Gesundheit : „Ein national bedeutsames Anliegen“

500 Jahre Viadrina in Frankfurt (Oder): Gesine Schwan kämpft für ihre Idee einer Stiftungs-Universität

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Frau Schwan, vor 500 Jahren wurde die Viadrina als brandenburgische Landesuniversität gegründet. Was bedeutet diese Tradition für die vor 15 Jahren wiederbegründete Europa-Universität Viadrina?

1991 hat man ganz bewusst an diese Tradition angeknüpft, weil Frankfurt (Oder) mehrere Jahrhunderte lang eine Universitätsstadt war, die auch nach Ost- und Südosteuropa sowie Skandinavien ausstrahlte. Ein Hauptmerkmal der heutigen Viadrina ist ihre Internationalität, die freilich eine ganz andere ist als vor 400 oder 500 Jahren. Heute prägen zwei Merkmale die Universität: die intensive deutsch-polnische Zusammenarbeit und die Ausrichtung an der Europäischen Union.

Die alte Viadrina galt Studenten aus dem Osten als Sprungbrett zum Westen. Nach ein, zwei Semestern zogen sie weiter an die großen deutschen Universitäten in Heidelberg und Göttingen. Ist es heute ähnlich?

Es war bis lange nach dem Zweiten Weltkrieg für deutsche Studenten üblich, zwei Semester an einem Ort zu studieren und dann zu wechseln. Heute ist das durch die Verdichtung des Studiums kaum noch möglich. Als eine „Durchreiche“ weiter nach Westen würde ich unsere Universität ohnehin nicht betrachten. Allerdings müssen wir uns ständig darum bemühen, noch attraktiver zu werden. Dafür müssen wir besondere Angebote machen, die sich aus dem Profil der Hochschule ergeben. Deswegen gibt es unter anderem den Plan, mehrsprachige Studiengänge einzuführen, die perspektivisch gesehen unser Markenzeichen werden sollen.

Was bieten Sie heute, was ist geplant?

Trotz der knappen Gelder ist es uns bisher stets gelungen, herausragende Studiengänge anzubieten und gute Dozenten und Studenten an die Hochschule zu holen. Das liegt auch an der überschaubaren Größe der Universität und dem familiären Charakter der Zusammenarbeit, der schnelle Entscheidungen und kurze Wege ermöglicht. Unsere Kulturwissenschaftliche Fakultät ist einzigartig, so etwas gibt es nirgendwo sonst in Deutschland. Sie ist ein Anziehungspunkt für Studierende, die verschiedene geistes- und sozialwissenschaftliche Disziplinen in einer ganzheitlichen Perspektive studieren wollen. Hinzu kommt die Grenzerfahrung: Durch die Nähe zu Polen sind wir prädestiniert für vergleichende Kultur- und Transformationsforschung. Aber wenn wir dauerhaft gute Leistungen erbringen wollen, brauchen wir mehr Geld.

Sie beklagen seit langem, dass Ihre Universität unterfinanziert sei, und setzen auf das Modell der Stiftungsuniversität.

Wir sind in der Tat seit Beginn des Universitätsbetriebes unterfinanziert. Das zeigt ein Vergleich mit der ähnlich ausgerichteten Universität Erfurt: Dort werden mit einer Grundausstattung von 24 Millionen Euro im Jahr 4000 Studierende ausgebildet, wir dagegen haben für mehr als 5000 Studierende nur 19,5 Millionen Euro zur Verfügung. Schon als die Viadrina gegründet wurde, hat der Wissenschaftsrat darauf hingewiesen, dass die ehrgeizigen Pläne, die man mit dieser Universität hat, auch angemessen finanziert werden müssen. Das kann das Land Brandenburg leider nicht.

Nun sprechen Sie aber schon seit dem Jahr 2000 von einer Stiftungsuniversität.

Damals habe ich erste Gespräche über die Idee einer trinationalen Stiftungsuniversität geführt. Der Kapitalstock sollte von Frankreich, Polen und Deutschland bereitgestellt werden. Rechtlich hat sich diese Konstruktion aber als zu kompliziert herausgestellt. Wir streben jetzt zwei verschiedene Stiftungen an: eine, in der das Kapital verwaltet wird, und eine weitere, die Träger der Universität sein soll. Es soll eine Förderstiftung für die deutsch-polnische Wissenschaftszusammenarbeit entstehen, in die der Bund in drei Tranchen insgesamt 50 Millionen zahlt und an der sich Polen mit fünf Millionen Euro beteiligt. Von dem Zinsertrag der Stiftung sollen vornehmlich wir profitieren. Wir rechnen so mit zusätzlichen zwei Millionen Euro pro Jahr. Die Viadrina soll außerdem in eine öffentlich-rechtliche Stiftungsuniversität verwandelt werden. Rechtsaufsicht hätte das Land Brandenburg, das ja weiterhin Hauptfinanzier bleibt.

Was ist der Stand der Dinge?

Unser Vorhaben wird endlich nicht mehr als parteipolitisch motiviertes Projekt wahrgenommen, es ist aus den Schlagzeilen heraus, weil alle begriffen haben, dass es hier nicht um Parteiinteressen, sondern um ein national bedeutsames Anliegen geht. Auf Landesebene befinden wir uns schon seit längerem in einem Verhandlungsprozess mit dem brandenburgischen Wissenschaftsministerium hinsichtlich der Ausgestaltung der Stiftungsuniversität Viadrina.

Und da gibt es jetzt Streit?

Es gibt da einige Differenzen. Im Kern geht es darum, wie viele Befugnisse der Vertreter des Landes Brandenburg im Stiftungsrat haben soll. Hier sind wir unterschiedlicher Auffassung: Das Land beharrt auf einem Veto-Recht, wir dagegen denken, dass die Rechtsaufsicht und weitgehende Mitbestimmungsmöglichkeiten durch so genannte Zielvereinbarungen hinreichend sind. Wenn wir durch das Stiftungsgesetz schlechter gestellt werden als bisher, werden wir den Schritt der Umwandlung nicht gehen.

Reicht ein Stiftungsvermögen, das zwei Millionen Euro im Jahr abwirft, überhaupt aus?

Zwei Millionen wären angesichts eines Grundhaushaltes von 19,5 Millionen ein beachtlicher Zuwachs. Damit können wir mehrsprachige Studiengänge einrichten und Stellen von polnischen Hochschullehrern finanzieren.

Andere Unis müssen sich ihre Budgeterhöhung im Elitewettbewerb verdienen. Die Viadrina hat sich an dem Wettbewerb in der ersten Runde nicht beteiligt.

Das sind zwei verschiedene Paar Schuhe. Die Exzellenzinitiative soll herausragende Forschungsleistungen belohnen und stimulieren, beim Stiftungsprojekt Viadrina dagegen geht es um die Absicherung der Existenz der Universität. Zudem arbeitet eine Gruppe sehr engagiert daran, einen Antrag für die zweite Runde der Exzellenzinitiative auszuarbeiten. Dass so etwas gut vorbereitet sein muss, zeigt ja das Schicksal der Humboldt-Universität in der ersten Runde. Und für eine kleine Uni wie uns ist es schwieriger, die notwendige kritische Masse an Forschungsleistung zu erbringen, als für große Universitäten.

Ein weiteres ehrgeiziges Projekt ist die Humboldt-Viadrina-School of Governance, an der Nachwuchs für die Regierungsarbeit ausgebildet werden soll. 2005 haben Sie sich mit den Sponsoren überworfen. Was ist aus den Plänen geworden?

Dieses Projekt haben wir keineswegs aufgegeben. Die ursprüngliche, zunächst seriös wirkende Finanzierung durch ein Schweizer Konsortium kam dann doch aus etwas problematischen Quellen. Zudem wollten die Geldgeber inhaltlich auf die Arbeit der School einwirken. Da mussten wir einen Rückzieher machen. Inzwischen haben wir neues Geld eingeworben und sind kurz davor, das nötige Startkapital von drei Millionen Euro aufzubringen.

Nun gibt es in Berlin ja schon die Hertie School of Governance. Hat Ihr Projekt eine Chance, sich daneben zu etablieren?

Unser Programm ist sehr attraktiv: Neben Forschung und Lehre zu Modellen des Regierens in der globalisierten Welt entwickeln wir eine Politikplattform, auf der wir die Akteure demokratischer Gesellschaften – Zivilgesellschaft, traditionelle Politik und große Unternehmen – zusammenbringen wollen, um grenzüberschreitende Politikprojekte wie die Gesundheitsreform oder die Arbeitsmarktpolitik zu erörtern. Dazu haben wir das Potenzial von zwei großen Universitäten und ein großes Netz zivilgesellschaftlicher Organisationen.

Warum kann die Viadrina nicht einfach die kleine, feine Universität bleiben, als die sie vor 15 Jahren angetreten ist?

Ohne zusätzliche Gelder kann sich die Viadrina in zehn Jahren im Wettbewerb nicht mehr behaupten. Sie würde nicht von heute auf morgen eingehen, sondern langsam absterben. Das ist ein schleichender Prozess: Zuerst bekommt man bei Berufungen nicht mehr die Hochschullehrer, die man haben will, weil man keine vernünftige Ausstattung bieten kann. Dann bleiben die Studierenden weg, weil es keine attraktiven Programme mehr gibt. Der polnische Bildungsmarkt hat sich radikal verändert. Anfang der 1990er Jahre war ein Stipendium an der Viadrina das beste, was einem polnischen Studenten passierten konnte. Heute streben begabte Polen nach Großbritannien oder Amerika, wie dies auch Deutsche tun. Deswegen muss die Viadrina darauf achten, dass sie in der Konkurrenz der Hochschulen attraktiv bleibt. Das Projekt Stiftungsuniversität scheint mir hierfür der beste Weg zu sein – ein Scheitern würde die Zukunftschancen der Universität mit Sicherheit beschädigen.

Das Gespräch führte Amory Burchard.

Gesine Schwan (62), ist seit 1999 Präsidentin der Europa–Universität Viadrina in Frankfurt (Oder). 2004 kandidierte die Politikwissenschaftlerin für das Amt der Bundespräsidentin.

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