Gesundheit : Ein Pieks gegen den Tumor

Gebärmutterhalskrebs wird von Viren ausgelöst. Sollen alle Mädchen dagegen geimpft werden?

Adelheid Müller-Lissner

Auch für Deutschland fordern Frauenärzte, was beispielsweise im US-Bundesstaat Michigan bereits Pflicht ist. Alle Mädchen sollen gegen das Humane Papillomvirus (HPV) geimpft sein, wenn sie in die sechste Klasse kommen, also etwa mit zwölf Jahren. Damit wären sie weitgehend gegen Gebärmutterhalskrebs geschützt. An dieser Tumorart erkranken in Deutschland jährlich etwa 6500 Frauen neu. Pro Jahr sterben rund 1700 meist junge Frauen daran. Seit Herbst letzten Jahres ist einer von zwei Impfstoffen, die gegen verschiedene HPV-Typen schützen, bei uns zugelassen.

Viele Frauenärzte empfehlen ihren jungen Patientinnen die dreimalige Impfung. Die Kosten von 465 Euro übernehmen allerdings bisher nur ein paar Krankenkassen. Die Ständige Impfkommission (STIKO) beim Berliner Robert-Koch-Institut hat den Bundesländern gegenüber bereits im Dezember ein Statement zur neuen Impfung abgegeben. Dessen Inhalt - nach Auskunft des STIKO-Vorsitzenden Heinz-J. Schmitt (Universität Mainz) noch streng vertraulich – dürfte für das Verhalten der Kassen aber nicht unwichtig sein.

Der Impfstoff, der aus nicht infektiösen Partikeln des Erregers besteht, schützt gegen vier Typen eines Virus, das meist bei sexuellen Kontakten übertragen wird. Das Immunsystem bekämpft das Virus in den meisten Fällen erfolgreich. Andernfalls kann Gebärmutterhalskrebs entstehen. Insgesamt hat die Familie der Papillomviren, mit denen sich Menschen anstecken können, über 100 Mitglieder.

Die neuen Impfstoffe erfassen die HPV-Typen 16 und 18, auf die 70 Prozent aller Tumoren am Gebärmutterhals zurückgehen. Zusätzlich zu diesen Hauptübeltätern enthält der erste zugelassene Impfstoff Partikel der HPV-Typen 6 und 11, die mindestens 90 Prozent aller Genitalwarzen verursachen – ein weiteres Übel, das von Papillomviren herrührt.

Im Alltag spielt eine weit größere Rolle, dass viele Frauen nach der Früherkennungsuntersuchung wegen einer Auffälligkeit im Zellabstrich beunruhigt sind und dass bei Vorformen von Krebs oft ein Gewebekegel aus dem Muttermund herausgeschnitten werden muss.

Studien zufolge sind junge, noch nicht mit HPV infizierte Frauen nach der Impfung fast völlig vor Infektionen mit denjenigen Erregern geschützt, deren Bestandteile im Impfstoff enthalten sind. „Jede Frau, die noch nicht mit HPV in Berührung gekommen ist, sollte geimpft werden“, erklärt Achim Schneider, Leiter der Klinik für Gynäkologie an der Charité.

Das spricht für eine Impfung vor dem ersten Sexualkontakt. Denn ob sich eine Frau infiziert hat, ist nicht sicher zu ermitteln. Standardisierte, zuverlässige Tests auf Antikörper, die den Kontakt des Immunsystems mit dem Erreger beweisen können, existieren nicht.

Mögliche Erfolge einer Impfung lassen sich nur pauschal schätzen. „Wenn alle 35-jährigen Frauen geimpft würden, ließe sich das Krebsrisiko wahrscheinlich um etwa 40 Prozent reduzieren“, sagt Schneider. Einen Durchbruch erhoffen er und seine Kollegen sich jedoch für die nächste Frauengeneration: Optimistische Modellrechnungen – bei denen vorausgesetzt wurde, dass der Schutz lebenslang anhält und dass auch andere HPV-Typen miterfasst werden – ergaben, dass die Impfung aller zehn- bis zwölfjährigen Mädchen das Krebsrisiko um 80 Prozent senken würde.

Die Ziele sind jedoch ehrgeiziger gesteckt. „Wenn wir eines Tages alle HPV-Typen mit einem Impfstoff abdecken und wenn wir es schaffen, alle Mädchen zu impfen, bevor sie mit HPV in Kontakt gekommen sind, brauchen wir den Zellabstrich zur Krebsvorsorge nicht mehr“, sagt Schneider.

Da die Papillomviren entwicklungsgeschichtlich alt sind, ist die Gefahr relativ gering, dass neue Typen entstehen könnten. Keineswegs ausgeschlossen ist aber, dass heute unbedeutende HPV-Typen im Rahmen eines „Replacement“ anstelle der Typen 16 und 18 gefährlich werden könnten. Zudem ist unklar, wie lange der Impfschutz anhält. Die Untersuchungen umfassen bisher nur einen Zeitraum von fünf Jahren. Sie werden allerdings fortgeführt.

Einstweilen ist die Gefahr nicht gebannt. Die Impfung wird also die Früherkennung, wie sie jeder Frau über 20 zusteht, auf absehbare Zeit nicht überflüssig machen. „Das gilt für alle sexuell aktiven Frauen“, sagt Gynäkologe Schneider. Für diesen Pap-Abstrich, benannt nach seinem Erfinder, dem griechischen Arzt George Papanicolaou, werden Zellproben vom Gebärmutterhals entnommen und unter dem Mikroskop auf Auffälligkeiten untersucht.

Umstritten ist, ob das wirklich jedes Jahr geschehen muss. In Ländern, in denen nur alle drei Jahre getestet wird, ist Gebärmutterhalskrebs nicht häufiger. „Wenn der Test nicht jedes Jahr wiederholt wird, ist es umso wichtiger, dass die Teilnahmeraten von derzeit 50 auf 80 bis 90 Prozent steigen“, fordert Schneider.

Mindestens so hohe Raten sind auch bei der Impfung nötig, um das zu erreichen, was Virologen „Herdenimmunität“ nennen. Aus solchen Erwägungen heraus wird auch darüber nachgedacht, das Impfprogramm auf Jungen auszuweiten.

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