Gesundheit : Ein Meer wurde zur Pfütze

Paul Janositz

Einen Flüchtlingsstrom größer als der derzeitige aus Afghanistan, einen Krieg schlimmer als die aktuelle Schlacht gegen den internationalen Terror, prophezeite Jusufshan Schadimetowitsch Schadimetov. Wenn es nicht gelinge, die ökologischen und sozialen Probleme in Zentralasien zu lösen oder wenigstens zu mildern, werde eine gewaltige Zeitbombe explodieren, sagte der Präsident der Stiftung "Ecosan" jetzt auf einer Konferenz in Berlin, bei der es um die "Probleme des Aralsees und der Region Priaralje" ging.

Eingeladen hatte die Botschaft der Republik Usbekistan, die seit zehn Jahren unabhängig ist, und aus der Konkursmasse der Sowjetunion Zehntausende von Quadratkilometern salziger Sandwüste geerbt hat. Das mit Schwermetallstäuben und Pflanzenschutzmitteln verseuchte Gebiet war einst blaues Wasser, Teil eines Sees, so groß, dass ihn die Einheimischen "Meer" nannten.

Jetzt liegen die Schiffe trocken. Die rostigen Wracks, traurige Reste einer ehemals stolzen Fischerflotte, zeigt der Dokumentarfilm "Wo das Wasser endet, endet die Erde" auf dem Berliner Symposium. Die kühlen Seewinde sind in Muniak, dem ehemaligen Badeort und Hafen in der usbekischen Provinz Karakalpakien, Sand- und Salzstürmen gewichen. "Die Menschen fliehen", sagt Schadimetov. Wahrscheinlich wären auch die vier Millionen Einwohner längst weg, die jetzt noch in den verwüsteten Regionen leben, wenn sie nur wüssten, wo sie hingehen sollten.

Jetzt müssen sie ums Überleben kämpfen. Der einst größte Schatz, das frische Wasser, ist knapp geworden. "Ein Liter Trinkwasser kostet auf dem Markt einen Dollar", heisst es in dem Film von Joachim Tschirner. Kinder trinken das verseuchte Wasser. Im Krankenhaus liegt ein fünfjähriger Junge, mager und apathisch. "Er hat fünf Krankheiten auf einmal", sagt der Arzt. Medikamente gebe es nicht. Auf der Säuglingsstation schreien Babys, geboren von Müttern, die unter Blutarmut leiden. 30 von 1000 Neugeborenen sterben, sagt Mediziner Schadimetov, etwa sechsmal so viele wie in Europa oder Japan. Die Überlebenden sind oft missgebildet.

Die Menschen zahlen den Preis für eine verfehlte Politik, die auf Monokultur setzte, auf den Anbau von Baumwolle und Reis. Diese Pflanzen brauchen viel Wasser, das aus den Flüssen Amu-Darja und Syr-Daja abgezweigt wurde. Der Nachschub für den Aralsee versiegte. Innerhalb der letzten 30 Jahre verringerte sich das Volumen auf 1100 auf 220 Kubikkilometer.

Der See schrumpfte auf 40 Prozent der ehemaligen Fläche von 65 000 Quadratkilometern, die ihn zum viertgrößten Binnensee der Welt gemacht hatte, 120 mal größer als der Bodensee. Muniak liegt jetzt fast 100 Kilometer vom Ufer entfernt.

Das Problem ist erkannt, konkret getan hat sich bisher nicht viel. Konferenzen finden statt, Projekte werden geplant. "Wenn jeder Experte, der zum Aralsee kam, einen Eimer Wasser hineingeschüttet hätte, wäre er schon wieder voll", spottete Christopher Martius, der ein Projekt am Zentrum für Entwicklungsforschung in Bonn koordiniert: Mit Hilfe der Unesco und Universitäten in Usbekistan sollen Methoden entwickelt werden, mit weniger Wasser ausreichende Baumwoll-Erträge zu bekommen.

Dass weitaus mehr geschehen muss, war in der schön renovierten usbekischen Botschaft mit Händen zu greifen. Sonst dürften Schadimetovs Ahnungen bittere Realität werden.

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