Gesundheit : Ein Spiel mit den Roten und den Weissen Russen

Erwin Könnemann

Geheim-Akten beweisen: 1920 planten Putschisten und Sowjetrussland die Teilung PolensErwin Könnemann

Schon die Geburtswehen der Weimarer Republik waren sehr schmerzhaft. Linke Aufstände und rechter Terror sorgten Anfang 1919 dafür, dass der jungen Demokratie so mancher Geburtsfehler in die Wiege gelegt wurde. Und es blieb turbulent. Die republikanische Verfassung war gerade mal sieben Monate alt, da arbeiteten konservative Kreise schon wieder an ihrem Ende. Am Morgen des 13. März 1920 marschierte die eigentlich von der Reichsregierung aufgelöste Marinegarde Ehrhardt mit klingendem Spiel in die Reichshauptstadt ein, um die sozialdemokratische Koalitionsregierung Bauer zu stürzen. Damit kam eine dramatische Entwicklung zum Abschluss, die etwa ein Jahr zuvor von Wolfgang Kapp eingeleitet worden war. Der ostpreussische Generallandschaftsdirektor verfolgte seit dem Februar 1919 das Projekt einer "nationalen Erhebung" in Ostpreussen und eines anschließenden "Marsches auf Berlin". Ziel des Unternehmens: Die Beseitigung der parlamentarisch-republikanischen Staatsform. Dabei war ihm jede Unterstützung recht, wie jetzt aufgetauchte Dokumente beweisen. Der völkisch-konservative Kapp bat sogar die neuen roten Herren im Moskauer Kreml um Unterstützung. Der Preis sollte die Teilung Polens sein.

"Polen aus Posen hinauswerfen!"

Doch zunächst sah sich Kapp im ihm nahestehenden poltischen Spektrum um. Unmittelbar nach der Unterzeichnung des Versailler Friedensvertrages, die auf den heftigsten Widerstand des Offizierskorps gestoßen war, forderte Kapp in einem Brief vom 5. Juli 1919 an den Stabschef des Armeekommando Nord, Oberst Wilhelm Heye, von Ostpreussen aus gegen den Frieden anzugehen und "die Polen aus der Provinz Posen hinaus zu werfen". Dann, so hoffte er, würde die nationale Welle wieder hochgehen. Heye berichtete seinem Chef, General Hans von Seeckt, von Kapps Intentionen. Doch der lehnte jegliche Umsturzpläne ab.

Mehr Glück hatte Kapp bei Erich Ludendorff. Der letzte Generalstabschef des Weltkrieges hatte bereits durch seinen politischen Berater Oberst Max Bauer bei den Engländern sondieren lassen, wie sie sich bei einem Putsch von rechts verhalten würde. Aus einer Aktennotiz Bauers geht hervor, dass die Briten positive Signale sandten. Der Leiter der britischen Militärmission in Köln, Colonel Ryan, habe gemeint, die Alliierten könnten sich mit der beabsichtigten Unternehmung abfinden, wenn sich Ludendorff im Hintergrund hielte.

Mit der vermeintlichen Rückendeckung Englands setzten die Verschwörer in Deutschland unter anderem auf die Unterstützung der weißrussischen Monarchisten, die gegen die in Moskau regierenden Bolschewisten kämpften. In einem Brief an den "Wohltäter Ostpreussens" brachte am 9. November 1919 der Befehlshaber der Russischen Freiwilligen Westarmee, Fürst Awalow-Bermondt, die gemeinsamen Interessen beider Länder auf den Punkt: "Sobald in Russland und Deutschland die gleichen festen Regierungsformen hergestellt sind, wird die Ruhe in beiden Ländern gesichert sein. Indem Deutschland uns in unserem Kampfe gegen den Bolschewismus hilft, bekämpft es auch den eigenen Spartakismus mit seinen dem russischen Kommunismus verwandten Ideen." Die russischen Weißgardisten erlitten jedoch vernichtende Niederlagen. Die Verschwörer disponierten um. Oberst Bauer suchte - so sein politischer Emmissär, Ignaz Trebitsch-Lincoln, in seinen Erinnerungen - einen anderen "aktionsfähigen, marschwilligen Verbündeten: Sowjetrussland".

Laut Trebitsch-Lincoln kam es im Februar 1920 zu Kontakten zwischen Oberst Bauer und dem diplomatischen Vertreter Sowjetrusslands in Berlin, Victor Kopp. Man sei übereingekommen, dass nach "Errichtung eines gegenrevolutionären Regimes in Deutschland die deutschen Streitkräfte und die Rote Armee in Polen einmarschieren" sollten. Die Erinnerungen Trebitsch-Lincolns gelten im Allgemeinen als nur bedingt glaubwürdig, weil er seine eigene Rolle masslos überhöht, aber in diesem Fall bestätigt ein Dokument, das sich im Nachlass von Oberst Bauer befindet, seine Aussage. In diesem undatierten Entwurf für eine Wirtschafts- und Militärkonvention heißt es, dass die "russischen Truppen in Polen zunächst nicht die Weichsel überschreiten" und die "deutschen Truppen zunächst an der jetzigen deutschen Grenze stehen bleiben" sollten. Die "Grenzen zwischen Deutschland und Russland" würden nach dem Stand von Juli 1914 wiederhergestellt. Polen stand also vor einer Teilung. Die "innere Neuordnung der Dinge" wäre die Sache eines jeden Landes, wobei "beide Regierungen" sich verpflichteten, "jede Propaganda ihrer Untertanen in dem anderen Lande nach Möglichkeit zu verhindern".

Eine Auswertung der sowjetischen Archive könnte den endgültigen Beweis erbringen, ob dieses ungeheuerliche Dokument - das in bezug auf Polen eine Vorwegnahme des geheimen Zusatzprotokolls des Hitler-Stalin-Paktes von 1939 bedeutete - tatsächlich Gegenstand von Besprechungen Oberst Bauers mit Victor Kopp war.

Nachdem der Putsch am 17. März 1920 in sich zusammenbrach, weil ihm die Unterstützung von Volk und Reichswehr fehlte, flüchtete Kapp ins Exil nach Schweden. In einem Privatbrief an Hugo Stinnes vom 19. August 1921 macht er das sensationelle Eingeständnis, dass er bereits "im März 1920 die wirtschaftliche und politische Annäherung an Sowjetrussland mit dem Ziel ihrer politischen Auswertung gegen die Entente in Aussicht genommen" habe. Die "bolschewistische Gefahr" die "allenthalben beschworen" und "angeblich auch von Ludendorff befürchtet wurde", hielt er "für stark überschätzt".

Solche Worte klingen im Munde eines Mannes seltsam, der den Kampf gegen den Bolschewismus sowohl bei der Auslösung seines Staatsstreiches als auch bei seiner Beendigung zum Leitmotiv seines Handelns machte. Doch immer hatte er beide russischen Kräftekonstellationen im Blickfeld. Mitte Februar 1920 hatte Kapp, noch während der Verhandlungen mit Victor Kopp also, seine Kontakte zu dem weißrussischen Emigranten General Biskupski und ehemaligen zaristischen Staatsrat Dr. Bruno Müller aktiviert. Er legte ihnen 16 spezifizierte Fragen vor, die von diesen am 16. Februar 1920 beantwortet wurden. Zur "Befreiung Russlands vom Bolschewismus" veranschlagten sie für Aufstellung und Ausrüstung einer Truppe von 10 000 Mann 2,5 Millionen Mark. In 1,5 bis 2 Monaten könnte die Armee etwa 200 000 Mann stark sein, dementsprechend würden die Kosten auf Hunderte von Millionen bzw. Milliarden Mark anwachsen. Um solche riesigen Beträge aufbringen zu können, war sogar an den Druck von Falschgeld gedacht, das nach einem bestimmten Schlüssel zwischen den russischen und deutschen Konterrevolutionären aufgeteilt werden sollte.

Macchiavellistische Politik

Man ist geneigt, diese Angaben ins Reich der Fabel zu verweisen; am 29. Dezember 1919 hatte jedoch die Provinzialstelle für die Überwachung der öffentlichen Ordnung in Magdeburg darüber informiert, dass "Papiergeld für die Bermondt-Armee in Deutschland ausgefertigt worden ist und noch wird". Da dieses "Bermondtgeld gegen deutsches Reichsgeld eingetauscht" würde, erwüchsen dem Deutschen Reich erhebliche Nachteile, weshalb gegen die "Hersteller dieses Geldes und nach den Platten die Fahndung ausgeschrieben" werden müsste.

Im Februar 1920 krönte Luddendorff das Spiel mit den weißen und roten Russen, indem er sich öffentlich für eine Intervention gegen Sowjetrussland aussprach, obwohl er ebenfalls in die Moskauer Pläne involviert war. Daraufhin informierten die empörten Sowjets die Engländer über die deutschen Umsturzabsichten, die nun ihrerseits durch ihren Botschafter in Berlin, Lord Kilmarnock, die deutsche Regierung warnten. Als am 8. März 1920 Oberst Bauer bei dem Chef der britischen Militärmission General Malcolm wegen des bevorstehenden Umsturzes "vorfühlte", erteilte ihm dieser eine eindeutige Abfuhr. Die "Entente lehne jeden gegenrevolutionären Gewaltstoss ab". Mit ihrer macchiavellistischen Politik hatten sich die Verschwörer zwischen alle Stühle gesetzt.Der Autor ist Mitherausgeber einer Dokumentation unter dem Titel "Der Kapp-Lüttwitz-Ludendorff-Putsch", der im Sommer 2000 im Olzog-Verlag, München erscheinen wird (ca. 1060 Seiten, Preis 258 Mark).

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