• Ein Kolloquium des Berliner Psychoanalytischen Instituts befasste sich mit Kleists These, wonach Gedanken beim Reden entstehen

Gesundheit : Ein Kolloquium des Berliner Psychoanalytischen Instituts befasste sich mit Kleists These, wonach Gedanken beim Reden entstehen

Martin Treml

"Erst denken, dann reden!" Wohl jeder wird diese Erziehungsweisheit früher oder später einmal zu hören bekommen haben. Und hat sie vielleicht auch schon in der Praxis überprüfen dürfen, wenn er in einer Rede ein "Denkloch" mit zahlreichen Worten zu stopfen versuchte, der rettende Einfall aber trotzdem ausblieb.

Jedoch wurde und wird diese Weisheit von ausgewiesenen Denkern in Frage gestellt. So auch von Heinrich von Kleist, Preußens unglücklichem Dichter, der neben seinem literarischen Werk auch eine Handvoll Aufsätze zur Kunst- und Weltbetrachtung verfasste. Unter ihnen sticht einer besonders hervor, der den programmatischen Titel "Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden" trägt. Vorschrift und Erfahrung ignorierend, hat Kleist empfohlen: "Wenn du etwas wissen willst und es durch Meditation" - also durch Nachdenken - "nicht finden kannst, so rate ich dir, mein lieber, sinnreicher Freund, mit dem nächsten Bekannten, der dir aufstößt, darüber zu sprechen." Dann wird sich alles von selbst ergeben. "Ein solches Reden ist ein wahrhaftes lautes Denken. Denn nicht wir wissen, es ist allererst ein gewisser Zustand unsrer, welcher weiß."

Noch vor einiger Zeit hätte man sich bei dieser Formulierung an den Apostel Paulus erinnert, der davon sprach, dass "ich nicht weiß, was ich tue", weil "ein anderes Gesetz in meinen Gliedern" herrscht: die Sünde. Heute aber hat die Psychologie die Bedeutung der Religion für den einzelnen ersetzt. Und so denkt man eher an die Grundregel des therapeutischen Sprechens, wie sie Sigmund Freud dem Patienten vorschrieb, um dadurch zu neuen Erkenntnissen zu gelangen: "Alles sagen, was ihm in den Sinn kommt, auch wenn er es für unrichtig, für nicht dazugehörig, für unsinnig hält, vor allem auch dann, wenn es ihm unangenehm ist." An die Stelle der Sünde ist das Unbewusste getreten.

Vielleicht auch aus diesem Grund hat das Berliner Psychoanalytische Institut die Zusammenarbeit mit der Humboldt-Universität gesucht und kürzlich zu einem Kolloquium über Kleists Essay eingeladen. Der kurze Text vermochte verschiedene Humanwissenschaften in einem erstaunlichen Maße zusammenzuführen. Verfallen die versammelten Wissenschaftler bei interdisziplinären Veranstaltungen doch meist in ihren eigenen Jargon mit dem Effekt wechselseitigen Verstummens. Doch hier war man gewillt, seine "Idee auf der Werkstätte der Vernunft" zu fabrizieren und sich mitzuteilen. So ereignete sich, was auch das Thema der Veranstaltung war: das Weiterdenken im Laufe des Sprechens, Vortrag bezog sich auf Vortrag.

Den Anfang machte Peter Philipp Riedel aus Regensburg, der Kleists Text in den zeitlichen Zusammenhang einordnete und elegant die Hoffnungen und Ängste darstellte, die mit der öffentlichen Rede in Deutschland um 1800 verbunden waren. Man sah sich selbst als eine "stumme Nation" und blickte neidvoll auf die rhetorischen Leistungen in England und Frankreich. Gleichzeitig aber fürchtete man sich vor der Gewalt der revolutionären Rede, die diese Leistungen erst ermöglicht hatte.

Franziska Henningsen aus Berlin oblag es, als Psychoanalytikerin die narzisstische Struktur und ihre Brechung im Vorhaben Kleists darzustellen: denn "der nächste Bekannte" dient in diesem Sinne nicht als Gesprächspartner, sondern nur als Schubelement für die eigene Rede - schade, dass man in der Diskussion nicht auch auf Bedeutung und Funktion von Talkshows zu sprechen kam.

Der Berliner Philosoph Volker Gerhardt erkannte in Kleist einen heimlichen Platoniker. Indem er antikes Denken aktualisierte, machte Kleist plausibel, dass Wissen kein feststehender Besitz ist, sondern erst in der Kommunikation entsteht und sich entfaltet. Wie dies geschehen kann, stellte Ernst Pöppel aus München vor, der als medizinischer Psychologe die Funktionsweise des Gehirns erklärte und es verstand, komplizierte Sachverhalte verständlich zu machen. Er endete mit einer doppelten Lösung. Gedanken bedürften bei ihrer Entwicklung eines Gegenübers, denn sie entfalteten sich erst im Dialog. Freilich sollte man sich dabei nicht nur auf die "alten Bekannten" verlassen, sondern beim lauten Nachdenken aus den üblichen sozialen Kontakten heraustreten. Darüber hinaus plädierte Pöppel dafür, durch Bewegung neue Verbindungen im Gehirn herzustellen, wie beispielsweise durch ein vertrautes Gespräch während des Joggens und Wanderns.

Den Schluss machte Rainer Dietrich, ebenfalls aus Berlin, der die Nähe Kleists zur aktuellen Psycholinguistik aufwies und hinreißend komische Beispiele des Versprechens gab, wie das vom Radiosprecher nach einer Musiksendung. "Sie hörten die C-mell Mosse, nein, C-moss Melle, ich korrigiere: C-moll Messe von Johann Sebaldrian Bach - jetzt hänge ich mich auf." Diese Serie des Verhaspelns sei ein Beispiel für eine missglückte Verfertigung der Gedanken beim Reden. Am Ende des Kolloquium hätte dann auch folgender Ratschlag stehen können: "Sprich, wenn du denkst!"

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