Gesundheit : Ein Stück von der Sonne

In sechs Tagen geht die Sonde „Genesis“ auf der Erde nieder. An Bord: Ein Krümelchen Sonnenstaub

Rainer Kayser

Am 8. September spielt sich über den Salzseen von Utah ein wissenschaftliches Schauspiel ab: An einem Gleitschirm schwebt eine Kapsel aus dem Weltraum herab. Von hinten nähert sich ein Hubschrauber und nimmt den Schirm mit einer Schleppleine an den Haken. Mit dem gewagten Manöver will die Nasa verhindern, dass die empfindlichen Detektorscheiben an Bord der Kapsel beim Aufprall zerstört werden.

Denn in diesen zerbrechlichen Scheiben befindet sich Materie von der Oberfläche unserer Sonne, unverfälschter Stoff aus der Geburtsstunde unseres Sonnensystems, eingefangen von der Raumsonde „Genesis“ während ihrer 27 Monate langen und drei Millionen Kilometer weiten Reise durchs All.

Gerade einmal 400 Millionstel Gramm des wertvollen Stoffes bringt „Genesis“ zur Erde zurück. Das entspricht etwa einem Zehntel der Masse eines Sandkorns. Doch für die Astronomen ist diese kleine Menge von unschätzbarem Wert. Die Sonnenmaterie soll den Forschern helfen, die Frage zu beantworten, warum die chemische Zusammensetzung in unserem Sonnensystem so unterschiedlich ist, obwohl doch alle Himmelskörper aus einer einzigen großen Gas- und Staubwolke entstanden sind.

In Modellrechnungen versuchen die Wissenschaftler zu verstehen, wie diese Unterschiede im Laufe der Entwicklung unseres Sonnensystems zustande gekommen sein könnten. Doch dabei fehlt den Forschern ein wichtiger Baustein: die exakte chemische Zusammensetzung der solaren Urwolke.

Diese Lücke hoffen die Forscher nun zu schließen. Denn während im Zentrum der Sonne Wasserstoff zu Helium verbrennt und sich dort die chemische Zusammensetzung permanent wandelt, hat sich an der Oberfläche über Jahrmilliarden vermutlich wenig verändert. Die von Genesis eingefangenen Teilchen könnten also die unverfälschte Zusammensetzung des Urnebels widerspiegeln.

Verständlich, dass die Forscher der Ankunft der Raumsonde entgegenfiebern und bangen, dass die Detektorscheiben die Landung unbeschädigt überstehen. Deshalb beauftragte die Nasa Cliff Fleming, einen der bekanntesten Stunt-Piloten Hollywoods („Dante’s Peak“, „Star Trek IV“), mit der delikaten Aufgabe. Bisher hat Fleming die Kapsel bei allen Tests im ersten Versuch erwischt und sanft zum Boden gebracht. Doch am 8. September gibt es einen wichtigen Unterschied zum Filmgeschäft, sagt Fleming: „Wenn am Set etwas schief geht, wiederholen wir die Szene. Hier muss es beim ersten Mal perfekt klappen, sonst war die jahrelange Vorarbeit der Forscher vergebens.“

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