Gesundheit : Ein katholisches Mädchen will nach oben

Vor 35 Jahren begann in Deutschland die große Bildungsexpansion. Was hat sie gebracht?

Anja Kühne

Sie war katholisch, hatte einen Arbeiter zum Vater, kam vom Land – und avancierte zum Symbol für Bildungsbenachteiligung schlechthin. Als der Konstanzer Soziologe Hansgert Peisert 1967 die Figur des „katholischen Arbeitermädchens vom Land“ erfand, war die Debatte um die Unterrepräsentation weiter Teile der Bevölkerung an höheren Schulen und Hochschulen in der Bundesrepublik bereits in vollem Schwung. Die Westdeutschen waren alarmiert durch die Warnung des Pädagogen Georg Picht, das Land werde eine „Bildungskatastrophe“ und dadurch einen „wirtschaftlichen Notstand“ erleben, sollte es seine Begabungsreserven nicht endlich ausschöpfen. Der Philosoph Ralf Dahrendorf dagegen sah in der sozialen Auslese im Bildungswesen nicht vorrangig ein ökonomisches, sondern ein Gerechtigkeitsproblem: „Bildung als Bürgerrecht“, lautete seine Forderung. Eine gewaltige Bildungsexpansion wurde forciert, die Öffnung der höheren Schulen und Hochschulen.

Sollte Karlsruhe am Mittwoch das seit 2002 bestehende Studiengebührenverbot des Bundes kippen, würde dem „katholischen Arbeitermädchen vom Land“ ein herber Rückschlag drohen, befürchten viele. Die Bundesländer dürften Studiengebühren erheben, einkommensschwache Schichten würden erneut abgeschreckt. Doch was hat die Öffnung der Hochschulen, die auch mit der Abschaffung des Hörgeldes Ende der Sechzigerjahre gefördert wurde, den bildungsfernen Schichten wirklich gebracht? Von einer sozial gut gemischten Studierendenschaft kann, 35 Jahre nachdem Willy Brandt die Bildungspolitik zum ersten Reformziel erklärt hatte, keine Rede sein.

Nur zwölf Prozent der Studenten stammen – dem Beruf und den Bildungsabschlüssen der Eltern nach – aus der untersten Schicht. Den größten, stetig wachsenden Anteil stellen die Studierenden aus der Gruppe „hoch“ mit 37 Prozent, wie das Deutsche Studentenwerk in seiner Sozialerhebung ermittelt hat (s. Grafik). Gemessen an ihrem Anteil in der Bevölkerung sind Kinder der unteren Schicht damit an den Hochschulen deutlich unterrepräsentiert. Von 100 Kindern, deren Väter die Hochschulreife erworben haben, studieren 84. Dagegen nehmen nur 21 Prozent der Kinder von Vätern, die maximal das Zeugnis einer Hauptschule besitzen, ein Hochschulstudium auf – ein Zustand, der den Befürwortern von Gebühren Munition liefert. Warum sollten die gut Situierten an der Uni nicht bezahlen?

Während die Unterschiede zwischen Stadt und Land und den Konfessionen verwischt sind, hat sich die Schere bei der sozialen Herkunft nicht geschlossen. Das ist erstaunlich. Schließlich brachte die Bildungsexpansion die Massen an die Gymnasien und die Hochschulen. Schon bald kursierten Begriffe wie „Akademikerschwemme“ oder „akademisches Proletariat“. In den einst Wenigen vorbehaltenen Hochschulen drängten sich die Studierenden. Obwohl Neugründungen aus dem Boden sprossen, reichten die Kapazitäten nicht – die Politiker hofften, man könne den „Studentenberg untertunneln“, also einfach auf geburtenschwächere Jahrgänge warten. Dabei stieg die Zahl der Studierenden weiter. In den 50er Jahren hatte Deutschlands größte Universität, die Uni München, 11000 Studierende, in den Achtzigerjahren waren es über 60000. Nahmen 1960 erst fünf Prozent eines Altersjahrgangs ein Studium auf, sind es heute 30 Prozent.

Wer hat von der großen Bildungsexpansion profitiert? Vor allem die Frauen. Vor 45 Jahren waren fast zwei Drittel der Schüler in der gymnasialen Oberstufe männlich. Inzwischen ist mehr als die Hälfte weiblich, jeder zweite Studienanfänger ist eine Frau. Trotzdem haben die Frauen mit den Männern an den Hochschulen nicht gleichgezogen. Der Bildungshintergrund von Studentinnen ist durchschnittlich höher als der von Studenten. Zugespitzt gesagt: Unter den Frauen an der Hochschule sind noch mehr „höhere Töchter“ als „höhere Söhne“ unter den Männern. Das heißt, die soziale Selektion bleibt für Frauen schärfer. Und die Studentinnen wählen überdurchschnittlich häufig Felder mit geringen Aufstiegschancen, wie Kulturwissenschaften. Ähnlich in den Ausbildungsberufen, wo viele Sekretärin oder Krankenschwester werden.

So wie die Bildungsläufe von Frauen sich nach wie vor von denen der Männer unterscheiden, gehen auch Studierende unterer Schichten an der Hochschule typischerweise andere Wege als Studierende aus höheren Herkunftsmilieus. Erstere bevorzugen das straffer organisierte, praxisnähere Angebot der Fachhochschulen. Kinder aus der hohen Schicht wählen dagegen überdurchschnittlich häufig Jura, Medizin oder Romanistik. Mehr Kinder aus bildungsnahen Familien gehen während des Studiums ins Ausland. Weniger von ihnen gehören zu den Langzeitstudenten, unter denen hingegen überproportional viele Studierende aus den unteren Schichten vertreten sind – vor allem, weil sie intensiver jobben müssen als Studenten aus den oberen Milieus, wie die Sozialerhebung feststellt. Die finanziellen Folgen von Helmut Kohls Bafög-Politik hätten deshalb viele vom Studium abgehalten, heißt es.

Als die Bundesrepublik ihre Hochschulen öffnete, geschah das auch im Wettbewerb mit der DDR: Der Westen wollte ebenfalls „soziale“ Maßstäbe setzen. Dabei gelang es der DDR nur am Anfang, ihrem Anspruch gerecht zu werden, die Klassengesellschaft zu überwinden und „in erheblichem Umfang bildungsferne Schichten an eine Hochschulausbildung heranzuführen“, wie Jürgen Baumert, Kai S. Cortina und Achim Leschinsky vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung schreiben („Das Bildungswesen in der Bundesrepublik Deutschland“).

Doch schon Anfang der Sechzigerjahre wurden die „Arbeiter- und Bauernfakultäten“, die den Hochschulzugang ohne Abitur eröffnet hatten, abgeschafft. Um die wissenschaftlich-technische Revolution voranzutreiben setzte „man bei der Studienplatzverteilung eher auf Leistungskriterien denn auf proletarisches Herkunftsmilieu“, wie Helmut Köhler und Manfred Stock in ihrem Buch „Bildung nach Plan?“ formulieren. Mit der Ära Honecker kam die Expansion zu einem abrupten Ende, „der Widerstand gegen die weitere Ausbreitung einer akademischen Expertenkultur“ wurde damit begründet, es mangele an Facharbeiternachwuchs.

Der Anteil der Studienanfänger am Jahrgang sank rasch von 19 Prozent auf 12,6 Prozent, bis zur Wende stieg er kaum. Entsprechend Wenige durften Abitur machen: Nur zwei bis drei pro Klasse kamen nach den Kriterien „schulische Leistung“ und „gesellschaftliche Aktivität“ in die Vorbereitungsklassen. Drei Prozent aller Schüler wurden in Spezialklassen und Spezialschulen gefördert, die Talentschau begann schon in der dritten Klasse. „Zum Ende der DDR waren die studienvorbereitenden Bildungsänge der DDR sozial weitaus selektiver als die gymnasiale Oberstufe der BRD“, schreiben Baumert und seine Kollegen.

Heute ist die Studentenschaft an den ostdeutschen Hochschulen kaum anders zusammengesetzt als im Westen. Hier wie dort stolpern die meisten Kinder aus unteren Schichten in ihrem Bildungsweg über die Schwelle zum Gymnasium. Bei gleicher Schulleistung bekommen Kinder aus der Unterschicht seltener eine Gymnasialempfehlung, während Kinder aus höheren Schichten auch bei schwachen Leistungen seltener auf die Hauptschule kommen, zeigt die Pisa-Studie. Die Unterrepräsentation von bildungsfernen Schichten trotz Bildungsexpansion ist nicht nur ein deutsches Phänomen. Doch hier ist sie besonders stark.

Am ausgeprägtesten ist das Gefälle der Bildungsbeteiligung in Bayern, Rheinland-Pfalz und Schleswig-Holstein, schreiben die Forscher. „Hier erreicht die Begünstigung von Jugendlichen aus Oberschichtfamilien ein bemerkenswertes Ausmaß.“ Unter den alten Ländern ist Baden-Württemberg das Land mit der niedrigsten Sozialschichtabhängigkeit des Gymnasialbesuchs. Die „bildungspolitsche Programmatik eines Landes“ sagt also noch nichts darüber aus, wie es um die Wirklichkeit bestellt ist, so die Wissenschaftler. Was also ist zu tun? Auch die Bildungsexpansion habe keinen Automatismus des sozialen Ausgleichs ausgelöst und keinesfalls ersetze sie „den intelligenten Umgang mit Leistungsheterogenität im Unterricht und die professionelle Verantwortung und Fürsorge für schwächere Schüler“.

Es ist enttäuschend, dass die große Öffnung von Schulen und Hochschulen die Bildungsgerechtigkeit nicht erhöht hat. Gleichwohl war sie nicht vergeblich. Alle Schichten haben von ihr profitiert: „Anfang des neuen Jahrhunderts ist das formale Bildungsniveau der Bevölkerung der BRD so hoch wie nie zuvor“, schreiben die Forscher vom Max-Planck-Insitut. Auch das „katholische Arbeitermädchen vom Land“ ist vorangekommen.

Noch ist Deutschlands Bildungsexpansion aber nicht abgeschlossen. Experten erwarten auf dem Weg in die Wissensgesellschaft einen steigenden Bedarf an Akademikern. Womöglich werden die sinkenden Geburtenraten das Land dazu zwingen, seine Begabungsreserven besser auszuschöpfen. Studiengebühren hätten dabei nur abschreckende Wirkung, meinen ihre Gegner. Die Befürworter dagegen sagen, Gebühren könnten helfen, die Unis auch für bildungsferne Schichten attraktiver zu machen. Wie dem auch sei: Um zwei Gruppen wird sich das Bildungswesen in Zukunft besonders bemühen müssen: um Frauen, die für technische Berufe gewonnen werden müssen – und um den moslemischen Einwanderersohn aus Marokko.

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