Gesundheit : Ein Präsident der Herzen

Keine Kompromisse: Welche Favoriten an der Humboldt-Universität gehandelt werden

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„Die Hochschule brummt mit Namen“, heißt es aus der HumboldtUniversität. Seit feststeht, dass der jetzige Präsident Jürgen Mlynek doch nicht mehr für eine zweite Amtszeit zur Verfügung steht, dreht sich das Kandidatenkarussell. Ein Bewerber von außen wäre ebenso denkbar wie eine interne Lösung, sagt ein Mitglied des Konzils, des Gremiums, das den Präsidenten wählt. Schließlich habe das Kuratorium der Universität weltweite Verbindungen. Doch auswärtige Kandidaten werden erst ins Spiel kommen, wenn die Findungskommission der Uni aktiv wird. Und fest steht: Viele der Gremienmitglieder werden sich nicht auf eine reine Vernunftlösung einlassen oder eine „Katze im Sack“ kaufen. Nachdem man den nicht sonderlich beliebten Mlynek überraschend los ist, soll jetzt ein Präsident der Herzen gefunden werden, „das Optimum“, wie einer sagt. Bisher kreisen die Gespräche deshalb nur um Wissenschaftler, die man an der Hochschule schon kennt. Wir stellen die Personen vor, die in diesen Tagen am häufigsten als zukünftiger Präsident der Humboldt-Uni genannt werden. Alle von ihnen halten sich noch bedeckt. Denn ähnlich wie bei der Papstwahl gilt: Wer als Präsident ins Konzil geht, kommt als Professor wieder heraus.

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Heinz-Elmar Tenorth gehört zu den Hoffnungsträgern vieler Universitätsmitglieder. Bislang hat Tenorth zwar immer betont, er wolle sich aus der Hochschulpolitik zurückziehen und stand deshalb im Februar nicht zu einer zweiten Amtszeit als Vizepräsident für Lehre und Studium zur Verfügung. Doch das Präsidentenamt ist eine andere Herausforderung. Möglich, dass Tenorth kandidiert. Mit ihm würde die Humboldt-Universität nicht nur einen ausgewiesenen Wissenschaftler zum Präsidenten bekommen, sondern auch ein politisches Schwergewicht. Der vor 60 Jahren in Essen geborene Erziehungswissenschaftler wechselte 1991 von einer Professur in Frankfurt am Main an die Humboldt-Universität, die er bestens aus jahrelanger Gremienarbeit kennt. Gut vertraut ist Tenorth auch mit der Kultusministerkonferenz (KMK), für die er die Oberstufenreform an Gymnasien vorbereitete und Kerncurricula entwickelte. An die Humboldt-Universität berufen wurde Tenorth von Erich Thies, nach der Wende Dekan der Erziehungswissenschaften der HU. Heute ist Thies Generalsekretär der KMK. Vermutlich verdankt die Humboldt-Universität Tenorths Kontakten einen großen Coup: Sie bekam das neue Institut für Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB), das im Auftrag der KMK die neuen Bildungsstandards für Deutschlands Schulen entwickelt. Im Kuratorium der Humboldt-Universität hat Tenorths Kandidatur starke Befürworter. Doch welche Chancen hätte Tenorth bei den Gremien? Die Geisteswissenschaftler erhoffen sich, durch ihn mehr Einfluss zu gewinnen. Doch bei den Studierenden ist Tenorth umstritten. Und konservative Professoren kritisieren sein Engagement für Bachelor-Studiengänge. Gerade den Naturwissenschaftlern unter ihnen passt es nicht, dass das auch im Ausland angesehene Diplom seinem Ende entgegengeht.

Karl Max Einhäupl ist als Vorsitzender des Wissenschaftsrats unter den möglichen Kandidaten der bekannteste Wissenschaftsmanager. Mit dem 1947 in München geborenen Einhäupl würde die Humboldt-Universität einen äußerst profilierten Kenner der Wissenschaftspolitik im Bund und in Berlin sowie einen exzellenten Wissenschaftsstrategen gewinnen. Einhäupl hat klare Vorstellungen davon, wie sich die deutsche Hochschullandschaft entwickeln soll. Schon lange vor der Bundesregierung hat er Elite-Universitäten gefordert. Doch eben das gefällt nicht jedem an der Humboldt-Universität. Vor allem behagt vielen nicht, dass Einhäupl Mediziner ist, seit 1993 als Direktor der Neurologischen Klinik der Charité. Aus Sicht vieler gehört er damit nicht wirklich zur Humboldt-Universität. Denn die Charité entwickelt sich – wie man an der Uni mit Unbehagen beobachtet – zunehmend zu einer eigenen Hochschule. Warum sollte die Universität also jemanden aufs Schild heben, der in seinem Amt Loyalitätskonflikte aushalten müsste? Womöglich lässt sich Einhäupl ohnehin nicht zu einer Kandidatur überreden. Wenn demnächst seine Amtszeit im Wissenschaftsrat ausläuft, könnte er seiner Klinik den Vorzug geben.

Hans Jürgen Prömel ist als jetziger Vizepräsident für Forschung ein weiterer denkbarer Kandidat. Der aus Nordrhein-Westfalen stammende 51-jährige Mathematiker ist ein ernst zu nehmender Wissenschaftler, dessen Karriere ihn über Bielefeld und Bonn sowie an die University of California, Los Angeles führte. Prömel könnte an der Humboldt-Universität für Kontinuität sorgen, denn er hat sehr eng mit dem scheidenden Präsidenten Jürgen Mlynek zusammengearbeitet. Andererseits könnte eben das seine Chancen beeinträchtigen. Prömel habe gegenüber Mlynek im Präsidium nicht genug Eigenprofil entwickelt, meinen manche, die sich jetzt einen völligen Neuanfang wünschen. Dagegen erkennen andere an, dass Prömel ein besonnener, ausgleichender Charakter ist, was der gebeutelten Universität gut tun könnte.

Einen Anspruch auf den Präsidenten könnten auch die Naturwissenschaftler der HU erheben – schließlich verlieren sie mit dem scheidenden Physiker Mlynek einen aus ihren Reihen. Als Kandidat für diese Interessengruppe könnte der Biologe Richard Lucius ins Rennen gehen. Lucius gilt als einer der einflussreichsten Vertreter der naturwissenschaftlichen Fächer im Konzil der HU. Seit er 1995 an die HU kam, hat er sich ein weites wissenschaftliches Netzwerk aufgebaut: Er ist Sprecher eines Graduiertenkollegs der Deutschen Forschungsgemeinschaft und vorläufiger geschäftsführender Direktor des interdisziplinären Zentrums für Infektion und Immunität. Für Lucius sprechen seine Beziehung zu den naturwissenschaftlichen Instituten in Adlershof, die die meisten Drittmittel an der HU einwerben und die er als Präsident noch stärker zur Geltung bringen könnte. Lucius werden aber allenfalls Außenseiterchancen eingeräumt, sollte er tatsächlich kandidieren.

Als Wunschkandidat vieler gilt dagegen der Philosoph Martin Kusch , der in Cambridge lehrt. Im Februar begeisterte er das Konzil, das Wahlgremium der HU, als er sich um das Amt des Vizepräsidenten bewarb. Sein Vortrag wurde von vielen als außerordentlich intelligent, witzig und sympathisch bewertet. Pluspunkte sammelte der Philosoph auch, weil er sich intensiv in die Akten der Universität eingelesen hatte und sich bestens auskannte. Die Studenten waren von ihm so eingenommen, dass sie ihn sogar spontan als Gegenkandidat zu Mlynek um das Präsidentenamt aufstellen wollten – doch dazu war es damals schon zu spät. Kusch unterlag im Februar gleichwohl seiner Gegenkandidatin, der Juristin Susanne Baer. Das beruhte aber vor allem auf Gründen des Wahlproporzes: Das Konzil wollte eine gute Frau mit juristischen Sachverstand. Gleich nach den Wahlen setzten Überlegungen ein, wie man Kusch an die Humboldt-Universität binden könne – zumal Kusch nach eigenen Aussagen aus persönlichen Gründen einen Wechsel nach Berlin wünscht. Ist dies der richtige Moment? Kusch kommt von außen. Aber er ist kein Fremder mehr, dem die Gremien nicht trauen. Mit Kusch würde ein junger – Jahrgang 1959 –, aber schon angesehener Philosoph an die Spitze der HU kommen. Nicht ohne Grund wird er zur Zeit an der Universität Konstanz auch als Nachfolger von Jürgen Mittelstraß gehandelt. Kusch würde Erfahrung aus Finnland und Neuseeland sowie von den Universitäten Toronto und Edinburgh mitbringen. Aber hat Kusch auch genug hochschulpolitische Erfahrung, um auf dem schwierigen politischen Parkett Berlins zu bestehen?

Der neue Präsident soll noch in diesem Sommer gewählt werden.

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