Gesundheit : Ein rastloser Professor aus Hamburg Politologe will Chef der Humboldt-Uni werden

Anja Kühne

Seine Chancen? „Es sind die Chancen des Außenseiters“, sagt Michael Thomas Greven. Als der Hamburger Politologe die Stellenausschreibung während eines USA-Aufenthalts las, konnte er nicht wissen, dass der amtierende Präsident der Humboldt-Universität (HU), Jürgen Mlynek, wieder um diese Position kandidieren würde. Denn Mlynek gab seine Bewerbung erst bekannt, nachdem er seine Aussichten auf Wiederwahl bei den Uni-Gruppen eruiert hatte. Greven hat vor seinem Mitbewerber viel Respekt. Doch „die hohe Attraktion“ des Präsidentenamtes der Uni im Herzen der Hauptstadt lässt ihn einen Versuch wagen.

Greven geht unbefangen an seine Kandidatur, die HU kennt er bislang nur aus der Distanz. Er weiß nichts von den Widerständen, die sich gegen Mlynek formiert haben, weil man ihm gutsherrliches Auftreten und Kommerzialisierung der Universität vorwirft. Greven hat noch nicht mit dem Amtsinhaber gesprochen. Sein wissenschaftlicher Weg hat ihn bislang an Berlin vorbeigeführt.

Dabei ist er sein Leben lang mobil gewesen. Der 1947 geborene Hanseat ging in Hamburg, Krefeld und Bonn zur Schule. In Bonn und Köln studiert er, in Paderborn habilitiert er sich im Alter von 29 Jahren mit dem Thema „Politikwissenschaft und Politische Soziologie“. Sein erster Ruf kommt aus Marburg, danach geht es an die TU Darmstadt und dann nach Hamburg, wo Greven seit 1995 lehrt. Auslandserfahrung sammelte der rastlose Professor an Universitäten in Nigeria, Neu-Delhi, Wien und Toronto.

Jetzt zieht es Greven also nach Berlin, auf schwieriges Pflaster. Ständig wechseln die Wissenschaftssenatoren, gibt es neue große Sparauflagen. Greven sieht das gelassen: „Es gibt wohl einen Wettbewerb im Jammern unter den Bundesländern“, sagt er. Überall werde ja gespart, auch in Hamburg. Gegen Pläne des dortigen Wissenschaftssenators Dräger, die Geisteswissenschaften zu halbieren, hat Greven Protestbriefe unterschrieben. „Das Kunststück besteht darin, trotzdem innovative Schwerpunkte zu setzen“, sagt Greven und verweist auf das von ihm gegründete Zentrum für Globalisierung und Governance, an dem exzellente Forscher arbeiten sollen.

Mlynek sieht in der HU eine Elite-Universität. Der nüchterne Hanseat dagegen hält nichts davon, wenn ganze Hochschulen als Elite-Einrichtungen gefördert werden, wie es die Bundesregierung wünscht: „Es gibt an jeder Uni bessere und schlechtere Einheiten“, sagt er. Lieber sollten einzelne leistungsstarke Bereiche gefördert werden. Vielleicht könnte ihm diese Haltung bei manchen von Mlyneks Gegnern Sympathien einbringen. Vielleicht gefällt den Studentenvertretern auch, dass Greven den Protest initiierte, der verhinderte, dass Russlands Präsident Putin Ehrendoktor der Hamburger Uni wurde.

Hochschulpolitisch befindet sich Greven im Mainstream. Er kann sich vorstellen, den Uni-Etat mit Studiengebühren zu stützen – doch nur, wenn die Politik ein flankierendes Kreditsystem schafft. Greven will nicht, dass die Uni „kommerzialisiert“ wird. „Aber sie soll sich des Wertes ihrer Leistung bewusst sein.“ Sollte Greven Präsident der HU werden, würde er auch die Studienreform mit Master und Bachelor vorantreiben. „Wir müssen mit der Lebenslüge aufräumen, dass immer noch alle in Humboldts Geist ausgebildet werden können“, sagt er.

Greven entschuldigt sich dafür, dass er noch kein Foto von sich auf seiner Homepage hat und nicht darin geübt sei, druckreife kurze Sätze zu bilden. Sonst aber sei er auf das Amt des HU-Präsidenten gut vorbereitet. Die lange Liste seiner Publikationen auf dem Feld Politische Theorie und Ideengeschichte weist ihn als akademisches Schwergewicht aus, seine Studie „Die politische Gesellschaft“ (1999) wurde mit dem italienischen Luigi-Sturzo-Preis als bestes politikwissenschaftliches Buch ausgezeichnet, mehrfach hat er für seine Projekte DFG-Gelder eingeworben. Wenn Greven Gespräche mit den Uni-Gruppen aufnimmt, kann er auch auf jahrzehntelange Erfahrung in dutzenden von Gremien und Ausschüssen verweisen, etwa als Dekan, als Mitglied von Reformkommissionen in NRW und der Kultusministerkonferenz oder bei der Schader-Stiftung.

Welche Chancen die HU dem Außenseiter gibt, wird sich im Februar bei den Wahlen zeigen.

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