Gesundheit : Ein Likörfabrikant mit Passion

SANDRA LÖHR

Von vielen Studenten unbemerkt, versteckt sich die Theaterhistorische Sammlung Walter Unruh derzeit noch im zweiten Stock der Mecklenburgischen Straße 56, dem bisherigen Sitz des Instituts für Theaterwissenschaft der Freien Universität.Den Besucher empfängt gleich beim Betreten ein wuchtiges Gemälde von Alfred Bassermann, das gegenüber der Tür angebracht ist.Doch ein daneben aufgestellter und überquellender Stahlschrank und aufeinander gestapelte Umzugskisten machen den ersten glanzvollen Eindruck zunichte.Auch die übrigen Zimmer verraten zunächst nicht, welche Schätze hier gesammelt und archiviert werden: Denn die Sammlung ist die einzige dieser Art in Berlin und eine Dauerleihgabe der Stadt, dem Institut seit 1952 personell und finanziell unterstellt.

Der einstige Gründer, Walter Unruh, kurioserweise ein Likörfabrikant aus Danzig, der 1921 mit seiner Fabrik nach Berlin übersiedelte und der sich in seiner Freizeit hingebungsvoll dem Theater widmete (und es später sogar immerhin zum Schatzmeister der deutschen Gesellschaft für Theatergeschichte brachte), legte den Grundstock der jetzigen Sammlung.Sie besteht aus einer Bibliothek, alten Theaterzetteln, Photobildbeständen, Bühnenbildentwürfen und einer Kritikensammlung, aber auch Korrespondenzen berühmter Schauspieler und Regisseure kann man hier ausfindig machen.

Der Schwerpunkt der Sammlung liegt auf der Theatergeschichte im Berlin des 19.und 20.Jahrhunderts, teilweise sind die gesammelten Periodika aber von 1827 oder noch älter! Streift man an den vielen Regalen entlang, fallen einem als erstes die zerfledderten Buchrücken ins Auge.Die langen Jahre, die sie hier schon stehen, sieht man ihnen an."Ja, viele der Bücher müßten dringend zum Buchbinder", seufzt Helga Haas, langjährige Mitarbeiterin der Sammlung und zuständig für die Besucherbetreuung: "Aber in Zeiten universitärer Sparzwänge ist das nicht möglich."

Dabei ist die Sammlung in regem Gebrauch.Sie erhält Anfragen aus dem In- und Ausland, meistens wenn es darum geht, daß für eine Ausstellung nach Material gesucht wird, wie beispielsweise bei der derzeitigen Theaterausstellung im Foyer des Deutschen Theaters.Dramaturgen nutzen die hier dokumentierten Aufführungen von Theaterstücken für die Zusammenstellung ihrer Programmhefte, oder es werden alte Fotos für einen Fernsehbeitrag gesucht.Daneben steht die Sammlung natürlich für Forschungszwecke, meistens für Dissertationen oder andere wissenschaftliche Publikationen bereit."Ich hatte aber auch schon Anfragen von Familien aus Übersee, die etwas über ihren jüdischen, theaterspielenden Großvater, der während der Nazizeit verschwunden ist, wissen wollten.Das ist dann natürlich besonders spannend, wenn man diesen Leuten helfen kann."

Das Wertvollste, was die Sammlung derzeit besitzt, ist das Skizzenbuch des Herzogs von Meinigen mit rund 150 vom Herzog selbst entworfenen und gezeichneten Figurinen, die den Grundstock für eine Sammlung von Kostümentwürfen gelegt hat.Insgesamt lagern hier rund zwanzigtausend Bücher, sechstausend Ordner der Autographensammlung, hundert Archivkästen voller Theaterzettel, zweihundert Ordner alter Programmhefte und mehr als zehntausend Fotos und Zeichnungen.Die Räume quillen über."Aber das wird nach dem Umzug anders, denn wir werden dann mehr Platz und schönere Räume bekommen", freut sich Dagmar Walach.Sie arbeitet seit zwei Jahren mit Geldern der Deutschen Forschungsgemeinschaft an der wissenschaftlichen Erschließung und Auswertung der Nachlässe.Bisher erschlossen sind acht Nachlässe, darunter die von Albert Bassermann, eines der größten deutschen Schauspieler, die von Julius Freud, Othmar Keindle, Lothar Müthel und Adele Sandrock."Ich war ganz erstaunt, wieviele interessante Sachen ich dabei entdeckt habe.Es gibt noch so viel, was bearbeitet werden könnte", meint Dagmar Walach.

Aber nicht nur alte Theatermaterialien warten auf ihre Entdeckung, es gibt auch Drehbücher und Skripte aus alten UFA-Zeiten und Materialien zu dem Theater verwandten Bereichen wie Varieté, Zirkus oder Kleinkunst zu finden.Durch gezielte Ankäufe des Instituts oder einzelne Schenkungen wird die Sammlung ständig erweitert.Wer jetzt neugierig geworden ist, kann sich im neuen Semester nach telefonischer Absprache die Sammlung ansehen.

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