Gesundheit : Ein mörderisches Wörterbuch

125 Jahre „Oxford English Dictionary“: Der fleißigste Wortlieferant war ein geisteskranker Schwerverbrecher

Juliane von Mittelstaedt

Ohne den Mord in der mondhellen Nacht zum 17. Februar 1872 kurz nach zwei Uhr, mit einer Salve von drei Revolverschüssen begangen, hätte es wohl das Wörterbuch der Wörterbücher nie gegeben. Vom Mord zum Wort, so könnte der Untertitel lauten für die vermutlich bizarrste Entstehungsgeschichte eines Lexikons, krimireif inszeniert vor der Kulisse aus gotischen Giebeln und Gemäuern, engen Gassen und düsteren, Ehrfurcht einflößenden Bibliotheken des Universitätsstädtchens Oxford. Nicht umsonst wurden hier Harry Potters magisch-mystische Abenteuer gedreht, in Christ Church, dem imposantesten und beeindruckendsten der fast 40 Colleges.

Aber der Reihenfolge nach: Was da entstand, war das große „Oxford English Dictionary“, von Kennern nur „OED“ genannt, bestehend aus 15 490 Seiten, „zwölf grabsteingroßen Bänden“ mit 414 825 definierten Wörtern, belegt mit 1,8 Millionen Zitaten aus der englischsprachigen Literatur. Ein Mammutunterfangen, denn es sollte, so das Ziel des 1857 vom Londoner Philologischen Verein begonnenen Projekts, eine Gesamtaufnahme des englischen Wortschatzes liefern. Mit der Durchführung beauftragten sie die Oxford University Press (OUP). In diesem Jahr feiert Oxford den Beginn der systematischen Arbeit am Dictionary vor 125 Jahren.

Wörterberge aus dem Volk

Was sich einer aufhalst, der es mit einer ganzen Sprache aufnimmt, war zu diesem Zeitpunkt noch nicht abzusehen. Aber weil man schon ahnte, dass dies nur mit vielen Helfern möglich sein würde, richtete die Gesellschaft einen Aufruf an die gesamte Bevölkerung, doch möglichst viele Wörter mit entsprechender Literaturangabe einzusenden. Die Sprachsammler bauten ein Holzregal mit 26 Fächern, für jeden Buchstaben eines, rechnete mit einigen zehntausend Zetteln und ging schließlich in einer Flut von über fünf Millionen Zuschriften unter. Herr über die Zettel wurde 1878 der Schulleiter James Murray, Sohn eines schottischen Schneiders, besessener Autodidakt und Sprachgenie. Mit einem Heer von Mitarbeitern und seinen zwölf Kindern – allesamt spätere Kreuzworträtsel-Champions – begann er vor 125 Jahren, die Wörterberge, die Tag um Tag mit der Post eintrafen, unverzagt zu sortieren.

Und der, der Murrays fleißigster Wortlieferant wurde und mit dem Absender „Broadmoor, Crowthorne“ schrieb, war kein geringer als William Chester Minor, Berufssoldat, Psychopath und Besitzer des Revolvers, mit dem in jener mondhellen Nacht am 17. Februar 1872 ein Ire niedergestreckt wurde. Zwar freigesprochen, saß Minor seither in der Irrenanstalt von Broadmoor ein und belieferte über zwei Jahrzehnte von dort aus die ehrwürdigen Stuben des Oxford English Dictionary mit weit über 10 000 verwertbaren Wortbelegen. Murray schrieb über seinen freien Mitarbeiter, den er für einen spleenigen Landarzt hielt: „Doktor Minors Beiträge waren während der letzten 17 oder 18 Jahre so ungeheuer zahlreich, dass wir leicht sie allein für die Zitate aus den letzten vier Jahrhunderten hätten verwenden können.“ Erst nach 24 Jahren des regen Briefwechsels begegneten sich die beiden Wort-Fanatiker, entdeckte Murray die Herkunft seiner Wort-Schätze.

Doch keiner der beiden Lexikografen erlebte die Fertigstellung des Wörterbuchs. Nach fünf Jahren Arbeit waren die Redakteure gerade bei „Ant“ (Ameise) angekommen, aus den ursprünglich geplanten zehn Jahren wurden 70 – erst 1928 erschien der letzte Band. Das letzte Wort hieß „zyxt“, und das bedeutet in der Gegend von Kent „du siehst“ – aber das nur nebenbei.

Ob die Geisteskrankheit und die Wörterbesessenheit miteinander zu tun haben und ob man, um Wörterbücher zu schreiben, schon einen kleinen Tick haben muss? So oder so, auch ohne die exzentrischen Energien, mit denen das Oxford English Dictionary begründet wurde, ist die Entstehung eines Wörterbuchs spannend. Natürlich werden heute keine Zettel mehr gesammelt, aber trotzdem: Wie kommt eigentlich das Wort ins Wörterbuch? Wer wählt aus, was heute zur englischen Sprache gehört und was nicht?

4000 neue Einträge pro Jahr

Zum Beispiel Sally Wehmeier. Sie lebte acht Jahre lang als Lehrerin in Deutschland, ist heute Lexikografin bei der Oxford University Press (OUP). Ihr jüngstes Werk ist „Das große Oxford Wörterbuch“, entstanden in Zusammenarbeit mit dem deutschen Cornelsen Verlag. An einer neuen, dritten Auflage des großen Minor-and-Murray-Wörterbuchs arbeiten derzeit achtzig Redakteure, in sieben Jahren soll es fertig sein. Kosten: rund 50 Millionen Euro. Der weltweit größte Universitätsverlag publiziert jährlich 4000 neue Titel und hat Niederlassungen in über 40 Ländern.

Auch knapp 150 Jahre nach dem Start des Dictionary-Projekts geht die Suche nach Wörtern weiter, werden im Jahr 4000 neue Worteinträge online veröffentlicht. Dazu muss die Herkunft und Verwendung von Wörtern sorgfältig recherchiert werden: Wer hat das Wort zuerst benutzt? In welchem Zusammenhang wird es typischerweise gebraucht? Bei der OUP arbeiten hauptberuflich Wortverliebte, Sprachspezialisten, Buchstabenbegeisterte. Jahrelang tüfteln sie an einem Wörterbuch, diskutieren Übersetzungsvarianten, Bedeutungsnuancen, Wortfitzelchen.

Wie gesagt, die Zettelwirtschaft gibt es nicht mehr. Die Sprachforschung funktioniert heute mit Hilfe des so genannten Korpus, einer elektronischen Sammlung von Texten aller Art. Eine Riesen-Datenbank, in der die mündliche Sprache mit zehn Prozent vertreten ist; den Rest machen natur-, und geisteswissenschaftliche Schriften, Literatur und Zeitungen aus.

Mit hundert Millionen Wörtern wurde der britische „National Corpus“ gefüttert, 45 Millionen bilden dessen deutsches Gegenstück. „Eine Momentaufnahme der englischen Sprache am Ende des 20. Jahrhunderts“ ist der Korpus für Wehmeier. Und eine unglaubliche Erleichterung der Arbeit: Per Knopfdruck können die Lexikografen beliebig viele Beispiele eines Wortes aufrufen und sehen, in welchem Kontext es verwendet wird: ob mit negativem oder positivem Bedeutungsgehalt, ob im Zusammenhang mit bestimmten Verben oder Adjektiven.

Und sie können auch bei Synonymen überprüfen, welche von zwei Ausdrucksmöglichkeiten häufiger vorkommt, also „natürlicher“ ist. Someone oder somebody? Der Korpus sagt eindeutig: „someone“ – in der Schriftsprache. Im Mündlichen wird häufiger „somebody" benutzt.

Doch trotz Korpus und Statistik: Wörterbücher verfassen sich nicht automatisch. Die Daten müssen sortiert, interpretiert, schließlich übersetzt und in Beispielsätzen angewandt werden. Was der Leser später in der Hand hält, ist nur die „Spitze des Eisbergs“, so die OUP-Lexikografin Margaret Deuter. Das bedeutet Jahre, manchmal Jahrzehnte der Sprachjongliererei – und nachher spricht keiner darüber, gibt es keine Rezensionen, keine Interviews mit den Autoren der heimlichen Bestseller. Auch wenn ihre Entstehung sich manchmal wie ein Krimi liest.

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