bald könnten wir mehr Planeten jenseits des Pluto haben als klassische Planeten im inneren Sonnensystem“, vermutete Brown.

Also wurde ein neuer Kompromiss ausgearbeitet und schließlich verabschiedet. Danach gilt als Planet von nun an ein „Himmelskörper im Orbit um die Sonne, der ausreichend Masse besitzt, um durch seine Schwerkraft eine nahezu runde Form einzunehmen und der die Umgebung seiner Umlaufbahn von anderen Himmelskörpern bereinigt hat.“

Eben diese zusätzliche Bedingung erfüllen Ceres, Pluto, Charon und 2003 UB313 nicht. Sie kreisen in einer Zone mit vielen ähnlichen Objekten: Ceres im Asteroidengürtel zwischen Mars und Jupiter, Pluto, Charon und Xena im transneptunischen Kuipergürtel.

Objekte, die zwar die ersten beiden, aber nicht die dritte Bedingung erfüllen, sollen künftig die Bezeichnung „Zwergplanet“ führen. Als zusätzliches Schmankerl für die Pluto-Fans unter den Astronomen soll der ehemalige neunte Planet künftig als Prototyp der „transneptunischen Objekte“ gelten.

Doch während ein Teil der Astronomen diese Definition als „Sieg der Wissenschaft über die Nostalgie“ feierten, bliesen die Pluto-Fans zum Gegenangriff. „Die Definition der IAU ist sowohl technisch als auch sprachlich fehlerhaft und eine wissenschaftliche Peinlichkeit“, schimpft Alan Stern, Leiter der Pluto-Mission „New Horizons“ der Nasa. So sei völlig unklar, was unter „Umgebung der Planetenbahn“ zu verstehen sei. Auch in der Umgebung der Bahnen von Erde, Mars, Jupiter und Neptun gibt es viele Asteroiden. „Es ist offensichtlich, dass diese Planeten ihre Umgebung nicht von anderen Objekten gereinigt haben“, sagt Stern.

Vielleicht ist es verfrüht, Lexika und Schulbücher umzuschreiben. Das letzte Wort über Pluto und die Zahl der Planeten ist noch nicht gesprochen.

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