Gesundheit : "Ein von Müller ist grammatischer Unsinn"

Daniel D. Eckert

Auch als Politiker blieb Jacob Grimm immer Sprachwissenschafter. Als Parlamentarier in der Frankfurter Paulskirche 1848 belehrte er das Hohe Haus während der Debatte über die Abschaffung des Adels darüber, dass der Namensbestandteil "von" zu Beginn lediglich auf die örtliche Herkunft hingedeutet habe. Anders als ein "von Weißenstein" mache ein "von Müller" also keinen Sinn und sei zudem grammatisch falsch. Dennoch war Grimm dagegen, die Aristokratie in Deutschland zu zerschlagen. Ihm war lediglich an der rechtlichen Gleichstellung von Adeligen und Bürgerlichen gelegen. Wie in anderen Punkten nahm er auch hier eine eher gemäßigte, vermittelnde Position ein.

Die meisten von uns kennen sie nur als die Herausgeber der weltberühmten Sammlung von "Kinder und Hausmärchen": die Brüder Jacob und Wilhelm Grimm. Doch die Geschwister waren äußerst vielseitige Persönlichkeiten, wie die diesjährigen Tagung der Grimm-Sozietät unter dem Motto "Die Brüder Grimm als Universalgelehrte" zeigte. Als Sprach- und Kulturwissenschaftler, als Literaturkritiker, als Pioniere der Volkskunde sowie als Bibliothekare erwarben sie sich bleibende Verdienste.

Schwache Stimme, große Reichweite

Wenig Beachtung hat bislang Jacob Grimms politisches Engagement gefunden. In seinem Vortrag machte der Magdeburger Wissenschaftshistoriker Armin Burkhardt indes deutlich, dass der Germanist ein hochpolitischer Kopf war, wenn auch kein Politiker. 1837 gehörte Jacob Grimm zu den "Göttinger Sieben", einer Gruppe von sieben Universitätslehrern, die das autoritäre und eigenmächtige Vorgehen des Hannoverschen König Ernst August öffentlich anprangerten. Eben erst auf den Thron gestiegen, hatte der die Verfassung für das Königreich kurzerhand außer Kraft gesetzt. Der Monarch reagierte äußerst verschnupft und verwies die sieben Professoren von der Hochschule. Als vermeintlicher Anstifter musste Jacob Grimm das Land binnen drei Tagen verlassen.

Dieses mutige Eintreten für den Verfassungsstaat sicherte dem Gelehrten ein dauerhaft hohes Ansehen in den liberal gesinnten Kreisen. So war es kein Wunder, dass er 1848 für ein Mandat in der Frankfurter Nationalversammlung nominiert wurde. In der Paulskirche gehörte Grimm zu den angesehensten Parlamentariern. Trotz seiner "schwachen Stimme" wurden alle seine Reden aufmerksam verfolgt. Der Gelehrte entwarf sogar die Präambel für eine gesamtdeutsche Verfassung, die mit folgenden Worten beginnen sollte: "Alle Deutschen sind frei, und deutscher Boden duldet keine Knechtschaft. Fremde Unfreie, die auf ihm verweilen, macht er frei."

Nach wenigen Monaten erlahmte Grimms parlamentarischer Eifer. Angewidert vom "Parteiengezänk" und vom "lärmenden Getriebe" hielt er sich den Sitzungen immer öfter fern. Schließlich stellte er seinen Sitz unter dem Vorwand zur Verfügung, sich um seine von der Cholera bedrohte Familie in Berlin kümmern zu müssen.

Jacob Grimms Ausflug in die Politik blieb Episode, die Vermählung von Gelehrten- und Abgeordnetenexistenz scheiterte. Ein Menetekel für das "Professorenparlament", den ersten gesamtdeutschen Versuch in Sachen Demokratie. Nur kurze Zeit nach Grimms Rückzug wurde die Frankfurter Nationalversammlung aufgelöst.

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