Gesundheit : „Ein Platz in der Gesellschaft hält jung“

Anti-Aging-Medizin will die Spuren des Alterns bekämpfen – mit den falschen Mitteln, sagt Marianne Koch

-

Frau Koch, jeder träumt davon, lange jung zu bleiben. Sie stehen der „Anti-Aging“- Medizin skeptisch gegenüber. Warum?

Der Begriff „Anti-Aging“ hat einen miserablen Beigeschmack, seit sich die Hormon- Gurus und andere Scharlatane seiner bemächtigt haben. Jung zu bleiben ist durchaus erstrebenswert. Aber wenn man die Spuren des Älterwerdens als Katastrophe oder gar „krankhaft“ darstellt und den Leuten suggeriert, nur wer Botox unter die Falten spritzt und sich den Busen hochzurren lässt, habe ein Recht auf Liebe und Erfolg, diskriminiert das all diejenigen, die ihren Körper und ihre Lebenslust ohne künstliche Nachhilfe behalten wollen.

Eines Ihrer Bücher hat den schönen Titel „Körperintelligenz“. Was unterscheidet Körperintelligenz denn von Anti-Aging?

Körperintelligenz ist das Bewusstsein, eine höhere Lebenserwartung zu haben als frühere Generationen, dabei aber zu wissen, dass es einer gewissen Anstrengung bedarf, um die geschenkten Jahre zu genießen – mit funktionierendem Körper und wachem Geist. Also nicht auf künstliche Verjüngungstechniken zu setzen, sondern die natürlichen Möglichkeiten des Jungbleibens zu aktivieren.

Was muss man beherzigen, wenn man die zweite Lebenshälfte gesund genießen will?

Gar nicht so viel. Die Wissenschaft hat gezeigt, dass es im Grunde darauf ankommt, beweglich zu bleiben. Also: feste Knochen, geschmeidige Gelenke, starke Muskeln, unverkalkte Blutgefäße und, besonders wichtig, auch die geistige Beweglichkeit erhalten. Wie man das macht? Gesund ernähren, Übergewicht abbauen, sehr viel Bewegung, Blutdruck- und Cholesterinwerte normalisieren, nicht rauchen. Und für den Geist gibt es nichts Besseres, als ein Leben lang Neues zu lernen.

Das klingt gut. Aber mit welchen Einschränkungen muss man sich abfinden?

Das ist individuell verschieden. Für die Gehirnfunktion gilt, dass man auch bis ins höchste Alter Neues begreifen kann. Die Lernvorgänge dauern allerdings etwas länger als früher. Und es bedarf auch einer größeren Anstrengung, wenn man sich etwas merken will. Einen geistigen Abbau nur wegen des Alters gibt es aber nicht. Wenn das Gedächtnis nicht mehr funktioniert, dann meist wegen Trainingsmangel oder krankheitsbedingter Veränderungen des Gehirns, wie Arteriosklerose.

Viele Ältere klagen über schmerzende Gelenke und Knochen. Frage an die Präsidentin der Deutschen Schmerzliga: Muss man sich mit höherem Alter daran gewöhnen?

Definitiv nicht. Ich weiß, dass es auch Ärzte gibt, die zu ihren betagten Patienten sagen: „Was wollen Sie denn – schauen Sie sich doch Ihr Geburtsdatum an!“ Das ist grausam. Alter ist keine Krankheit und Schmerzen sind kein Schicksal. Man kann und muss sie behandeln. Gerade, um die Lebensqualität Älterer zu erhalten.

Die meisten Menschen haben viel Angst davor, alt auszusehen. Was hilft da wirklich?

Es hat eine Untersuchung gegeben, welche Kriterien wichtig sind, wenn man das Alter eines Menschen schätzt. Wenn jemand an Ihnen vorbeigeht und Sie schäzen sein Alter – was ist wohl ausschlaggebend? Gesicht? Figur? Kleidung? Alles falsch. Es ist die Art, wie sich der Fremde bewegt. Ob er mit aufrechter Haltung, mit elastischen Schritten an Ihnen vorbeigeht oder gebeugt, ohne innere Spannung, vorbeitrottet. Was ich meine: Aussehen ist tatsächlich nicht so wesentlich.

Man sollte also seinen Frieden mit dem eigenen Aussehen machen?

Man sollte sich pflegen, ganz klar. Man sollte nicht rauchen – das vermindert die Blutversorgung der Haut, schädigt ihre elastischen Fasern und erzeugt so Falten – und sich vitaminreich ernähren. Das ist alles bekannt. Wichtiger wäre es, eine neue Sicht auf Ältere zu bekommen. Es ist doch lächerlich, sie mit Zwanzig- und Dreißigjährigen zu vergleichen und, noch schlimmer, dass sie selbst diesen Blick auf sich haben. Wir brauchen eine neue Ästhetik für Ältere, um sie vor Diskriminierungen zu schützen, die durch den ständigen Vergleich mit den Jungen entstehen und ihr Selbstbewusstsein zerstören.

Welche Rolle spielt dabei unsere „Mediengesellschaft“?

Eine sehr große. Es hat in letzter Zeit erfreulicherweise Ansätze gegeben, auch nicht mehr ganz so junge Frauen als Protagonistinnen in großen Fernsehproduktionen zu beschäftigen. Ich denke da an Senta Berger oder Iris Berben. Oder an die 59-jährige Diane Keaton, die in dem wunderbaren Film „Was das Herz begehrt“ mit dem auch nicht mehr taufrischen Jack Nicholson große Liebesszenen spielt – inklusive flüchtige Nacktszenen, in denen man Nicholsons etwas aus dem Leim gegangenen Hintern bewundern kann. Aber im Allgemeinen gelten natürlich noch die Kriterien der Werbeindustrie: Jung und schön ist gleich erfolgreich. Da haben wir – und die Medien – noch viel zu lernen.

Welche Verantwortung haben Sie als Medizinerin und „öffentliche Person“?

Ich bin in der glücklichen Situation, auch mit über siebzig noch produktiv zu sein. Ich habe eine wöchentliche Live-Sendung im Bayerischen Rundfunk – „Gesundheitsgespräch“ – in der je ein medizinisches Thema behandelt wird. Das Thema „Altern“ spielt eine große Rolle. Und selbstverständlich wollen die Hörer auch mal wissen, ob ich mich an meine Ratschläge halte, und welchen Sport ich mache.

Das wird unsere Leser auch interessieren, so attraktiv und strahlend, wie Sie …

… ja, ich ernähre mich gesund und gehe täglich mit meinen beiden Corgi-Hunden über die Hügel am Starnberger See.

Und Sie klingen sehr zuversichtlich, was unsere alternde Gesellschaft betrifft.

Wir alle, Mediziner, Politiker und Medienschaffende, haben es in der Hand, in den nächsten Jahren aus der „überalterten Gesellschaft“ – ein Ausdruck, den ich hasse –, eine zu machen, in der ältere, vergnügte, aktive und nützliche Menschen wichtige Rollen übernehmen. Einen Platz in der Gesellschaft zu haben hält jung.

Das Interview führte Adelheid Müller- Lissner.

Marianne Koch, 74, hat bis 1997 als Ärztin in München gearbeitet. Bekannt wurde sie als Darstellerin in über 70 Filmen. Heute ist sie Buchautorin und Präsidentin der Deutschen Schmerzliga.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben