Gesundheit : Ein Riese erwacht

Jahrzehntelang steckte die Freie Universität Berlin in einem Tief. Deswegen wird sie heute unterschätzt

Anja Kühne

Wenn von Deutschlands zukünftigen Elite-Universitäten die Rede ist, fällt immer der Name der Humboldt-Universität (HU). „Sie ist der weiße Elefant der Unilandschaft“, sagt ein Hochschul-Forscher. Und meint damit: Die Humboldt-Universität steht unter Artenschutz. Sie liegt im Herzen der Hauptstadt, beruft sich auf die Tradition der alten Berliner Universität mit ihren Nobelpreisträgern und gilt als Lieblingsuniversität der finanzstarken Bundesbildungsministerin Bulmahn. Wer wollte ihr also einen sicheren „Elite“-Platz in der neuen Spitzen-Liga abschlagen, die die Bundesregierung plant? Auch die Berliner sehen das so: In einer Emnid-Umfrage im Januar plädierten 53 Prozent (in Ost-Berlin 67 Prozent) dafür, die HU als „Elite-Uni“ besonders zu fördern. Nur 19 Prozent (in West-Berlin 26 Prozent) waren für die Freie Universität (FU).

Warum eigentlich so wenig? Etwa, weil die FU zu weit ab vom Schuss liegt? Auch Stanford liegt nicht in der City. – Etwa, weil die FU keine historische Dignität ausstrahlt? Im Gegenteil: Die FU wurde 1948 als Antwort auf die stalinistische Unterdrückung von Forschern und Studenten der Uni im Ostteil der Stadt gegründet. – Oder sehen viele in der FU noch immer den aufgeblähten, von ideologischen Grabenkämpfen in den Gremien lahmgelegten Tanker? In Wahrheit belegt die FU auf den bundesweiten Forschungs-Rankings unter den 99 deutschen Universitäten immer Plätze weit vorn, manchmal auch vor der HU.

Dass die FU heute unter den Besten mitspielt, hätte noch vor zehn Jahren niemand zu träumen gewagt. Die Öffnung zur Massenuniversität und die Politisierung der Universität nach 1968 hatten die Forschung erstickt. Die riesigen Geisteswissenschaften etwa konnten jahrzehntelang keinen der angesehenen Sonderforschungsbereiche der Deutschen Forschungsgemeinschaft nach Berlin holen. Unterdessen blockierte sich die Uni selbst. Der Konstanzer Philosoph Jürgen Mittelstraß, der kurz nach der Wiedervereinigung Berlins Hochschulen untersuchte, sagte damals über die Gremien der Uni: „Beschlussunfähigkeit scheint das Schicksal der FU zu sein.“

Wie hat sich die Uni aus diesem Tief emporgeschuftet? Nach der Wende haben die Politiker nicht mehr an die FU geglaubt. Berlin hatte damals die Chance einer Stunde null: mit der Humboldt-Universität. Als Kaderschmiede musste sie ohnehin zum Teil ganz von vorn anfangen. Sogleich streckten sich ihr helfende Hände entgegen. Der damalige Wissenschaftssenator Erhardt wollte eine Elite-Uni in Berlin schaffen – einen Stachel im Fleische der FU. Zugleich diskutierte die Stadt, ob sie überhaupt zwei Unis mit ähnlichem Fächerangebot braucht. Noch 1997 schilderte Gesine Schwan, damals FU-Professorin, im Tagesspiegel einen Alptraum: Ein reitender Bote verkündet, dass die Uni vom Senat geschlossen wird. „Da bin ich aufgewacht“, schrieb Schwan.

Und manche schon früher. Angesichts der Konkurrenz mit der Humboldt-Uni und gewaltiger Sparvorgaben der Politik ging (und geht) es für die Freie Universität ums Überleben. Mitte der neunziger Jahre beginnt eine Aufholjagd. Dabei kommt der FU schließlich auch die Erprobungsklausel des Senats zupass. Die Hochschulen dürfen seit 1998 probeweise die Entscheidungswege in den Gremien verkürzen und finanziell eigenständiger agieren – eine politische Pionierleistung, die andere Bundesländer inzwischen zu kopieren beginnen. Die FU und die HU nutzten ihre Chance, nicht aber die TU, die das heute bereut. Auch neuer politischer Druck hilft den Unis seitdem auf die Sprünge. Ein Teil des Zuschusses verteilt Berlin nach Erfolg. Diejenige Uni, die die besten Zahlen in Forschung, Lehre und Geschlechtergleichstellung vorweisen kann, bekommt Geld von den anderen beiden Unis. Nach diesen Kriterien ist Berlins beste Uni: die FU.

Die FU hat in einem Jahrzehnt die Hälfte aller Professuren einsparen müssen. Trotzdem verbesserte sie ihre Einnahmen aus Drittmitteln im gleichen Zeitraum um über 80 Prozent. Ein FU-Professor wirbt heute im Schnitt zweieinhalb Mal so viel ein wie noch vor elf Jahren. Allein zwischen 2002 und 2003 steigerte die FU ihre Drittmittel von 49,8 Millionen Euro auf 55,4 Millionen Euro. Die Humboldt-Universität legte im Jahr 2003 deutlich weniger zu: um knapp 150000 Euro auf 37,4 Millionen Euro.

Was läuft an der FU anders? Fachbereiche, die sich verbessern, bekommen mehr Geld. Das gibt es bislang nur an wenigen Unis in Deutschland. An der HU hat das Präsidium Zielvereinbarungen bislang nur mit zwei Fachbereichen geschlossen. „Die Fachbereiche werden sich ihrer Verantwortung bewusst, es herrscht ein völlig anderes Klima“, sagt Mechthild Koreuber, die Frauenbeauftragte der FU. Zum Beispiel in Sachen Gleichstellung. Beide Unis, HU und FU, haben zwar einen etwa gleich großen Anteil an Professorinnen (rund 16 Prozent). Doch die FU legte im letzten Jahrzehnt doppelt so schnell zu wie die HU.

„Die Präsidenten Gerlach und Gaehtgens haben das Auto FU neu gebaut“, hat unlängst ein Mitarbeiter der FU-Verwaltung gesagt. „Präsident Lenzen will jetzt damit fahren.“ Und zwar schnell. Als erste deutsche Universität hat die FU unlängst den amerikanischen Weg des Fundraising beschritten und bei einem Gala-Dinner in New York 5000 zahlende Gäste zusammengebracht. Der Präsident ist kontaktfreudig. Dem schlechten Image der FU bei der Wirtschaft der Region begegnet er mit regelmäßigen Gesprächsrunden. Taktisch geschickt hat Lenzen mit der großen Münchner Universität eine Partnerschaft geschlossen – man will gemeinsam forschen und womöglich auch gemeinsame Anträge für das Eliteprogramm formulieren.

Ihre massiven Probleme in der Lehre, die vielen Abbrecher und Langzeitstudenten, will die FU mit einem Ruck bewältigen. Schon Ende nächsten Jahres sollen alle Studiengänge auf die neuen Abschlüsse Bachelor und Master umgestellt sein. Ein ehrgeiziges Ziel. Die TU hofft, bis 2009 so weit zu sein, die Humboldt-Universität will sich lieber nicht festlegen. Ob bei dem Tempo der Reform die FU nicht nur alten Wein in neue Schläuche füllt, wird sich zeigen.

Auf keinen Fall aber muss die FU den Vergleich mit der HU scheuen. Die FU ist zwar kein weißer Elefant, sondern ein grauer. Aber ein sehr dynamischer.

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