Gesundheit : Ein Knallfrosch zu viel

Das kindliche Gehör ist besonders empfindlich. Neue Broschüren geben Rat

Rosemarie Stein

Schwerhörigkeit gilt zwar als Merkmal des Alterns, doch auch Babys werden schon mit Hörschaden geboren, weil Infektionen, Alkohol, bestimmte Arzneimittel in der Schwangerschaft oder Sauerstoffmangel unter der Geburt das Kind schädigten. In früher Kindheit gehören durch Bakterien hervorgerufene Hirnhautentzündungen zu den häufigsten Ursachen von Hörstörungen.

Gleich, was dem Schaden zugrunde liegt: Er muss so früh wie möglich erkannt werden – was leider oft nicht geschieht, wie es in der neuen Broschüre „Hörstörungen und Tinnitus“ des Robert-Koch-Instituts (RKI) heißt. Rechtzeitige Versorgung mit Hörhilfen hilft dem Kind, sich normal zu entwickeln.

Als weitere wesentliche Ursache für Hörschäden wird der Lärm genannt. Die empfindlichen Haar-Sinneszellen im Innenohr können je nach Stärke und Dauer der Lärmbelastung vorübergehend oder dauerhaft geschädigt werden. Besonders verletzlich sind auch hier wieder kleine Kinder. Feuerwerkskörper, Spielzeugpistolen und sogar Knallfrösche können schon durch einen einzigen Knall in Ohrnähe zu Dauerschäden führen.

Eine schwere Hörminderung durch Tätigkeit an „Lärmarbeitsplätzen“ wird als die häufigste der anerkannten Berufskrankheiten genannt. Die Broschüre bemängelt, dass Lärmschutzvorschriften nicht konsequent befolgt werden und der Gehörschutz oft nicht getragen wird. Den brauchen auch Jugendliche in der Diskothek und auf Musikgroßveranstaltungen, wo in Lautsprechernähe bis zu 120 Dezibel gemessen wurden. Das reicht für einen Dauerschaden.

Unterschätzt wird meist die Gefährdung durch zu laut eingestellte Geräte mit Kopf- oder Einsteckhörern. Sie verschließen die äußeren Gehörgänge, wodurch besonders hohe Schalldruckpegel erreicht werden. Es muss damit gerechnet werden, „dass bis zu 20 Prozent der Jugendlichen allein durch die Musikbelastung nach zehn Jahren einen Hörverlust von mindestens 20 Dezibel im Hochtonbereich davontragen“, heißt es in der RKI-Broschüre.

Vor allem mit der Hörminderung im Alter beschäftigt sich die Broschüre „Wieder besser hören“ der Stiftung Warentest. Meist werden die Hörstörungen zunächst von der Umgebung bemerkt. während die Betroffenen die Probleme gerne verdrängen – ein Weg, der oft direkt in die soziale Isolation führt. Wie groß die psychische Belastung ist, zeigt die Tatsache, dass im Vergleich zum Durchschnitt der Bevölkerung zehnmal so viele Hörgeschädigte einen Selbstmordversuch machen.

„Für mich darf Erholung in menschlicher Gesellschaft, feinere Unterredungen, wechselseitige Ergießungen nicht statthaben. Ganz allein ... wie ein Verbannter muss ich leben“, schrieb der ertaubende Beethoven schon mit 32 Jahren. Er musste sich noch mit einem primitiven Hörrohr behelfen. Heute stehen hoch entwickelte Hörhilfen zur Verfügung. Oft legen die Betroffenen die Geräte ungenutzt beiseite, weil sie mit der Bedienung nicht zurechtkommen. Da es aber keine wirksamen Medikamente und nur in bestimmten Fällen eine Operation gegen den Hörverlust gibt, bleiben Hörgeräte oder Implantate die einzige Möglichkeit der sozialen Wiedereingliederung von Hörgeschädigten.

In dem Buch der Stiftung Warentest erhalten sie zahlreiche praktische Ratschläge für die Bewältigung ihres Alltags und für den Umgang mit der Hörhilfe. Sie sollte für Sinnesgeschädigte genauso selbstverständlich werden wie die Sehhilfe. Ein Hörgerät ist allerdings komplizierter anzuwenden als eine Brille. Die Umgebung glaubt fälschlicherweise, damit könne der Benutzer nun wieder ganz normal hören. Mit viel Geduld, Gewöhnung und kompetenter Beratung ist dies wenigstens annähernd zu erreichen.

Robert-Koch-Institut (Hrsg.): „Hörstörungen und Tinnitus.“ Gesundheitsberichterstattung des Bundes, Heft 29. Kostenlos schriftlich anzufordern beim RKI, Seestraße 10, 13353 Berlin. Auch im Internet: www.rki.de

Stiftung Warentest und Verbraucherzentrale NRW (Hrsg.), Elke Brüser: „Wieder besser hören.“ Mit Adressen von Beratungsstellen, Spezialkliniken und Selbsthilfegruppen. Erhältlich für 12 Euro im Buchhandel und beim Vertrieb der Stiftung Warentest, Telefon 01805/002467

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