Gesundheit : Ein Neubrandenburger Professor öffnet ungewöhnliche Wege zur Systemtheorie

Tanjev Schultz

Wie können Professoren ihren Studenten abstrakte Theorien nahebringen, ohne sie anzuöden? Der Soziologe Peter Fuchs hat offenbar einen Weg gefunden: Er redet über Liebe und Sex. So hat er seine Studenten an der Fachhochschule Neubrandenburg an die komplizierte Systemtheorie von Niklas Luhmann herangeführt. Die pikante Vorlesung liegt nun als Buch vor.

Nicht nur wegen inhaltlicher Provokationen ("Können schwer geistig Behinderte lieben?") ist das Buch eine ebenso herausfordernde wie erfrischende Lektüre. Fuchs hat zudem versucht, den Stil einer lebendigen Vorlesung auch in der Buchfassung zu erhalten. Da werden zu Beginn jeder Vorlesung (der Kapitel) die Studenten begrüßt und am Ende mit markigen Sprüchen verabschiedet. Der Leser nimmt an einem regelrechten Dialog teil.

Dialog mit den Studenten

Zwischen den Vorlesungen haben die Studenten ihrem Professor Briefe mit Fragen und Bemerkungen geschickt, auf die er im nächsten Vortrag antwortet. Im Buch sind außerdem die Fragen und Antworten eines Abschlusskolloquiums abgedruckt. So mag es sein, dass von den Studenten Einwände geäussert wurden, die auch dem einen oder anderen Leser aus der Seele sprechen werden. Immerhin dürfte Fuchs mit seiner entzaubernden Analyse jeden (be-)treffen. Das System der modernen Liebe erscheint dem Luhmann-Schüler äußerst anfällig für Störungen und Enttäuschungen, denn es fuße auf der "Konstruktion wechselseitiger Totalannahme im Modus der Höchstrelevanz". Soll heißen: Wenn man liebt, muss man total lieben. Indem sich Liebende ganz aufeinander beziehen und nach außen abgrenzen, bilden sie eine Einheit - ein System.

Als Ausgleich zu einer ansonsten stark differenzierten, uneinheitlichen Gesellschaft gehe es im System der Liebe um alles oder nichts, um die "Komplettberücksichtigung des Anderen". Deshalb müsse selbst das, was nicht liebenswürdig ist, mitgeliebt werden. "Man muss, der Konstruktion nach, den fettigen Mund des Anderen, seine seltsam unförmigen Zehen, die Schuppen seiner Haare mitlieben." Das geforderte Ausblenden von Idiosynkrasien und die Überwindung von Ekelschwellen funktionieren aber nicht immer oder nicht auf Dauer. Und daher ist die Liebe stets gefährdet.

Die Möglichkeiten für Beziehungsfallen erweitern sich noch im Rahmen der Familie, die ebenfalls auf der "Operation" der Liebe aufbaue. Auch hier gebe es Absolutheitsansprüche und eine erstaunliche Toleranz gegenüber den Eigenheiten der Familienmitglieder. Es sei unmöglich zu sagen: "Ich liebe dich, Hans, mein Sohn, und Grete, du, meine Tochter, dich mag ich nur ein bisschen, und meine Frau, die Hexe, kann mir den Buckel runterrutschen!"

Kein Wunder, dass manche Studenten Fuchs vorgeworfen haben, ein Zyniker zu sein. Der meint, über Liebe und Sexualität werde "zu viel geschwiemelt und geschwafelt". Der bloßen Emotion traut er nicht über den Weg. Sein funktionalistischer Blick spürt hinter dem Schönen und Beglückenden das Unwahrscheinliche und Belastende der modernen Liebe auf.

Umstrittene Theorie

Diese Perspektive ist freilich so streitbar wie die gesamte Systemtheorie Luhmanns, der in "Liebe als Passion" Anfang der 80er Jahre eine stärker historische Analyse des Systems Liebe vorgelegt hatte, an die Fuchs mit seinen Thesen heute anknüpft. Seine Vorlesung kann daher auch als eine verständliche und unterhaltende Einführung in das Denken Luhmanns und seiner Schüler gelesen werden.

Sein flotter und provokanter Stil dürfte Fuchs übrigens die Aufmerksamkeit der Zuhörer und Leser einbringen, aber nicht unbedingt ihre Zuneigung. Zu Beginn der vierten Vorlesung stellt der Experte in "Liebessoziologie" ungerührt fest: "Meine Damen und Herren, es ist ganz offenkundig, dass Sie mich nicht lieben."Peter Fuchs: Liebe, Sex und solche Sachen. Zur Konstruktion moderner Intimsysteme. Universitätsverlag Konstanz, 1999. 124 S., 24,80 DM.

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