Gesundheit : Ein Virus mit Flügeln

Der Erreger der Vogelgrippe hüpft von Huhn zu Huhn und infiziert auch uns – Forscher fürchten, dass er bald von Mensch zu Mensch wandert

Bas Kast

Das Virus hüpft von Huhn zu Huhn. Der Erreger kann sogar auf den Menschen springen. Dann aber ist Schluss. Endstation für das gefährliche Vogelgrippevirus, das derzeit in Asien grassiert, ist der Mensch. „Der Mensch ist für das Virus eine Sackgasse“, sagt Bernhard Fleischer, Direktor des Bernhard-Nocht-Instituts für Tropenmedizin in Hamburg.

Bislang ist es dem Virus also nicht gelungen, sich von Mensch zu Mensch auszubreiten. Das ist die gute Nachricht. Die schlechte lautet: Die Virenforscher rechnen damit, dass dies jederzeit passieren kann. Und wenn es geschehen sollte, dann, befürchtet Fleischer, „kommt ein Erreger auf die Weltbevölkerung zu, auf den wir nicht vorbereitet sind“.

In Asien hat sich das Virus in Windeseile ausgebreitet. In Thailand und Vietnam sind mehrere Menschen gestorben. Über 24 Millionen Stück Federvieh starben oder wurden vorsorglich getötet. Soldaten und Arbeiter in Schutzanzügen fangen die Tiere mit Netzen, stecken sie in Plastiksäcke und begraben sie zum Teil bei lebendigem Leibe. Taiwan, Pakistan, Indonesien, Kambodscha, Japan und Südkorea sind ebenfalls betroffen – höchstwahrscheinlich auch Laos. „Das Ausmaß des Ausbruchs ist beispiellos“, sagt der Londoner Grippenexperte Alan Hay von der Weltgesundheitsorganisation WHO.

Steht uns eine weltweite Epidemie bevor? Diese Gefahr, darin sind sich die Experten einig, besteht erst dann, wenn es dem Virus gelingt, von Mensch zu Mensch zu wandern. „Wir beobachten das mit großer Sorge“, sagt Fleischer. „Am Ende ist es eine Sache der Wahrscheinlichkeit.“

Das Vogelgrippevirus lernt

Ähnlich wie sich verschiedene Tierarten an spezifische Umweltnischen anpassen, so spezialisieren sich auch Viren auf einen bestimmten Wirt. Im Gegensatz zu Bakterien können Viren nicht eigenständig überleben, dazu brauchen sie andere Organismen, beispielsweise ein Huhn, ein Schwein oder einen Menschen. Sie befallen ihren Wirt und breiten sich von Zelle zu Zelle aus. Weil sich das Vogelgrippevirus an geflügelte Arten angepasst hat, gelingt ihm die Vermehrung besonders gut in Hühnern, weniger im Menschen.

Aber ein Virus kann „lernen“. Es kann sich verändern und sich an einen neuen Wirt, etwa den Menschen, anpassen. Diese Gefahr ist besonders groß, wenn ein Mensch sich gerade mit einem üblichen Virus infiziert hat und dann auch noch vom Vogelgrippevirus befallen wird.

Die verschiedenen Erreger befinden sich nun in einem Körper und können ihre Erbgutinformationen austauschen. Auf diese Weise kann das Vogelgrippevirus von einem alten Influenza-Virus lernen, wie es sich in Menschen vermehrt. Es kann mit Genen bestückt werden, die es „fit für den Menschen machen“, wie Fleischer es formuliert. Das ist es, was die Experten derzeit am meisten befürchten.

Doch schon kleine Veränderungen des Virus auf Grund von Mutationen sind gefährlich. Denn das bedeutet, dass alte Impfstoffe – die beste Waffe gegen Viren – nicht mehr wirksam sind.

So ist der Erreger, der heute grassiert, kein Unbekannter. Er trat erstmals 1997 in Hongkong auf. Damals erkrankten 18 Menschen, sechs starben.

Analysen der WHO jedoch legen nun nahe, dass sich der Virusstrang mittlerweile verändert hat. „Das jetzt vorkommende Virus ist nicht dasselbe wie in Hongkong“, sagt Peter Cordingley, WHO-Sprecher in Asien. „Es ist mutiert, und wir müssen ganz von vorn anfangen, um den Prototypen eines Impfstoffes gegen dieses Virus zu entwickeln.“

Zwei Laboratorien, eines in Großbritannien, das andere in den USA, arbeiten zwar bereits mit Hochtouren daran, einen neuen Impfstoff zu schaffen – bis zur Fertigstellung aber wird es trotzdem wohl noch Monate dauern.

Geflügelzüchter in Gefahr

Zwar sind Impfstoffe bei der Bekämpfung eines Virus erste Wahl. Es gibt aber auch Medikamente, die gegen Viren wirksam sind, beispielsweise das „Tamiflu“ von der Pharmafirma Roche.

Das Mittel hemmt ein Eiweiß namens Neuraminidase, das sich auf der Hülle des Virus befindet. Mit Hilfe dieser Eiweißstruktur verlässt das Virus seine Wirtszelle und macht sich auf, neue Zellen zu infizieren. Wird das Eiweißmolekül blockiert, ist der Erreger in der Zelle gefangen und kann sie nicht verlassen.

„Das Medikament funktioniert zwar“, sagt Fleischer. „Es ist aber teuer.“ Zu teuer wohl für viele asiatische Länder. Wo inzwischen der Unmut wächst.

Der Vater eines an der Vogelgrippe gestorbenen thailändischen Jungen erhob schwere Vorwürfe gegen die Regierung. Informationen über einen Ausbruch der Krankheit seien über Wochen verschwiegen worden, was Tausende von Geflügelzüchter in Gefahr gebracht habe, sagte er. Sein Sohn könnte noch am Leben sein, wenn man mehr Zeit gehabt hätte, sich auf die Geflügelpest vorzubereiten.

Nachdem die Krankheit am Sonntag auch in Indonesien ausgebrochen ist, sieht sich die Regierung in Jakarta nun ebenfalls Vertuschungsvorwürfen ausgesetzt. Die Behörden hätten die Öffentlichkeit über Wochen nicht unterrichtet – auf Druck der Geflügelindustrie, wie der Veterinärforscher Marthen Malole vom Bogor Agrarinstitut der Zeitung „Jakarta Post“ sagte.

Dem Bericht zufolge starben seit August 4,7 Millionen erkrankte Hühner. 60 Prozent seien der Newcastle-Vogelkrankheit zum Opfer gefallen, der Rest sei an Vogelgrippe verendet.

Es gibt ein recht einfaches Mittel, mit dem sich Grippeviren töten lassen: Hitze. Die Gesundheitsbehörde WHO rät deshalb den Konsumenten, nicht nur Geflügelfleisch, sondern auch Eier auf mindestens 70 Grad zu erhitzen.

Für Asien-Touristen indes sieht man bislang keine erhöhte Gefahr. „Ich würde mich aber von einem Geflügelmarkt fernhalten“, sagt Fleischer.

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