Gesundheit : "Ein ungeheures Privileg"

DOROTHEE NOLTE

Wie studierte es sich 1948 und 1968, wie heute? Frauen aus drei Generationen über ihr Studium an der FUVON DOROTHEE NOLTEAm Anfang war der Kerzenschein."Wir saßen auf Tischen, weil es keine Stühle gab", erinnert sich Marita Waldow an ihre Studienzeit."Jeden Nachmittag fiel der Strom aus.Die Regale waren nur zu einem Viertel mit Büchern gefüllt, und Stifte gab es auch nicht." Trotzdem läßt die rüstige Siebzigerin keinen Zweifel daran: "Ich habe es als ein ungeheures Privileg des Schicksals empfunden, studieren zu dürfen.Wir waren so glücklich, endlich das tun zu können, was uns interessierte."Marita Waldow gehörte zu den ersten Studenten und Studentinnen, die im Wintersemester 1948 die neugegründete Freie Universität besuchten.Wenn sie von ihren Erlebnissen erzählt, dann kommt ein Hauch der Aufbruchstimmung dieser Jahre auf, als eine Gruppe von Studenten die damalige Berliner Universität Unter den Linden verließ und im Westteil der Stadt eine freie Universität aufbaute.Heute, fünfzig Jahre nach der Gründung, besteht Anlaß genug zurückzublicken - auch und gerade für die Frauen, die die Dahlemer Hochschule in den vergangenen Jahrzehnten besucht haben und noch besuchen.Zu einem "Generationsgespräch von Hochschulfrauen" lud daher am Frauentag die Bürgermeisterin von Berlin, Christine Bergmann, ins Rote Rathaus.Ungefähr 200 Frauen unterschiedlichen Alters verfolgten die Diskussion, bei der Marita Waldow als Vertreterin der "48er Generation", Johanna Kootz als "68erin" und Ulrike Gonzales als "98erin" ihre Erfahrungen verglichen.Aus den biographischen Schnipseln wurde deutlich, wieviel sich in den letzten fünfzig Jahren verändert hat - in der Gesellschaft allgemein, aber auch für die Frauen.1948 war es noch nicht selbstverständlich, daß begabte Frauen studierten, heute stellen sie die Hälfte der Studienanfänger.Benachteiligt habe sie sich aber nicht gefühlt, betonte Marita Waldow."Wenn man ein Referat hielt, bekam man Lob oder Kritik, unabhängig vom Geschlecht." Sie selbst war wegen ideologischer Vorbehalte nicht zum Studium an der Berliner Universität in Mitte zugelassen worden."Ich habe die Diskussionen um eine freie Universität mitverfolgt und wollte von Anfang an dabei sein." Jeden Tag fuhr sie vom elterlichen Wohnhaus in Kleinmachnow über die Grenze in den Westteil der Stadt, um dort Germanistik und Biologie zu studieren.Es gab noch Gebühren, aber die Universität vergab großzügig Stipendien.Täglich wurde man mit existentiellen Problemen konfrontiert: "Viele Männer hatten einen Arm oder ein Bein verloren, saßen im Rollstuhl oder hatten entstellte Gesichter." Und im Kino im U-Bahnhof Onkel-Toms-Hütte - "das war unser Audimax, da gab es immer Licht und Heizung" - sahen sie, fassungslos, die ersten Filme über Konzentrationslager.Der sich verschärfende Ost-West-Konflikt bot jeden Tag aufs neue Gesprächsstoff.Über Probleme von Frauen sprach man nicht - sie erschienen angesichts der historischen Umbrüche zweitrangig.Zwanzig Jahre später hatte sich das Bild gewandelt.Für viele junge Frauen wurde das Studium zur persönlichen Befreiung: weg von den Eltern, rein in die WG und in die Frauengruppe.Johanna Kootz, als Soziologin tätig an der Zentraleinrichtung Frauenforschung der FU, wollte unbedingt raus aus dem "Mief" der Kleinstadt, in der sie geboren war: "Da ging der Geschichtsunterricht nur bis Bismarck und wiederholte sich dann." Neugier und Wissensdurst trieben sie an die FU, wo sie Soziologie studierte."Ich habe mich wahnsinnig wohlgefühlt und habe das Studium als ein Privileg empfunden." Allerdings merkte sie bald, daß auch an der Universität nicht alles zum Besten stand."Die Themen, die uns interessierten - Frauenforschung, Psychoanalyse, politische Ökonomie - , mußten wir uns selbständig erarbeiten, denn sie lagen neben dem Lehrplan." Es gab nur sehr wenige Frauen im Lehrkörper, und als Thema in Forschung und Lehre tauchten Frauen ebenfalls nicht auf."Wir haben uns mit der Universität als einer männerdominierten Institution auseinandergesetzt" - ein Gedanke, der Marita Waldow in den späten vierziger Jahren gar nicht gekommen wäre.Heutzutage spricht wohl kaum eine Studentin mehr von einem "Privileg", studieren zu dürfen.Für die Medizinstudentin Ulrike Gonzales zum Beispiel verstand es sich von selbst, daß sie studieren würde.Aber sie klagt über die allgemeinen Studienbedingungen, die sich aufgrund der Kürzungen immer weiter verschlechtern.Eine politische Atmosphäre zu erzeugen sei schwierig, denn vielen sei nur daran gelegen, möglichst schnell zu studieren."Durch den Streik hat sich das vielleicht verändert", hofft sie.Unterschiede zwischen den Generationen zeigten sich auch in ihrer Einstellung zur Karriere.Marita Waldow hatte "nur den Wunsch, Gymnasiallehrerin zu werden, und den habe ich mir erfüllt.Aber man mußte sich irgendwann zwischen der Familie und dem Beruf entscheiden.Ich habe für die Familie meinen Beamtenstatus auf Lebenszeit aufgegeben." Für Johanna Kootz stellte sich die Frage nach einer "Karriere" zunächst nicht."Das war damals tabu.Wir hatten andere Prioritäten, wie das selbstorganisierte Lernen.Ich finde es gut, daß Studentinnen heute pragmatischer an ihre Berufsplanung herangehen und sie mit einer Familie vereinbaren wollen."Aber ach, dafür müssen auch Stellen vorhanden sein.Ulrike Gonzales erinnerte daran, daß die Berufsbilder immer unklarer werden und heutzutage auch Medizinerinnen und Juristinnen unter Zukunftssorgen leiden.Der Druck, immer mehr Qualifikationen aufzuhäufen, beispielsweise Auslandsaufenthalte, erhöhe sich.Über die Leichtigkeit, mit der Studentinnen heute ins Ausland gehen, wunderte sich Marita Waldow."Nach USA zu gehen, das war damals für uns so ein großer Schritt ..." Man darf gespannt sein, was eine Studentin des Jahres 2018 erzählen wird.

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